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Doch der nämliche Weinstock wird, nachdem er rings umgraben ist, auch in die Höhe gebunden, daß er nicht zur Erde niederhänge. Die Rebzweige werden teils zurückgeschnitten, teils wachsen gelassen: zurückgeschnitten werden die Schößlinge, die zwecklos treiben und wuchern; wachsen gelassen jene, die der kundige Pflanzer für triebkräftig hält. Was soll ich des näheren hinweisen auf die Pfahlzeilen und die zierliche Rankenbindung?1 Sie gemahnen wahr und klar an die Gleichheit, die in der Kirche festzuhalten ist. Kein Reicher und Hochgestellter darf sich da überheben, kein Armer verächtlich und kein Niedriger wegwerfend von sich denken. Allen fromme in der Kirche die gleiche und eine Freiheit, allen widerfahre die gemeinsame Gerechtigkeit und Gnade! Darum der Turm in ihrer Mitte. Er soll rings in die Runde das Beispiel von jenen Landleuten, von jenen Fischern hinaustragen, die der Tugenden Feste zu behaupten das Verdienst hatten. An ihrem Beispiele soll unsere Gesinnung sich aufrichten und S. 113 nicht niedrig und verächtlich am Boden haften, eines jeglichen Geist soll vielmehr sich emporschwingen, um das kühne Wort nachzusprechen: „Unser Wandel aber ist im Himmel“2. Damit kein Sturm der Welt ihn niederwerfen, kein Ungewitter ihn zu Boden schlagen könne, umfängt er3 mit jenen seinen Ranken und Ringeln wie mit Armen der Liebe jeden, der ihm naht, und ruht aus in der Verbindung mit ihm. Die Liebe also ist es, die uns an das Höhere bindet und in den Himmel verpflanzt; denn „wer in der Liebe bleibt, in dem bleibt Gott“4. Darum auch des Herrn Mahnung: „Bleibet in mir und ich in euch! Gleichwie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich, wenn sie nicht am Weinstocke bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“5.
