9.
Das ist meine Antwort auf ihre vorgelegte Frage. Nun mögen sie mir Antwort stehen, ob sie denn niemals Quellen aus den Tiefen sprudeln, Wasser aus dem Boden aufströmen sahen? Wer zwingt es dazu? Von wo bricht es hervor? Wie geht es nicht aus? Wie kommt es, daß des Bodens tiefste Schicht Wasser speit? Das sind Geheimnisse der verborgenen Natur. Wer wüßte übrigens nicht, daß oft Wasser, das mit reißendem Lauf zur Tiefe stürzt, wieder bergauf läuft und berghoch emporstürmt? desgleichen daß es, von Menschenhand künstlich durch Kanäle geleitet, genau wiederum so hoch emporsteigt, als es sinkt? Wenn es sich also wider seine Natur, sei es durch eigene Kraft vorwärtstreiben, sei es durch den schaffenden Menschengeist ablenken und aufwärtsleiten läßt: was Wunder, wenn kraft göttlicher Anordnung zu seiner natürlichen Art noch etwas hinzukam, was vorher nicht in seiner Art lag? Sie sollen mir jetzt einmal sagen, wie Gott nach dem Schriftworte „die Wasser des Meeres wie in S. 79 einen Schlauch sammeln“1, wie er „Wasser aus dem Felsen schlagen“ konnte? Er, der nicht vorhandenes Wasser aus dem Felsen herausleitete, sollte außerstande gewesen sein, vorhandenes Wasser fortzuleiten? „Er schlug an den Felsen“, ruft es David laut, „und Wasser rannen, und die Bäche strömten über“2. Und an einer anderen Stelle: „Über den Bergen standen die Wasser“3. Im Evangelium liest man, wie die Apostel, da ein heftiger Sturm und eine große Bewegung im Meere war, so daß sie Gefahr des Schiffbruchs befürchteten, den Herrn Jesus aufweckten, der im Schiffe schlief. Und er stand auf und gebot dem Winde und dem Meere; der Sturm legte sich, und Ruhe kehrte wieder4. Der mit gebieterischem Worte das ganze Meer zu stillen vermochte, sollte nicht imstande gewesen sein, mit gebieterischem Worte Wasser in Fluß zu bringen? Wir haben doch bei der Sintflut solches vernommen, daß die Quellen des Abgrundes hervorbrachen, und daß Gott nachher den Wind darüber wehen ließ und das Wasser auftrocknete5. Wenn man einen Gehorsam der Natur und eine Änderung des Verhaltens eines Elementes auf Gottes Befehl nicht zugeben will, so möge man wenigstens soviel zugestehen, daß die Wasser durch einen Windstoß, der in sie fuhr, in Fluß kommen konnten. Die Beobachtung läßt sich ja täglich auf dem Meere machen, daß die Wasser von der Richtung ihren Wogengang nehmen, von welcher der Wind weht. Wenn zur Zeit des Moses das Meer durch Entfachung eines starken Südwindes vertrocknete6, konnte nicht in der gleichen Weise ein Sammelbecken des Wassers vertrocknen? Nicht das Wasser zum Meere sich fortbewegen, nachdem es nachmals vom Meeresgrund sich loslöste?7 Dann doch sollte man die Möglichkeit einer Naturveränderung begreiflich S. 80 finden, nachdem ein Fels Wasser strömte8 und Eisen auf dem Wasser schwamm, (ein Wunder,) das Elisäus wenigstens bitt-, nicht befehlsweise zu wirken verdiente9. Wenn ein Elisäus Eisen wider dessen Natur an die Oberfläche trieb: Christus sollte nicht vermocht haben, Wasser in Fluß zu bringen? Doch er, der zu sprechen vermochte: „Lazarus, komm heraus!“10 und den Toten zum Leben erweckte, brachte es in Fluß. In ganz ähnlichem Sinn gesprochen versteh die Worte: „Es sammle sich das Wasser, und es sammelte sich“. Mit dem Befehlsworte aber „es sammle sich“ bewegte Gott es nicht bloß von der Stelle fort, sondern bannte es zugleich an eine Stelle, daß es nicht darüber hinausströmte, sondern darin beharrte.
