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In Erinnerung steht uns ein Mädchen, vor kurzem noch adeligen Standes in der Welt, jetzt noch höheren, gottgeweihten Standes. Von den Eltern und Verwandten zur Heirat gedrängt, floh es an den hochheiligen Altar. Wohin könnte denn auch eine Jungfrau besser fliehen als dorthin, wo das Opfer der Jungfräulichkeit dargebracht wird? Noch war das nicht das S. 344 Ende seines Heldenmutes. Kaum stand es am Altare, ein Lämmlein der Unschuld, ein Opfer der Keuschheit, da legt es des Priesters Hand auf sein Haupt, das Weihegebet sich erflehend; da ruft es, über dessen berechtigtes Zaudern ungehalten und den Scheitel zum Altare niedergebeugt, aus: „Wird mich denn der Brautschleier besser hüllen als der Altar, der selbst Schleier heiligt? Besser geziemt sich der Flammenschleier, worin das Haupt aller, Christus, die tägliche Weihegabe wird. Ihr Verwandten, was macht ihr? Was sinnt und sorgt ihr euch noch um die Wahl, die zur Vermählung zu treffen sei? Sie ist längst für mich getroffen. Ihr bietet einen Bräutigam an; einen besseren habe ich gefunden. Übertreibt, soviel ihr wollt, seinen Reichtum, rühmt seinen Adel, preist seine Macht! Ich habe einen, dem es niemand gleich tut: sein Reichtum ist die Welt, seine Macht die Herrschaft, sein Adel der Himmel. Habt ihr seinesgleichen, lehne ich die Wahl nicht ab, findet ihr keinen, ist eure Vorsorge, Eltern, um mich nicht wohl, sondern übel angebracht.“
