4.
Wenn du also die Schrift sagen hörst, der Herr habe ihren Mutterleib verschlossen und ihre Nebenbuhlerin sie deshalb gekränkt, so bedenke, daß Gott dadurch die Lebensweisheit der Frau zeigen will. Erwäge nur: Sie besaß die volle Zuneigung ihres S. 489 Mannes; denn er sprach zu ihr: „Bin ich dir nicht lieber als zehn Söhne?“ „Und es kränkte sie“, erzählt die Schrift, „ihre Nebenbuhlerin mit [bitterer] Kränkung“, d. h. beschimpfte und verhöhnte sie. Und niemals rächte sie sich an ihr, niemals wünschte sie ihr Böses, niemals sprach sie: Weil meine Nebenbuhlerin mich beschimpft, so verschaffe mir Genugtuung! Jene hatte wohl Kinder, sie aber hatte als Gegengewicht die Liebe ihres Mannes. Damit suchte er sie zu trösten, indem er sprach: „Bin ich dir nicht lieber als zehn Söhne?“ Doch laßt uns noch einmal die Lebensweisheit dieser Frau betrachten! Die Schrift erzählt: „Und Heli hielt sie für betrunken. “Nun sieh, welche Antwort sie ihm gibt! „Setze deine Magd nicht einer Nichtswürdigen gleich, denn aus der Fülle meines Kummers habe ich bis jetzt mein Herz ausgegossen.“ Das ist in Wahrheit das Zeichen eines leidzermalmten Herzens, wenn wir gegenüber Beleidigungen nicht Unwillen und Verdruß zeigen, sondern uns zu rechtfertigen suchen. Nichts macht das Herz so weise wie die Trübsal; nichts ist so lieblich wie gottgefällige Trauer. „Aus der Fülle meines Kummers“, sagt sie, „habe ich bis jetzt mein Herz ausgegossen.“ - Laßt uns alle diese Frau nachahmen! Hört es alle, die ihr unfruchtbar seid, alle, die ihr nach Kindersegen verlangt; hört es Männer und Frauen! Denn auch Männer haben oft [durch ihr Gebet] dazu beigetragen. Vernimm nämlich, was die Schrift sagt: „Und Isaak betete für sein Weib Rebekka, weil sie unfruchtbar war“1 . Denn Großes vermag das Gebet.
„In aller Beharrlichkeit und Fürbitte für alle Heiligen; und [betet] auch für mich“, fährt der Apostel fort, sich an die letzte Stelle setzend. Was tust du, heiliger Paulus? Du nennst dich selbst als letzten? Ja, sagt er. - „Damit mir [rechte] Rede gegeben werde bei Eröffnung meines Mundes, um mit Freimütigkeit kund zu tun das Geheimnis des Evangeliums, für S. 490 welches ich das Botschafteramt in Banden übe.“ - Wo bist du Gesandter? - Bei den Menschen, erwidert er. - Oder Menschenfreundlichkeit Gottes! Er schickte vom Himmel her seine Gesandten, Friedensgesandte, und die Menschen ergriffen sie und schlugen sie in Ketten ohne Scheu vor dem allgemein geltenden Völkerrechte, nach welchem ein Gesandter unter keinen Umständen mißhandelt werden darf. - Aber dennoch übe ich das Botschafteramt in Banden, - „Damit ich hierin Freimut zeige, wie es meine Pflicht ist.“ Die Ketten, die mich belasten, drohen meine Freimütigkeit zum Schweigen zu bringen, aber euer Gebet öffnet mir den Mund, damit ich alles rede, wozu ich durch meine Sendung verpflichtet bin. - „Damit aber auch ihr erfahret, wie es um mich steht, wie ich mich befinde, so wird euch Tychikus, der vielgeliebte Bruder und treue Diener im Herrn, alles kundtun.“ Wenn er treu ist, so wird er keine Lüge, sondern nur Wahrheit berichten. - „Den ich eben darum zu euch gesandt habe, damit ihr erfahret, wie es um mich steht, und damit er eure Herzen tröste.“ O welch große Liebe! Damit es, will er sagen, nicht böswilligen Menschen gelinge, euch zu ängstigen. Sie waren höchstwahrscheinlich in bedrängter Lage. Denn der Ausdruck „damit er eure Herzen tröste“ läßt wohl nur die Deutung zu: damit er euch nicht den Mut entsinken lasse.
V.23: „Friede sei mit den Brüdern und Liebe und Glauben von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus!“
Er wünscht ihnen „Frieden und Liebe mit Glauben“. Das ist trefflich gesagt. Nicht daß sie, ausschließlich auf die Liebe bedacht, mit den Andersgläubigen sich vermischen. Entweder meint er dies oder er will damit betonen, daß sie auch am Glauben festhalten müssen, um auch bezüglich der zukünftigen Dinge getrost sein zu können. Der Friede mit Gott und die Liebe. Denn wo Friede ist, da wird auch Liebe sein; und wo S. 491 Liebe ist, da wird auch Friede sein. - „Mit Glauben.“ Denn die Liebe nützt nichts ohne Glauben; oder besser gesagt, ohne Glauben gibt es auch keine Liebe.
V.24: „Und Gnade mit allen, die unseren Herrn Jesus Christus in Unverderbtheit lieben. Amen.“
Weshalb macht hier der Apostel einen Unterschied, indem er den Frieden eigens nennt und die Gnade eigens? - Er sagt: In Unverderbtheit. Amen.„ Was heißt: in Unverderbtheit2 ? Entweder: in einem stets wohlgeordneten [unverderbten] Lebenswandel, oder: um der unverderblichen Güter willen3 ; also nicht in Reichtum noch in Ehre, sondern in jenen unverderblichen Gütern. Das “in„ ist gleich “durch„. - Durch Unverderbtheit, sagt er; d. h. durch Tugend. Denn alle Sünde ist Verderbnis4 . Wie man von einer Jungfrau sagt, sie werde verderbt5 , so auch von der Seele. Deswegen spricht Paulus: “Ich fürchte, es möchten eure Herzen verderbt werden67 ; und wiederum an anderer Stelle: ""In der Lehre Unverderbtheit89 .
