3.
Was die drei übrigen Reden betrifft, so liegt ihnen ein anderer Text des Symbolums zu Grunde. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, daß 1) lib. I. vom Sohne sagt: natus de Spiritu sancto et Maria virgine, II., III. u. IV.: ex Maria virg.; 2) lib. I. passus sub Pontio Pilato, II., III. u. IV.: crucifixus sub P. P.; 3) lib. I.: ascendit in coelum, die übrigen assumptus est in coelum lesen und in lib. I. die Worte sanctam ecclesiam hinter et in Spiritum sanctum, in den übrigen aber an den Schluß des Symbolums gesetzt sind, wobei lib. III. u. IV.: per sanctam ecclesiam lesen. Wo galt dieses Symbolum? Denzinger in seinem Enchiridion gibt diese Abweichungen in den Noten zum afrikanischen Symbolum, und wir haben keinen Grund seine Angabe zu bezweifeln, da jede Kirche trotz der Einheit im Wesen eigenthümliche Observanzen hatte. Jedenfalls stammen die drei Schriften von Männern, die mit Augustin’s Werken sehr vertraut waren, wie ihre Ausführungen in der Gnadenlehre und in der Trinitätslehre beweisen. Solche Männer gab es vereinzelt in Südgallien, während dort die Mehrzahl sich an Cassian anschloß. Aber in Afrika traten S. 343 mehrere Schriftsteller und Vorkämpfer der katholischen Sache bald nach Augustinus auf, wie Victor von Cartenna, Asclepius und Vokanius, Cerealis von Castelloripa und etwas später Victor von Vita, Eugenius von Karthago, Vigilius von Tapsus und Fulgentius von Ruspe. Aus dem Kreise dieser Männer sind unsere drei Bücher hervorgegangen, denn sie weisen auf Afrika unter der Herrschaft der arianischen Vandalen hin. Insbesondere bemerke ich,
1. daß die Arianer in denselben heftig angegriffen werden nicht wie weit entfernte, sondern sehr nahe und gefährliche Feinde; so lib. II. c. 3, 4, 9 u. 13, dann lib. III. c. 9 und lib. IV. c. 9 u. 13. Es waren damals zwar auch Gothen in Spanien und Südgallien Arianer, aber die unterworfenen Römer waren sie ziemlich tolerant, dagegen die Vandalen intolerante Fanatiker. Daher nahmen sie an den übertretenden Katholiken die Taufexorcismen und die Neutaufe vor; so sagt lib. II. c. 13: Christum exsufflas, catholicum rebaptizas und lib. IV. stellt an einen Arianer die Frage: quid exsufflas? Diese Thatsache wird auch von andern afrikanischen Schriftstellern berichtet und trifft meines Wissens nur auf die arianischen Vandalen zu.
2. Die Westgothen und später die Ostgothen waren streng gegen den Übertritt eines Gothen zur katholischen Kirche, aber sie bekümmerten sich wenig um die Religion der Römer. Anders werden in unsern Büchern die Arianer geschildert. Sie treten die Kirche mit Füßen II. 13, sie versprechen dortselbst dem Abfalle Geld, Brod und Schutz: quod est pessimum artis tuae, alios potentia premis, ut perdas, alios pecunia comparas, quos occidas … Ad hoc das pecuniam, ut tibi isti vendant Christum rebaptizandum. So auch lib. IV c. 13: Injuriam a te patitur domina ab ancilla, multos ei ingeris contumelias. Dazu besprechen alle drei Bücher ziemlich ausführlich den bethlehemitischen Kindermord und die fruchtlose Wuth der Christum kreuzigenden Juden, eine Erscheinung, die in der Geschichte der Vandalen ihre volle Erklärung findet. S. 344
3. Die Schilderung der arianisch vandalischen Beweisführung entspricht ganz dem Bilde, wie es von afrikanischen Autoren entworfen wird. Dazu gehört das halsstarrige Festhalten an einer Schriftstelle, obgleich dieser Deutung klare Stellen widersprechen, das einseitige Betonen der Theophanieen in ihren verschiedenen Gestalten und die schroffe Scheidung und Abstufung der Personen der Gottheit, wie sie besonders c. 4 und 9 des zweiten Buches geschildert wird. Daher ist der Vorwurf des Götzendienstes, den derselbe Autor c. 5 erhebt, nicht ungerechtfertigt, weil die Vandalen Christus für ein Geschöpf hielten und ihn gleichwohl anbeteten.
4. Der Blick auf das Leben vieler Katholiken, namentlich was die Theilnahme an den Schauspielen betrifft und lib. II. c. 2, III. 1 und IV. 1 reflektirt, entspricht dem Bilde Salvians de gubernatione Dei VI. 12: Circumsonabant armis muros Cirtae et Carthaginis populi barbarorum, et ecclesia Carthaginiensis insaniebat in circis, luxuriabat in theatris. Salvian ist zwar nicht frei von Übertreibung, und die afrikanische Kirche zeigte in der furchtbaren hundertjährigen Verfolgung der Vandalen einen seltenen Heroismus im Leiden; aber bei dem lebhaften Temperamente des Volkes und seinem angeborenen Leichtsinne ist Salvian’s und unserer Autoren Schilderung gewiß nicht unzutreffend.
