2.
Eine viel wichtigere Frage ist die Frage nach der Echtheit dieser Produkte. In dieser Hinsicht behaupte ich, daß nur das erste Buch den hl. Augustinus zum Verfasser habe, und daß das zweite, dritte und vierte Buch zur Zeit der Vandalenherrschaft von verschiedenen Autoren gefertigt wurden. Zur Rechtfertigung meiner Behauptung, daß Augustinus der Urheber des ersten Buches sei, erlaube ich mir Nachstehendes zu bemerken:
1. Der Stil des Buches entspricht dem Stile der Reden Augustin’s: er ist nachlässiger als der prägnante und durchdachte Stil seiner dogmatischen und polemischen Schriften, aber er ist einfach und verständlich, ganz im populären Conversationstone gehalten, wie ihn Augustinus in seinem Werke de doctrina christiana dem Homileten wiederholt empfiehlt.
2. Das Buch trägt aber das Gepräge der Reden Augustin’s auch bezüglich der ungleichmäßigen Behandlung des Stoffes. Bekanntlich sprach Augustin aus dem Stegreife und wurden seine Reden von Schnellschreibern nachgeschrieben, von ihm selbst aber nicht revidirt. Solche Reden behandeln die einzelnen Theile selten ebenmäßig, sondern sind in einigen Punkten zu weitläufig, in andern zu knapp; auch Wiederholungen sind nicht selten. Dasselbe begegnet uns im ersten Buche. Weitläufig und mit manchen Wiederholungen sind c. 3 die ewige Geburt des Sohnes und S. 341 die Geduld des Job geschildert, während eben dort die Auferstehung Christi kaum berührt, o. 6 die Lehre von der Kirche mehr angedeutet und in c. 9 die Lehre von der Auferstehung und dem ewigen Leben gleichsam im Fluge besprochen wird, als hätte der Redner die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu sehr in Anspruch genommen.
3. Das im ersten Buche besprochene Symbolum ist dasselbe, das Augustinus auch de genesi ad literam I, 1 angibt, seinem Enchiridion zu Grunde legt und in den ächten Homilien 212 und 214 bespricht. Er hat zwar in seiner Schrift de fide et symbolo auf dem Concilium zu Hippo als Rede gehalten, ein anderes Symbolum erklärt; aber in seinen retract. I, 17 sagt er ausdrücklich: ita de rebus disseritur, ut tamen non fiat verborum illa contextio, quae tenenda momoriter Competentibus traditur. Die Recension des Symbolums, die uns in lib. II, III und IV unsers Werkes begegnet, findet sich nur in Hom. 2, 3 und 4. Ob die Ächtheit dieser Homilien unzweifelhaft feststeht, oder ob Augustinus dieselben etwa als Gastprediger anderswo gehalten hat, kann ich nicht entscheiden; es ist jedoch so viel gewiß, daß in ein und derselben Kirche den Competenten nicht ein verschieden lautendes Symbolum übergeben und beziehungsweise erklärt wurde, da Augustin selbst das wörtliche Auswendiglernen dieser Form so sehr betont und lib. VIII. Confess. c. 2 erzählt, daß das gläubige Volk in Rom bei der Wiedergabe des Symbolums die Hinzufügung keines einzigen Wortes geduldet habe.
Aus diesen Gründen bin ich überzeugt, daß Augustinus diese Rede, so wie sie uns vorliegt, am Tage der Symbolumsübergabe, nämlich am Samstage vor dem Passionssonntage gehalten habe. Diesen Tag hat Mayer in seiner Geschichte des Katechumenates S. 101 als den Tag der Vergabe des Symbolums in Afrika nachgewiesen. Gegen diese Annahme könnte man etwa den Umfang der Rede geltend machen: sie ist ziemlich lang und muthete der Ausdauer der Competenten zumal nach den sehr lange dauernden Taufexorcismen nicht wenig zu. Dennoch ist sie etwas S. 342 kürzer als die große Musterkatechese in dem Buche Augustin’s de catechizandis rudibus, und zudem wird Niemand behaupten wollen, daß Augustinus immer und überall das rechte Maß eingehalten habe. Possidonius führt im Indiculus zum Leben Augustin’s drei Tractate über das Symbolum an die Katechumenen auf; aber dieser Umstand stößt die Behauptung, daß nur das erste Buch von Augustinus selbst stamme, nicht um. Possidonius kann ja die beiden ächten Homilien 212 und 214 über unsern Gegenstand als zwei weitere Tractate gezählt haben, und dieselben können erst später, als die unächten Elaborate sich eingeschlichen hatten, den Sermones beigerechnet worden sein. Dazu steht die Integrität des Indiculus keineswegs sicher fest; denn Possidonius selbst hat unzweifelhaft ächte Schriften ausgelassen, und es war leichter, in dem Indiculus Correcturen, Ergänzungen und Fälschungen vorzunehmen, als dem hl. Augustinus fremde Produkte zu unterschieben.
