21.
Wer wollte nicht einsehen, daß jener Ausspruch des heiligen Propheten zu unserer Belehrung getan wurde: „Allnächtlich will ich mein Bett waschen, mit meinen Tränen mein Lager netzen“1. Will man nämlich ‚Bett‘ im Literalsinn verstehen, so zeigt er, es müsse eine solche Tränenfülle fließen, daß von den Zähren des Flehenden das Bett gewaschen, das Lager genetzt werde. Tränen im Diesseits bedeuten Lohn in der Zukunft; denn „selig, die ihr jetzt weint; ihr gerade werdet lachen“2. Oder aber wir können jenen prophetischen Ausspruch vom Leibe verstehen: dann laßt uns die Vergehungen des Fleisches mit Tränen abwaschen! Salomo fertigte sich ein Lager aus Holz vom Libanon; dessen Säulen waren von Silber, dessen Lehne von Gold, dessen Polster eine mit Edelsteinen besetzte Decke3. Was anders ist dieses Lager als das Bild unseres Leibes? In den Edelsteinen offenbart sich der Widerschein S. 378 des Luftglanzes, im Golde das Feuer, im Silber das Wasser, im Holze die Erde. Aus diesen vier Elementen aber besteht der menschliche Leib, worin unsere Seele ruht, wenn sie nicht ruhelos auf rauher Bergeshöhe oder auf dürrem Grunde irrt, sondern über die Sünde erhaben, auf Holz gebettet, der Ruhe genießt. Daher denn auch Davids Gebet: „Der Herr bringe ihm Hilfe auf seinem Schmerzensbette!“4 Wer sonst könnte denn das Schmerzensbett sein, nachdem doch unmöglich jemand Schmerz empfindet, der keine Empfindung hat? Einen Leib des Schmerzes aber gibt es, wie einen Leib des Todes: „Ich unglücklicher Mensch, wer wird mich befreien vom Leibe dieses Todes!“5
