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Nach diesen Gründen dürfte es gerechtfertiget sein, die Entstehung der drei letzten Bücher unseres Werkes nach Afrika und zwar in die Zeit von 430 bis 530 zu verlegen. Gleichwohl glaubten wir nach altem Herkommen sie auf dem Titelblatte als Augustinisch verzeichnen zu dürfen. Des Nähern sei über sie noch bemerkt:
Das zweite Buch ist meines Erachtens zwischen 435 und 439 entstanden. Denn um 435 trat ein Stillstand in der Eroberung der Vandalen ein, und Genserich scheint ausser den gewohnten Gewaltmaßregeln die c. 13 geschilderten Verlockungsmittel angewendet zu haben. Wenigstens konnte ich in dem ausführlichen und gründlichen Artikel des Kirchenlexikons nicht finden, daß die Vandalen vor der S. 345 Regierung Thrasemunds, d. h. vor dem Jahre 496, solche Mittel versucht hätten. Aber unter Thrasemund kann unser Buch nicht verfaßt sein, da nach der 439 erfolgten Eroberung Karthago’s und der ganzen Provinz ein erfolgreicher Widerstand gegen die Vandalen von keinem Vernünftigen erwartet werden konnte. Unser Autor fordert aber c. 13 gerade zu zum Widerstande auf und sagt: Non eam (ecclesiam) patiamini filiorum malorum aut pessimorum servorum injuriis atque insidiis macerari: agite causas matris vestrae! Servus malus non insultet dominae! Daß aber Karthago der Ort des Entstehens dieses Buches sei, erschließe ich nicht bloß aus der anschaulichen Schilderung aller Schauspielarten c. 2, sondern auch aus dem Amphitheater, das dem Festspielgeber theuer zu stehen kam und daher nur in den größern Städten gegeben werden konnte. Ausser Karthago gab es aber in Afrika keine bedeutende Stadt.
Das dritte Buch scheint zur Zeit der größten Verfolgung, also unter Genserich oder seinem Sohne Hunerich von 440—484 entstanden zu sein. Die Ausfälle gegen die Arianer beschränken sich auf eine sehr kurze Stelle c. 9, die auch interpolirt sein kann, dagegen ist die Grausamkeit des Herodes und die für sie selbst verderbliche Wuth der Juden bei der Kreuzigung ausführlich und anschaulich geschildert c. 4 und 5. Die Regierung solcher Wütheriche gestattete kein freieres Wort! Was den Ort der Entstehung betrifft, so vermuthe ich die Grenze Mauritaniens; nur dort gab es Heiden in nennenswerther Anzahl und ist somit die Polemik gegen das Heidenthum c. 2 und 3 gerechtfertigt, während sie in den übrigen Büchern nicht vorkommt. Es mochte Vielen um so erwünschter sein, die Mauren zu gewinnen, als Genserich und Hunerich nach einem Bündnisse mit diesem rohen Volke zum Zwecke einer noch wirksameren Bekämpfung der Katholiken trachteten.
Das vierte Buch ist inhaltlich mit den vorausgehenden sehr verwandt, aber es hat manche formelle Eigenthümlichkeiten. Wahrend die vorigen Bücher mit Augustinus die Itala als lateinische Bibelübersetzung benützen, S. 346 sticht die in diesem Buche benützte Übersetzung von der Itala an sehr vielen Stellen ab. Das ist nun zwar ein Beweis, daß keiner der Verfasser der übrigen Bücher das vierte geschrieben habe, kann aber gegen die Entstehung des Buches in Afrika nicht geltend gemacht werden, da Augustinus selbst de doctrina christiana lib. II. c. 11 von einer infinita varietas latinorum interpretum spricht. Die Sprache der vorausgehenden Bücher ist verhältnißmäßig rein, aber das vierte zeigt schon ein Sinken des Geschmackes und der Sprachcorrectheit. Der Gebrauch der Conjunctionen und noch mehr der Präpositionen wird unregelmäßiger, die Satzverbindung nachlässiger. Es ist daher vielleicht um einige Jahre später geschrieben als die früheren Bücher, jedoch noch unter der Herrschaft der Vandalen. Die Macht derselben scheint jedoch damals schon in Abnahme begriffen; der Autor weist auf die geringe Zahl der Arianer hin sagt c. 9: Quomodo exsultas, Ariane, quod teneas veritatem, cum te malus error a catholica doctrina separans, haereticumque protestans a communione totius orbis secernens in uno angulo damnaverit? Ich glaubte daher Anfangs die Zeit nach dem Sturze der Vandalen und Ostgothen, als nur noch die Westgothen in der einen Ecke, in Spanien, Arianer waren, als Abfassungszeit annehmen zu sollen; aber die Thatsache, daß nach 526 die Ostgothen Herrschaft in Italien tief erschüttert, die Herrschaft der Westgothen im südlichen Gallien durch die Franken gebrochen war und für die unerträgliche Tyrannei der Vandalen mit dem Regierungsantritte Hilderichs und der Empörung gegen sein Regiment die letzte Stunde geschlagen hatte, berechtigte den Verfasser, die Hoffnung auf das bevorstehende Hinauswarfen der häretischen Magd auszusprechen. Daher dürfte unser Buch zwischen 520 und 530 und zwar in Afrika verfaßt sein, da c. 9 der Arianer gefragt wird: quid exsufflas?
Die zweite Rede ist gewiß nicht gehalten worden; denn sie ist doppelt so lang als die große und ausgedehnte Musterkatechese bei Augustin. Die beiden letzten können gehalten worden sein; übrigens glaube ich, sie seien als Broschüren S. 347 erschienen. — Für die vorstehende Einleitung, deßgleichen für die Anmerkungen bin ich allein haftbar und tröste mich mit dem Gedanken, daß auch schon Gelehrte kühne Hypothesen aufgestellt haben, die keineswegs allgemeinen Beifall fanden.
R. Storf.
