24. Replik auf die Behauptung, die Materie sei gleichewig mit Gott.
Keineswegs nämlich ausserhalb der folgerichtigen Denkbestimmungen erscheint die Annahme hinsichtlich der Materie, welche behauptet, dieselbe habe aus dem Intelligiblen und Immateriellen ihren Bestand; denn wir werden finden, daß die ganze Materie aus gewissen Qualitäten bestehe, mit deren Hinwegnahme sie an sich gar nicht mehr durch den Begriff kann erfaßt werden. Nun aber wird jede Art von Eigenschaft begrifflich von ihrem Subjekte (dessen sie ist) getrennt. Der Begriff aber ist eine geistige und keine körperhafte Anschauung. Zum Beispiel, wenn ein Thier oder ein Baum der Betrachtung vorliegt, oder sonst etwas Materielles, so bemerken wir durch die gedankenmäßige Unterscheidung an dem Gegenstande Vieles, wovon der Begriff eines Jeden mit den übrigen Merkmalen Nichts gemein hat. Denn ein anderer ist der Begriff der Farbe und ein anderer der der Schwere, deßgleichen der der Größe und der der eigenthümlichen Beschaffenheit bei der Betastung. Denn die Weichheit und die Zweielligkeit und die übrigen Prädikate sind dem Begriffe nach weder zu einander noch zum Körper gehörig. Denn die begriffliche Bestimmung eines jeden derselben wird als eine besondere für sich gedacht, die Nichts gemein hat mit irgend einer andern der an dem Subjekte bemerkbaren Eigenschaften. Ist nun begrifflich1 die Farbe, begrifflich aber auch die Festigkeit und die Größe und die übrigen derartigen Eigenschaften, und wird, falls eine jede derselben von dem Gegenstande S. 282 hinweggenommen würde, damit zugleich auch der Begriff des Körpers aufgelöst, so dürfte es wohl folgerichtig sein, anzunehmen, daß, welcher Merkmale Abwesenheit wir als Ursache der Auflösung des Körpers erkannten, dieser Zusammentreffen die materielle Natur constituire. Denn wie das kein Körper ist, dem die Farbe, die Gestalt, der Widerstand, die Ausdehnung, die Schwere und die übrigen Merkmale nicht zukommen, jedes aber von diesen nicht Körper ist, sondern als etwas Besonderes, vom Körper Verschiedenes sich zeigt, so machen umgekehrt die genannten Merkmale, wo sie zusammentreffen, die körperliche Substanz aus. Nun aber, wenn geistig (νοητή) [noētē] ist die Auffassung dieser Eigenschaften, geistig aber von Natur die Gottheit, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß aus der unkörperlichen Natur diese geistigen Anfänge zur Entstehung der Körper herrühren, indem die geistige Natur die geistigen Kräfte hergibt, die Vereinigung dieser aber mit einander die materielle Natur in’s Dasein führt. Allein Dieß soll uns nur nebenbei untersucht sein. Wir müssen aber wieder auf den Glauben die Rede zurücklenken, durch den wir annahmen, aus dem Nichtsein sei das All entstanden, und, von der Schrift belehrt, nicht zweifeln, es werde auch wieder in einen ganz andern Zustand umgesetzt werden.
Νοητόν [Noēton] = intelligibel im Gegensatz zum Sensiblen oder sinnlich Wahrnehmbaren. ↩
