20. Welches das Leben im Paradiese und was der verbotene Baum war.
S. 269 Was ist nun das, was die Erkenntniß von Gut und Böse gemischt in sich enthält, im Blüthenschmuck sinnlicher Lüste? Ich werde wohl nicht weit von der Wahrheit vorbeitreffen, wenn ich den Begriff des „Erkennens“ zum Ausgangspunkt der Betrachtung nehme. Denn ich glaube, daß die Schrift hier unter der „Erkenntniß“ nicht eine Wissenschaft verstehe, sondern ich finde einen Unterschied in dem Sprachgebrauche der Schrift zwischen Erkenntniß und beurtheilender Unterscheidung. Denn die einsichtige Unterscheidung des Guten vom Bösen sei Sache höherer Vollkommenheit, sagt der Apostel, und geübter Sinne.1 Darum befiehlt er auch, Alles zu prüfen,2 und Sache des Geistigen sei es, sagt er, zu beurtheilen.3 „Erkenntniß“ aber bedeutet nicht überall das Wissen und die Einsicht, sondern die Neigung zu dem, was man lieb hat. Z. B.: „Es kennt der Herr die Seinigen;“4 und zu Moses spricht Er: „Ich erkannte dich vor Allen.“5 Von den in Bosheit Mißerkannten aber sagt er, der Alles weiß6: „Ich habe euch nie erkannt.“ Der Baum also, von dem man die gemischte Erkenntniß als Frucht bekommt, gehört zu den verbotenen Dingen. Gemischt aber aus Entgegengesetztem ist jene, von der Schlange empfohlene, Frucht, vielleicht in Anbetracht dessen, daß nicht nackt das Böse sich darstellt, an sich selbst in seiner eigenen Natur erscheinend. Denn in der That unwirksam wäre das Böse, wenn es mit nichts Schönem übertüncht wäre, welches zum Verlangen nach jenem den Getäuschten anreizt. Nun aber ist gewissermaßen gemischt die Natur des Bösen, indem S. 270 es in der Tiefe zwar das Verderben wie eine Falle versteckt enthält, in dem Truge seiner Erscheinung aber einen Anschein des Schönen vorzeigt. Schön scheint den Geldliebhabern der Glanz des Metalls, aber Wurzel aller Übel ist die Geldsucht.7 Wer aber würde sich in den stinkenden Koth der Unzucht versenken, wenn nicht die Lust für schön und lieblich hielte der durch diesen Köder zur Leidenschaft Hingerissene? So scheinen auch die übrigen Sünden, während sie versteckt die Verderbniß enthalten, im Anfange lieblich und werden in Folge einer Täuschung von den Unachtsamen wie ein Gut erstrebt. Da nun die Meisten das Gute in dem suchen, was die Sinne erfreut, und eine Gleichnamigkeit besteht zwischen dem wahrhaft und dem scheinbar Guten, darum wird die auf das Böse als auf ein Gut gehende Begierde von der Schrift Erkenntniß des Guten und Bösen genannt, um eine gewisse Zusammensetzung und Mischung der Erkenntniß zu bezeichnen. Nicht für absolut schlecht, weil sie umblümt ist mit dem Guten, noch für rein gut, weil darunter versteckt ist das Böse, sondern für gemischt aus beiden erklärt sie die Frucht des verbotenen Baumes, deren Genuß in den Tod stürze, wie es heißt, die davon Kostenden, indem sie beinahe deutlich die Lehre ausspricht, das wahrhaft Gute sei einfach und einheitlich von Natur, aller Zwiespaltigkeit und Verbindung mit dem Gegentheil fremd; das Böse aber sei bunt und aufgeputzt, etwas Anderes scheinend und als etwas Anderes in der Erfahrung sich zeigend, dessen Erkenntniß, d. h. erfahrungsmäßige Bekanntschaft damit, des Todes und Verderbens Anfang und Grundlage sei. Darum zeigt die Schlange die schlimme Frucht der Sünde vor, indem sie nicht, wie es von Natur ist, das Böse offen herzeigte (denn nicht täuschen hätte der Mensch sich lassen durch das offenbare Böse), sondern indem sie mit einem gewissen Blüthenschmuck dessen Erscheinung zierte und S. 271 eine gewisse Sinnenlust dem Geschmacke einzauberte, erschien sie dem Weibe glaubwürdig, wie die Schrift erzählt. Denn „es sah das Weib,“ heißt es,8 „daß der Baum gut sei zum Essen und reizend für die Augen zum Ansehen und lieblich zum Kosten, und sie nahm und aß von seiner Frucht.“ Jene Speise aber wurde den Menschen Mutter des Todes. Das also ist die Mischlingsfrucht, indem die Schrift deutlich den Sinn erklärt, in welchem Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen genannt ward jener Baum, weil er nämlich wie die mit Honig versetzten schädlichen Gifte, sofern er die Sinnesempfindung kitzelt, gut zu sein scheint, sofern er aber den Kostenden zu Grunde richtet, das Äusserste alles Übels ist. Nachdem also das verderbliche Gift wider das Leben des Menschen gewirkt hat, da ist der Mensch, das der Sache und dem Namen nach hohe Wesen,9 das Ebenbild der göttlichen Natur, der Nichtigkeit, wie der Prophet sagt,10 ähnlich geworden. Also das Ebenbild gehört zu dem besseren Theile unseres Wesens; Alles aber, was an unserem Leben traurig und elend ist, ist ferne von der Ähnlichkeit mit Gott.
Hebr. 5, 14. ↩
Thess. 5, 21. ↩
I. Kor. 2, 15. ↩
II. Tim. 2, 29. ↩
Exod. 33, 12. ↩
Matth. 7, 23. Κατεγνωσμένοι [Kategnōsmenoi] sind die, über welche ein Erkenntniß gefällt ist, die Abgeurtheilten. ↩
I. Tim. 6, 10. ↩
Gen. 3, 6. ↩
So umschreibe ich den unübersetzbaren Ausdruck: τὸ μέγα καὶ πρᾶγμα καὶ ὄνομα [to mega kai pragma kai onoma]. ↩
Ps. 144, 4 [ = hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 143, 4]. Vanitati similis factus est. ↩
