10.
Es lobt der Erlöser im Evangelium den ungerechten Verwalter, weil er gegen seinen Herrn zwar unehrlich, aber im eigenen Interesse klug gehandelt hatte1 . Als die Häretiker sahen, daß der kleine Funke zu einer großen Feuersbrunst aufgelodert war und die eben angelegte Flamme bereits zum Dach hinaufzüngelte, daß weiterhin nicht verborgen bleiben konnte, was viele getäuscht hatte, da erbaten sie sich kirchliche Schreiben und erhielten sie auch. So sah es aus, wie wenn sie in dieser Sache als Leute hervorgegangen wären, welche in Gemeinschaft mit der Kirche standen. Kurze Zeit war dahingegangen, da folgte auf dem päpstlichen Stuhle Anastasius2 , ein bedeutender Mann, den Rom nicht lange besitzen sollte, damit die Hauptstadt der Welt nicht unter einem so hervorragenden Manne vernichtet würde3 . Ja gerade deshalb ist er uns entrissen und von hier weggenommen worden, damit er nicht versuchen möchte, das einmal gefällte Urteil durch sein Gebet umzuändern, wie ja auch der Herr zu Jeremias sprach: „Bitte nicht für dieses Volk und flehe nicht zu seinen Gunsten. Wenn sie fasten, will ich ihr Gebet nicht erhören; wenn sie Brand- und Schlachtopfer darbringen, so will ich sie nicht annehmen. Durch Schwert, Hunger und Pest will ich sie S. 191zugrunde richten“4 . Du wirst einwenden: „Was hat das mit dem Lobe Marcellas zu schaffen?“ Sie war die erste Veranlassung zur Verurteilung der Ketzer; denn sie brachte Zeugen herbei, die anfangs von ihnen unterrichtet, dann aber von der häretischen Lehre umgarnt worden waren. Als sie hinwies auf die Menge der Verführten und die gottlosen Bücher περὶ ἀρχῶν, die von der Hand eines Skorpions verbessert waren, beibrachte, als man ferner in häufigen Briefen die Häretiker einlud, sich zu verteidigen, da wagten sie es nicht zu kommen. So sehr drückte sie ihr Gewissen, daß sie es vorzogen, in ihrer Abwesenheit verurteilt zu werden, statt zu erscheinen und sich überführen zu lassen. Von Marcella ging dieser glorreiche Sieg aus, und du, die du dabei eine Hauptrolle gespielt hast und mit schuld warst an dem guten Ausgang, weißt, daß ich die Wahrheit erzähle, daß ich aber auch von dem umfassenden Material nur weniges anführe, damit der Leser durch die gehässige Wiederholung nicht angewidert werde. Auch möchte ich bei Übelwollenden nicht in den Ruf kommen, als strebte ich darnach, unter dem Vorwande, andere zu loben, meinen Mut zu kühlen. Darum will ich fortfahren.
