12.
Während sich diese Ereignisse in Jerusalem abspielten, traf uns ein schreckliches Gerücht aus dem Abendlande, Rom werde belagert und das Leben der Bürger um Gold verkauft. Die Geplünderten seien aber von neuem eingeschlossen worden, um nach ihren Gütern auch noch ihr Leben zu verlieren. Das Wort bleibt mir in der Kehle stecken und Schluchzen mischt sich beim Diktieren in meine Stimme. Die Stadt wird erobert, welche die ganze Welt unterjocht hat, ja sie wird eine Beute des Hungers, ehe das Schwert sie schlägt, und kaum einige wenige bleiben übrig, um in die Gefangenschaft geschleppt zu werden. Der Wahnsinn zwingt die Hungernden, zu entsetzlichen Nahrungsmitteln zu greifen; gegenseitig zerfleischt man sich die Glieder, und die Mutter schont nicht des Säuglings und verzehrt den, welchen sie kurz zuvor geboren hat. „In der Nacht ist Moab erobert worden, zur Nachtzeit fiel seine Mauer“1 . „O Gott, Heiden kamen in dein Erbe und haben deinen heiligen Tempel entweiht. Sie haben Jerusalem zu einem Wachtturm im Obstgarten gemacht; die Leichen Deiner Heiligen haben sie den Vögeln des Himmels zur Speise gegeben, die Leiber Deiner Diener den Tieren der Erde. Sie haben vor Jerusalem das Blut derselben wie Wasser ausgegossen, und niemand war da, um sie zu begraben“2 . S. 193„Wer wohl vermöchte genau zu schildern das Schlachten und Morden Jener Nacht, wer den Jammer durch Klagegesang zu erreichen? Sie, die Jahrhunderte lange geherrscht die heilige Stadt, fällt, Und es häufen die Straßen entlang sich Hügel von Leichen Allerwärts, und es herrscht das Gespenst, der Tod, in den Häusern“3 .
