Vorwort. Die Kriegsnöte der Stadt Nisibis.
S. 246 Die ersten zwölf Gedichte haben die Belagerung und Befreiung der Stadt Nisibis sowie damit zusammenhängende Heimsuchungen zum geschichtlichen Hintergrund. In welches Jahr ist nun das erste Ereignis zu setzen? Nisibis hat drei Belagerungen durch Sapor, den tatkräftigen Perserkönig und grausamen Christenverfolger, durchkosten müssen, da er durchaus die östlichste Provinz des Römerreiches und Armenien seinem Reiche einverleiben wollte. Die erste fand nach dem Tode Konstantins, also 338, die zweite 346, und eine dritte 350 statt. Diese dreimalige Einschließung bezeugt sowohl Ephräm als auch Sextus Rufus in seinem etwas nach 369 verfaßten Breviarium rerum gestarum populi Romani, cap. 27, und das aus dem Jahre 380 stammende Chronicon des Hieronymus [Berliner Kirchenväterausgabe, Eusebius VII 1, S. 234, 236 und 237]. Wollen wir dann bei den griechischen und syrischen Chroniken nähere Auskunft suchen, so stoßen wir auf ein Chaos der verschiedensten Darstellungen. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, daß Bickell in der im ersten Gedichte geschilderten Kriegsnot die dritte Belagerung vom Jahre 350 erblickt, während Lamy [S. Ephraem Syri Hymni et Sermones, Bd. 4, S. XXII] ihm Unrecht gibt und alles auf die erste Belagerung vom Jahre 338 bezieht. Woher diese Verschiedenheit in der Datierung? Lamy bringt die dort von Ephräm erzählten Ereignisse mit der Errettung der Stadt durch den Bischof Jacobus zusammen und muß daher, da Jacobus nach einheitlichem Zeugnis der Geschichtschreiber im Jahre 338 gestorben ist, wie es auch Ephräm wenigstens andeutet [13. Hymnus, 80 ff.], die erste Belagerung als Anlaß nehmen. Aber zu dieser Voraussetzung, daß beide Ereignisse, die Errettung aus Wassernot, die als das hervorstechende Kennzeichen der von Ephräm geschilderten S. 247 Belagerung zu gelten hat, und die Befreiung durch das Gebet des Jacobus bezw. durch das Auftreten von Mückenschwärmen, bei ein und derselben Belagerung stattgefunden hätten, sind wir weder genötigt noch berechtigt. Wie wir sehen werden, haben erst spätere Berichterstatter, die wohl samt und sonders auf Theodoret zurückgehen, dieses Zusammenschmelzen ursprünglich getrennter Ereignisse vorgenommen; Theodoret hat, weil er nur einmal von der Belagerung in seiner Kirchengeschichte und in der Historia religiosa spricht, alles, was er wußte, in dieser einen Schilderung zusammengetragen.
Nun haben wir aber außer der Schilderung Ephräms noch die eines kompetenten Zeitgenossen, nämlich des Kaisers Julian, der in seiner I. und II. oratio ad imperatorem Constantium auch die Befreiung von Nisibis auf das Ruhmeskonto des letzteren schreiben möchte und uns darum eine sehr lebendige Darstellung hinterlassen hat [Juliani imperatoris quae supersunt ed. Hertlein; oratio I, S. 33 f.; II, S. 79 ff.]. Die von ihm gebotene Erzählung gehört ganz sicher in das Jahr 350; andererseits sind die ihr zugrunde liegenden charakteristischen Ereignisse [Wassernot!] entschieden identisch mit den von Ephräm berichteten; also muß auch die im ersten Hymnus geschilderte Belagerung ins Jahr 350 fallen. Die Schwierigkeiten, die sich aus den verschiedenen Angaben über die Dauer der Belagerung nach den Ausführungen Lamys gegen diesen Schluß erheben, halte ich für unerheblich. Auch kann ich nicht glauben, daß etwa Sapor beidemal eine Überschwemmung herbeigeführt hat. Außerdem, wenn die Errettung wirklich auf das unmittelbare Eingreifen des Bischofs Jacobus zurückzuführen wäre, wie es Theodoret dramatisch aufputzt, dann hätte Ephräm, der große Verehrer seines Lehrers Jacobus, schwerlich verfehlt, in seinem Gedicht diesen Zug kräftig zu unterstreichen; er erwähnt ihn gar nicht, nur 13,113 – 115 sagt er, daß die Reliquien jenes die Stadt retteten, und 17,106 f. wünscht er, daß der neue Bischof Abraham der Stadt eine Mauer sei wie Jakob. [Lamy, S. XX führt in die Irre, wenn er beide Zitate so verbindet: Jacobus, qui fuit Nisibenis sicut murus et salvavit S. 248 urbem.] Ob überhaupt aus der auch von Ephräm vertretenen Anschauung, daß die Reliquien dieses heiligen Bischofs ein rettendes Panier für die Stadt bedeuteten, erst der spätere, und dann als legendär zu betrachtende Zug, daß Jacobus durch sein persönliches Eingreifen die Stadt errettete, entstanden sei, möchte ich dahingestellt sein lassen.<br|>Da die lebhafte, bisweilen von gelehrten Reflexionen unterbrochene Schilderung Julians die zuverlässigste Erläuterung zum ersten Hymnus ist, möge sie hier im Abriß folgen. Sapor zieht mit ungeheuren Truppen und Troß heran und schließt die Stadt ein; durch Dämme gelingt es ihm, den ohnehin zur Frühjahrszeit angeschwollenen Mygdonius so zu stauen, daß die Stadt nur noch wie eine Insel aus dem See hervorragt. Nun schafft er auf Schiffen Belagerungsmaschinen an die Stadt heran. Die Bewohner leisten erbitterten Widerstand, werfen Steine und Feuerbrände auf die Belagerer, die große Verluste an Soldaten und Maschinen erleiden. Doch inzwischen hat das Wasser eine Mauer unterspült, sie fällt ein; aber auch die Staudämme scheinen teilweise der Gewalt des Wassers nicht mehr gewachsen zu sein; denn das Wasser tritt zurück, und Sapor muß auf dem völlig versumpften Gelände einen Angriff machen, der ihm nur große Verluste an Reiterei und Elephanten einbringt. So hat er inzwischen vier Monate vor der Stadt zugebracht. Die Belagerten haben unter dem Schutz von Soldaten in unerwarteter Schnelligkeit die eingestürzte Mauer wieder aufgerichtet, so daß ein erneuter Angriff durch Bogenschützen gerade gegen jene Bresche erfolglos bleibt. Krankheiten und Hunger scheinen ebenfalls sein Heer heimgesucht zu haben, so daß er schließlich die Belagerung aufheben muß, nicht ohne vorher ein strenges Strafgericht über jene Führer abgehalten zu haben, die nach seiner Ansicht den Mißerfolg verschuldet hatten. Vielleicht haben auch Unruhen in anderen Gebieten seines weiten Reiches seine baldige Anwesenheit nötig gemacht; so meinen spätere Geschichtschreiber.
Theodoret, der, wie erwähnt, die Ereignisse der ersten und dritten Belagerung zur Darstellung einer S. 249 einzigen zusammenschweißt, spricht sowohl in der Vita des Jacobus [Historia religiosa I, Migne PG. 82,1304] als auch in der Kirchengeschichte [Migne PG. 82,1076f .; Berliner Kirchenväter: Theodoret, Kirchengeschichte, herausgegeben von Parmentier, 167 ff.] von einem Eingreifen des Bischofs Jacobus und verlegt demgemäß auch das Ereignis in die Zeit kurz nach dem Tode Konstantins. Schon die Erfolglosigkeit des ersten Angriffs mit den Belagerungsmaschinen wird dem Gebete des Jacobus zugeschrieben. Das Stauen des Mygdonius hat den Einsturz der Mauer zur Folge, doch wartet Sapor einen Tag mit dem Angriff, damit sich das Wasser erst verlaufe. Die Bewohner stellen auf Betreiben des Jacobus die Mauern wieder her; er betet inzwischen in der Kirche. Der Sturm ist wieder erfolglos. Nach der Historia religiosa wird Jacobus gebeten, die Mauer zu besteigen und den Feind zu verfluchen; als er die Menge der Feinde erblickt, bittet er, Gott möge Mückenscharen gegen sie kommen lassen; sofort geschieht es, und die von ihnen gequälten Elephanten und Pferde richten eine fürchterliche Verwirrung unter den Soldaten an. Sapor glaubt in dem Heiligen auf der Mauer den Kaiser selbst erblickt zu haben und bestraft seine Umgebung, weil man ihm verschwiegen habe, daß der Kaiser anwesend sei.
In der Kirchengeschichte ist das letztere etwas anders dargestellt. Der Kaiser sieht nach der Wiederherstellung der Mauer auf ihr einen Mann in kaiserlichem Gewande und glaubt, daß es Konstantius sei; er schießt voll Wut einen Pfeil gen Himmel. Dann erst wird erzählt, wie Ephräm den Bischof Jacobus bittet, auf die Mauer steigen zu dürfen; ihm, nicht dem Bischof, wird dann die Verfluchung zugeschrieben. Der Erfolg ist der gleiche wie oben.
Diese Darstellung ist dann von den meisten späteren Schreibern, oft in sklavischer Anlehnung, übernommen worden. So in den syrischen Viten des Ephräm, die den Schluß natürlich in der Fassung der Kirchengeschichte Theodorets bieten.
Das Chronicon paschale [Migne PG. 92, 717 u. 724; vgl. Berliner Kirchenväterausgabe: Philostorgios, ed. Bidez, S. 216 ff.], das auch die Belagerung vom Jahre 337 S. 250 kennt, schreibt für die vom Jahre 350 eine ausführlich arianische Quelle aus, die merkwürdigerweise auf den Bischof Vologeses von Nisibis zurückgeführt wird. Die Darstellung Theodorets ist noch um einige Züge bereichert, doch wird Jacobus nicht genannt; der Mann auf der Mauer, den Sapor für den Kaiser hält, ist nur ein „Jemand“. Dieselbe Quelle benutzt auch Theophanes in seiner Chronographia [ed. de Boor I, 34, 33; 38, 10; 39,13].
Unter den Syrern erscheint die Schilderung der Belagerung nach Theodorets Kirchengeschichte; so in der Vita des Jacobus [Bedjan, Acta Martyrum et Sanctorum 4, 270 ff.), in der Chronik Michaels des Großen [herausgegeben von Chabot, S. 135 f., Übersetzung S. 266 f.] und bei Barhebraeus, Chronicon [ed. Bedjan S. 61]. Georg, der Araberbischof, beruft sich für seine Notiz über die Rolle, die Ephräm bei der Belagerung spielte, ausdrücklich auf Theodoret [Georgs des Araberbischofs Gedichte und Briefe, übersetzt von Ryssel, Leipzig 1891, S. 47]. In der wertvollen Chronik von Arbela [= Sources syriaques, vol. 1, ed. Mingana, Leipzig 1907, S. 48 f.; E. Sachau, Die Chronik von Arbela, Abhandlung der Berliner Akad. d. Wiss. 1915, Philos.-histor. Klasse, Nr. 6, S. 74] heißt es, daß nach dem Tode Konstantins Sapor Nisibis belagerte; infolge des Gebets des Bischofs Jakob, das er auf der Mauer zu Gott richtete, schickte Gott Insekten gegen die Armee des Perserkönigs; diese belästigten die Pferde, und darob entstand große Verwirrung, der König mußte abziehen. - Zum Jahre 351 berichtet die Chronik von einer erneuten Belagerung von Nisibis, ohne Einzelheiten anzugeben; Sapor muß wegen Aufruhrs anderer Völkerschaften heimkehren, läßt aber viele Truppen vor Nisibis und in Mesopotamien stehen.
Von den Berichten anderer Chroniken, die meist Auszüge aus älteren Quellen bringen und für unseren Fall in letzter Linie auf Theodoret zurückgehen, kann wohl abgesehen werden.
Als Resultat ergibt sich jedenfalls, daß man drei Belagerungen der Stadt Nisibis anzunehmen hat, S. 251 von denen die zweite keine nähere Darstellung gefunden hat und die erste und dritte vielfach verwechselt und verschmolzen worden sind. Die erste fand bald nach dem Tode Konstantins statt und scheint durch ein Eingreifen des Bischofs Jakob eine günstige Wendung genommen zu haben. Vielleicht haben wir das Auftreten von Mückenschwärmen, wie es die auch sonst zuverlässige Chronik von Arbela schildert, wenn es überhaupt historisch ist, hier unterzubringen. Die dritte Belagerung, die uns Ephräm als Augenzeuge, Julian als Zeitgenosse schildert, ist charakterisiert durch die künstlich herbeigeführte Überschwemmung der Umgebung von Nisibis. Die erste und dritte Belagerung erscheinen bald in den Berichten – die älteste greifbare Quelle hierfür ist Theodoret – als eine, und die bei beiden verschiedenen Vorgänge sind auf ein Ereignis zusammengedrängt, das, wenn es überhaupt zeitlich bestimmt erscheint, meist in die Zeit nach dem Tode Konstantins verlegt wird, also mit der ersten Belagerung konkurriert. In der Zuteilung der Rollen des Mauerbesteigens und Verfluchens ist Theodoret noch schwankend; – ob überhaupt Ephräm im Jahre 338 schon eine solche Stellung neben dem Bischof einnehmen konnte? – Neuere Bearbeiter der Geschichte dieser Zeit, denen die Ereignisse bei der Belagerung fester mit dem Jahre 350 verankert erscheinen als mit der genauen Zeit des Bischofs Jacobus, lassen ihn einfach bis zum Jahre 350 leben; dieser Charybdis sind sowohl Gibbon [The History of the Decline and Fall of the Roman Empire, edited by J. B. Bury, London 1896, Vol. 2, S. 229] als auch Seeck [Geschichte des Untergangs der antiken Welt, IV. Bd. [1911], S. 95] verfallen; nach Tillemont, Histoire des Empereurs 4,2 [Bruxelles 1709] hat Jakob in allen drei Belagerungen die Rettung herbeigeführt.
Die Abfassungszeit dieser ersten Reihe von Hymnen dürfte nach Bickell folgendermaßen zu bestimmen sein: Nr. 1 ist während oder bald nach der Belagerung von 350 entstanden, ebenso 2 – 3 kurz darauf; 4 – 12 stammen aus dem Jahre 359, wie sich aus den angedeuteten kriegerischen Ereignissen ergibt, die bei Ammianus Marcellinus näher beschrieben sind.
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