2. Bericht
An einen ihrer Beichtväter
Palast der Doña Luise de la Cerda im Jahre 1562.
Die Gebetsweise der Heiligen ist vollkommener geworden; ihr Geist der Armut und des Glaubens; ihre Liebe, ihre Geduld, ihre Losschälung, ihr Mut. Verlangen nach der Verherrlichung Gottes. Reinheit ihrer Seele.
Jesus!
Es ist, wie ich glaube, mehr als ein Jahr, daß ich diesen Bericht hier geschrieben habe: Während dieser ganzen Zeit hat mich Gott an seiner Hand gehalten, und mein innerer Zustand ist nicht schlimmer geworden; vielmehr finde ich an mir einen großen Fortschritt, wie ich ihnen nun erzählen werde. Gott sei gepriesen für alles!
Die Visionen und Offenbarungen haben noch kein Ende genommen, sie sind vielmehr noch weit höherer Natur. Der Herr hat mich eine Gebetsweise gelehrt, aus der ich weit größeren Nutzen ziehe, die mich in höherem Maße von den zeitlichen Dingen losschält und mir größeren Mut und größere Freiheit des Geistes verschafft.
Die Verzückungen haben zugenommen; sie überraschen mich mit solcher Heftigkeit und Gewalt, daß ich deren Wirkungen nach außen hin nicht verhindern kann; sie kommen selbst, wenn ich in Gesellschaft mit anderen bin, und zwar auf eine Weise, daß ich sie keineswegs zu verheimlichen, sondern in Anbetracht meines Herzleidens nur anzudeuten vermag, es sei dies eine Ohnmacht. Soviel ich mir auch anfangs Mühe gebe, sie zurückzuhalten, so sind doch zuweilen meine Kräfte zu schwach.
Bezüglich der Armut hat mir Gott meines Erachtens eine große Gnade verliehen, da ich selbst nach dem Notwendigen kein Verlangen trage, sondern nur vom Almosen leben will; ja, ich habe sogar den sehnlichsten Wunsch, in einem Kloster zu sein, in dem man nur von der Wohltätigkeit anderer lebt. Es scheint mir, daß ich in meiner gegenwärtigen Lage, wo ich sicher bin, daß es mir weder an Nahrung noch an Kleidung fehlt, daß Gelübde der Armut und den Rat Christi nicht so vollkommen erfüllen kann als da, wo ich keine Einkünfte hätte und manchmal Mangel leiden müßte. Die Vorteile, die man durch wahre Armut gewinnt, kommen mir sehr groß vor, und ich möchte keinen davon verlieren.
Zu Zeiten ist mein Glaube so lebendig, daß ich fest daran halte, Gott könne keine Seele, die ihm dient, verlassen; und ich bin fest überzeugt, daß es keine Zeit gebe noch geben könne, in der seine Worte unerfüllt bleiben; und es ist mir auch nicht möglich, eine andere Überzeugung zu gewinnen oder die geringste Furcht in diesem Punkte zu hegen. Darum schmerzt es mich sehr, wenn man mir den Rat gibt, Einkünfte zu haben, und ich nehme dann meine Zuflucht zu Gott [um mich zu tröffen].
Ich habe jetzt, wie mir scheint, viel mehr Mitleid mit den Armen wie ehedem. Ihr Elend rührt mich derart, und ich habe ein so inniges Verlangen, ihnen zu helfen, daß ich ihnen, wenn es auf meinen Willen ankäme, selbst das Kleid schenken würde, daß ich trage. Es widerstrebt mir in keiner Weise, mit ihnen zu reden oder ihnen die Hand zu reichen, und ich erkenne, daß diese Gesinnung ein Geschenk Gottes ist; denn wenn ich ihnen auch früher aus Liebe zu ihm ein Almosen spendete, so war dies doch nicht in meiner Natur begründet. Ich bemerke also auch in diesem Punkte eine Besserung in mir.
Bezüglich der zahllosen Verleumdungen, deren Gegenstand ich oft bin, und die mir wirklich Schaden zufügen, finde ich mich viel mutiger. Sie machen auf mich sozusagen keinen tieferen Eindruck, wie wenn ich keine Kenntnis davon hätte, und gar oft, ja fast immer, glaube ich, daß man ein Recht dazu habe. Ich bin so unempfindlich dagegen, daß ich dadurch meiner Ansicht nach Gott kein Opfer bringen kann. Da ich aus Erfahrung weiß, daß meine Seele daraus großen Nutzen zieht, so scheint es mir eher, daß man mir dadurch Gutes erweist. Darum sehe ich jedes Gefühl der Feindseligkeit gegen meine Verleumder vom ersten Augenblick an verschwinden, wo ich mich zum Gebete anschicke. Wenn ich derartige Vorwürfe höre, so widerstrebt es mir zwar ein wenig, aber ich werde dabei weder unruhig noch verwirrt. Im Gegenteil, wenn ich manchmal Personen gewahre, die sich darüber aufregen, so empfinde ich Mitleid mit ihnen; denn alle Ungerechtigkeiten der Welt scheinen mir so unbedeutend zu sein, daß man davon in keiner Weise berührt werden sollte. Es kommt mir dies alles wie ein Traum vor, und ich merke, daß nach dem Erwachen aus ihm nichts mehr vorhanden ist.
Gott verleiht mir, wie schon erwähnt, durch diese Visionen ein recht inniges Verlangen, ihm zu dienen, eine lebendige Sehnsucht nach Vereinsamung und eine weit vollkommenere Losschälung von allen irdischen Dingen. Er hat mir auch zu verstehen gegeben, wie wenig beachtenswert alles ist, was wir verlassen; was jene betrifft, die mit mir durch die Bande der Freundschaft oder Verwandtschaft verbunden waren, so ist es für mich kein Opfer, mich von ihnen zu trennen; sie gereichen mir vielmehr zur Last. Sobald es sich darum handelt, Gottes Ehre auch nur ein wenig mehr zu fördern, so verlasse ich sie mit voller Freiheit und Freude, und so finde ich überall den Frieden.
Einige Ratschläge, die mir im Gebete gegeben wurden, sind sehr begründet. Infolgedessen finde ich durch die mir von Gott verliehenen Gnaden einerseits eine merkliche Besserung in mir, andererseits sehe ich, wie untauglich ich bin zu seinem Dienste, nachdem ich mehr Gnaden empfangen habe, als ich verdiene; diese Wahrnehmung fällt mir oft recht schwer. Meine Bußübungen sind unbedeutend; man erweist mir viel Ehre und oft ganz gegen meinen Willen, kurz, ich führe ein sehr angenehmes und keineswegs abgetötetes Leben. Möge Gott hier in seiner Allmacht Hilfe schaffen!
