6.
Einst soll dies einem Jüngling (Hippolytus) wegen seiner Liebe zu Diana begegnet sein. Dichterische Lügen1 freilich malen die Sage so aus, daß Neptun aus Kränkung über die Bevorzugung des Nebenbuhlers Rosse zur Wut aufgestachelt haben soll. Es wird das als Zeichen seiner großen Macht gerühmt, daß er den Jüngling nicht mit Gewalt besiegte, sondern mit Trug überlistete. Man veranstaltet darum auch alljährlich ein Opfer zu Ehren der Diana: man schlachtet an ihrem S. 370 Altar ein Pferd. Die Jungfräuliche nennt man sie, die es über sich brachte — selbst Dirnen pflegen sich dessen zu schämen — einen Nichtliebhaber zu lieben. Doch mögen sie ihre Fabel von mir aus für bedeutungsvoll halten. Beide waren gewiß lasterhaft; doch weniger will es bedeuten, wenn ein Jüngling in Liebe zu einer Buhlerin so heftig entbrannte, daß er darüber zugrunde ging, als wenn zwei Götter, wie sie selbst zugeben, im Ehebruch wetteiferten. Zeus habe die Kränkung seines Schandkindes am Arzte des ehebrecherischen Buhlen gerächt, weil er dessen Wunden heilte. Derselbe hatte nämlich die Diana in den Hainen geschändet, die treffliche Jägerin nicht fürwahr auf Tiere, sondern auf Lüste — doch auch auf Tiere, um ihnen nackt nachzujagen.
Vgl. Verg. Aen. VII 761—782, ausführlicher Ovid Metam. XV 497—546 u. Fast. VI 737—756. Hippolytus, der Sohn des Theseus und Liebling der Diana, wurde von seiner Stiefmutter Phädra fälschlich beschuldigt, er stelle ihr mit Liebesanträgen nach. Der erzürnte Vater bat darum Neptun, ihn zu verderben. Dieser ließ einen mächtigen Stier aus dem Meere auftauchen, vor welchem die Rosse des Hippolytus scheuten, die ihn zu Tode schleiften. Diana jedoch ließ ihn von Äskulap durch Zauberkräuter wieder ins Leben rufen und versetzte ihn in einen ihr geweihten Hain. ↩
