8.
Andere Fragen hinwiederum werfen sie auf und meinen: Wenn das Wasser an so verschiedenen Sammelorten lagerte, wie floß es dann, wenn diese Sammelbecken höher gelegen waren, nicht (von selbst) an jenen Ort ab, wohin es durch des Herrn Befehl nachmals abgeleitet wurde? ― Das Wasser nimmt ja von Natur seinen Lauf abwärts. ― Waren aber jene Sammelbecken tiefer gelegen, wie konnte dann das Wasser wider seine Natur den Lauf nach oben nehmen? Einesteils also bedurfte es für seinen natürlichen Lauf keines Befehles, andernteils aber konnte es wider seine Natur einem Befehle nicht folge leisten. Ich werde auf diese Frage dann die leichte Antwort geben, wenn sie mir zuvor antworten (und beweisen), daß das Gleiten, das Fließen notwendig zur Natur des Wassers gehöre. Denn tatsächlich kommt ihm diese Eigenschaft nicht aus der Verbindung mit den übrigen Elementen zu, sondern als spezifische Eigentümlichkeit; nicht als Ausfluß gleichsam der Naturordnung, sondern vielmehr des Willens und der Wirksamkeit Gottes des Höchsten. Gottes Befehlswort hören sie. Gottes Wort aber ist die Wirkursache der Natur. Dieses Wort kommt mit der eintretenden Wirkung zum Vollzug. Das Wasser fing erst dahinzugleiten und nach einem Sammelort zusammenzufließen an, nachdem es zuvor überall über die Erde ausgegossen war und an unzähligen Standorten lagerte. Von einem Lauf vorher las ich nicht, von einer Fortbewegung vorher vernahm ich nicht: mein Auge hat es nicht gesehen, mein Ohr nicht gehört. Stehendes Wasser S. 78 war es an den verschiedenen Orten, auf Gottes Wort kam es in Bewegung: hat also nicht augenscheinlich Gottes Wort ihm diese natürliche Eigenschaft einerschaffen? Es folgte das Geschöpf dem Gebote und machte aus dem Gesetz eine Gepflogenheit; denn das für die ursprüngliche Konstitution der Dinge wirksame Gesetz blieb vorbildlich für die Zukunft. So schuf Gott auch ein für allemal den Tag und die Nacht: seitdem dauert der tägliche Wechsel, die tägliche Wiederkehr beider fort. Desgleichen erging an das Wasser der Befehl, nach dem Sammelort zu strömen. Seitdem strömt es: die Quellen fließen über in Flüsse, die Flüsse strömen in die Sunde1; die Seen werden abgeleitet in die Meere; im Wasser selbst zieht Woge vor Woge, drängt und folgt (Woge auf Woge). Ein Wellengang ist’s, ein Ganzes. Und mag die Tiefe verschieden sein, ununterbrochen gleich und eben doch ist die Oberfläche. Daher auch meines Erachtens die Bezeichnung ‚aequor‛ (Fläche) für Meer, weil sein Spiegel flach ist.
‚in freta currunt flumina‘ nach Verg., Aen. I 607. ↩
