15.
Darauf ließe sich nun vieles erwidern: fürs erste, daß der Schöpfer des Alls den Flächeninhalt der Erde hätte erweitern können, eine Behauptung, welche auch einige vor uns als ihre subjektive Ansicht vortrugen. Ich meinerseits will nicht verschweigen, was er möglicherweise hätte tun können: was er wirklich getan, darüber will ich, weil ich von der Autorität der Schrift nichts Bestimmtes erfahre, wie über Verborgenes schweigen, damit man nicht auch das noch als Anlaß zu weiteren Fragen auszunützen suche. Gleichwohl möchte ich im Einklang mit der Schrift betonen: Es konnte Gott des Geländes Niederungen und des Flachlandes freie Strecken weiter ausdehnen, wie er selbst versicherte: „Ich werde vor dir herziehen und die Berge eben machen“1. Es konnte ferner der Wasser Gewalt selbst die Stellen vertiefen, die mit so reißender Strömung und so wilder Brandung des stürmischen Elementes, die noch täglich die Meerestiefen aufzuwühlen und die Kiesmassen vom tiefen Grund fortzuwälzen pflegen, eingeströmt war. Wer weiß ferner, wie weit jenes große Meer, in das noch kein Schiffer sich hinauswagte und das noch kein Seefahrer durchquerte, sich ergießt, das mit seiner gewaltigen Wasserzone Britannien umgürtet und noch höher hinauf nach unbekannten, selbst der Sagenwelt verschlossenen Ländern sich erstreckt? Wer wollte endlich nicht in Erwägung ziehen, welche Wassermenge das einströmende Meer an den Lukriner-2und Avernersee3 in Italien S. 85 abgibt, ferner an den See von Tiberias in Palästina und an jenen, der zwischen Palästina und Ägypten Arabiens Wüste vorlagert4, sowie an die verschiedenen Hafenanlagen des Augustus und Trajan und so viele andere auf dem ganzen Erdkreis?
Is. 45, 2. ↩
Ein Arm des zwischen dem Vorgebirge Misenum und Puteoli sich tief in das Innere Kampaniens hineinziehenden Meerbusens von Kumä oder Puteoli. ↩
Mit dem Lukrinersee und damit mit dem Meere durch einen von Agrippa zur Zeit des Augustus hergestellten Tunnel verbunden. ↩
Das Tote Meer. Ambr. läßt also irrtümlicherweise den See Genesareth und das Tote Meer vom Meere gespeist werden. ↩
