18. Daß die unvernünftigen Leidenschaften in uns aus der Verwandtschaft mit der unvernünftigen Natur ihren Ursprung haben.
Ich glaube nämlich, daß aus diesem Anfange auch alle Leidenschaften wie aus einer Quelle zumal strömend das menschliche Leben überfluthen. Beweis aber für diese Behauptung dürfte die Verwandtschaft der Triebe sein, die in gleicher Weise an uns sowohl als an den Thieren sich zeigt. Denn es ist gewiß nicht Recht, der nach dem Bilde Gottes gestalteten Menschennatur die ersten Anfänge der leidenschaftlichen Affizirtheit zuzuschreiben, sondern da das Leben der unvernünftigen Thiere zuerst in diese Welt eintrat, Etwas aber von jener Natur aus dem genannten Grunde auch der Mensch erhielt, die Art der Erzeugung nämlich, so nahm er dadurch auch an dem Übrigen Theil, was an jener Natur bemerkt wird. Denn nicht im Zornesaffekt liegt die Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, noch kennzeichnet durch die Lust sich die allerhöchste Natur, und Feigheit und Keckheit, die Sucht nach Erhöhung und der Haß gegen Verringerung und Alles dergleichen ist ferne von dem Gottes würdigen Charakter. Dieß also hat aus dem unvernünftigen Theile die menschliche Natur zu sich herangezogen. Denn, womit das thierische Leben zu seiner Erhaltung ausgerüstet wurde, das wurde, in’s menschliche Leben übertragen, zu Leidenschaften. Durch Zorn nämlich erhalten sich die Fleischfressenden, Wollust bewahrt die vielzeugenden Thiere, die S. 264 schwachen die Zaghaftigkeit, die für die stärkeren leicht bezwingbaren die Furcht, die fleischreichen die Gefräßigkeit, und das Nichterlangen von irgend Etwas, wonach sie gelüsten, ist bei den unvernünftigen Thieren ein Anlaß zu Mißmuth. Dieß alles und dergleichen ist durch die thierartige Erzeugung in die Natur des Menschen mit hereingekommen. Und man gestatte mir, nach einem gewissen Bildkunstwerke das Menschenbild mit Worten zu zeichnen.1 Gleichwie man nämlich unter den Bildwerken Doppelgestalten sehen kann, welche die Liebhaber solcher Kunstwerke zur Überraschung Derer, die sie erblicken, verfertigen, indem sie an einem Kopfe zwei Gesichter anbringen, so scheint mir der Mensch eine doppelte Ähnlichkeit mit dem Entgegengesetzten an sich zu tragen, indem er einerseits durch das Gott-ähnliche der Vernunft nach der göttlichen Schönheit gestaltet ist, anderseits durch die inwohnenden Leidenschaften die Verwandtschaft mit dem Thierischen an sich trägt. Oft aber verthiert er auch ganz2 durch die Hinneigung und den Hang zum Unvernünftigen, indem er das Gute durch das Böse ganz verhüllt. Denn wenn Einer hiezu die Vernunftthätigkeit herabzieht und den Verstand zwingt, ein Diener der Leidenschaften zu werden, so geschieht eine Verkehrung des guten Bildes in die thierische Fratze, so daß die ganze Natur hiezu umgemodelt wird, indem der Verstand die Keime der Leidenschaften gleichsam kultivirt und von wenigen zur Menge vermehrt. Denn indem er der Leidenschaft seinen Beistand leiht, macht er üppig und ergiebig den Wachsthum der Thorheiten. So hat die Wollust ihren Anfang zwar in der Ähnlichkeit mit dem vernunftlosen Thiere; allein in den menschlichen Vergehungen hat sie zugenommen, indem sie so vielerlei Wollustsünden erzeugte, als unter den unvernünftigen Thieren nicht zu finden sind. So S. 265 ist die Aufwallung des Zornes stammverwandt mit dem Triebe der unvernünftigen Thiere, vermehrt aber wird sie durch die Beihilfe der Überlegung. Denn daher kommt der Groll, der Neid, die Lüge, die Hinterlist, die Heuchelei; Das alles kommt von der schlechten Anwendung des Verstandes. Entbehrte nämlich die Leidenschaft der Beihilfe des Verstandes, so bliebe der Zorn kurzdauernd und unnachhaltig, einer Wasserblase gleich zumal entstehend und schnell vergehend. So hat die Gefräßigkeit der Schweine die Habgier eingeführt, und der Stolz des Pferdes ist der Anfang des Übermuthes geworden, und Alles, was je aus der thierischen Unvernunft entspringt, ist durch den schlimmen Gebrauch des Verstandes zum Laster geworden, wie denn auch umgekehrt, wenn der Verstand die Herrschaft über dergleichen Regungen ergreift, jede derselben zu einer Art von Tugend verwandelt wird. Es bewirkt nämlich der Zorn die Mannhaftigkeit, die Zaghaftigkeit Behutsamkeit, die Furcht Folgsamkeit, der Haß Verabscheuung des Bösen, die Liebe das Verlangen nach dem wahrhaft Schönen, der Stolz der Gesinnung erhebt über die Leidenschaften und bewahrt ungeknechtet vom Bösen den Sinn (es lobt aber diese Art der Erhebung auch der große Apostel, indem er stets mahnt,3 den Sinn nach oben zu richten); und so kann man finden, daß jede derartige Regung, durch die Hoheit der Vernunft mit emporgehoben, nach der Schönheit des göttlichen Bildes mitgestaltet wird. Allein da der Hang zur Sünde gleichsam schwer ist und abwärts zieht, so geschieht öfter das Gegentheil. Denn eher wird durch die Schwere der unvernünftigen Natur das Obere der Seele hinabgezogen als durch die Hoheit der Vernunft das Schwere und Erdhafte emporgehoben. Darum macht unser Elend oft das göttliche Geschenk unerkennbar, indem es wie eine häßliche Larve auf die Schönheit des Ebenbildes die Leidenschaften des Fleisches S. 266 hinschmiert. Es sind also einigermaßen entschuldbar Diejenigen, welche auf dergleichen hinblicken und dann nicht gerne zugeben, daß hierin die göttliche Bildung sei. Aber durch die, welche ein rechtschaffenes Leben führen, kann man das göttliche Bild in den Menschen sehen. Denn wenn ein Leidenschaftsvoller und fleischlich Gesinnter es unglaublich macht, daß der Mensch wie mit göttlicher Schönheit geschmückt ist, so wird gewiß der an Tugend Erhabene und von Sünden Reine Dir die bessere Ansicht von den Menschen bestätigen. Z. B. (denn es ist besser, durch ein Beispiel die Sache darzuthun) verwischt hat durch den Schmutz der Bosheit die Schönheit der Natur ein bekannter Bösewicht, etwa Jechonias oder ein anderer durch Bosheit Berüchtigter; hingegen in Moses und seines Gleichen hat sich rein erhalten die Wohlgestalt des Bildes. In welchen also die Schönheit nicht getrübt wurde, an Diesen hat man den thatsächlichen Beweis für die Wahrheit, daß der Mensch ein Abbild Gottes ist.
Aber es schämt sich vielleicht Jemand, daß wir nach Art der unvernünftigen Thiere das Leben durch Speise fristen, und hält darum den Menschen für unwürdig, um als nach dem Bilde Gottes gestaltet zu gelten. Allein er hoffe, daß der Natur dereinst im künftigen Leben Befreiung von diesem Geschäfte zu Theil werden wird. Denn, wie der Apostel sagt,4 „das Reich Gottes besteht nicht in Essen und Trinken“, „noch lebt der Mensch,“ wie der Herr verkündet hat, „vom Brod allein, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt.“5 Aber auch das, daß die Auferstehung uns ein engelgleiches Leben in Aussicht stellt, Essen aber bei den Engeln nicht stattfindet, ist eine hinreichende Bürgschaft dafür, daß der Mensch, der einst nach Art der Engel leben soll, von diesem Geschäfte werde befreit werden.
