5. Bericht
An Vater Rodrigo Alvarez
Sevilla, 1576.
Übernatürliche Gebetsweise. Innerer Friede. Ekstase, Vereinigung, Verzückung. Wirkungen dieser Gunstbezeigungen. Geistesflug, Antriebe, Verwundung der Liebe. Vision der drei göttlichen Personen.
Jesus!
Es ist sehr schwer, über geistige Gunstbezeigungen zu sprechen und vor allem sich auf verständliche Weise auszudrücken, da diese so schnell vorübergehen. Und wenn nicht der Gehorsam mithilft, dann ist es nur Zufall, den rechten Ausdruck für so erhabene Dinge zu finden. Es liegt indessen wenig daran, wenn ich Torheiten sage; denn dieser Schriftstück gelangt in die Hände eines Mannes, der schon viel ärgere Dinge über mich gehört hat. Ich bitte Sie darum, überlegt zu sein, daß ich mir keineswegs zumuten will, in diesem Berichte überall das Rechte getroffen zu haben; denn es kann sein, daß ich es selbst nicht recht verstehe. Indessen kann ich Sie versichern, daß ich nichts sagen werde, was ich nicht schon mehrmals und auch öfters erfahren habe. Sie werden selber sehen, ob es gut oder schlecht ist, und mir darüber Aufschluß geben.
Er wird Ihnen, wie ich glaube, angenehm sein, wenn ich gleich von den ersten übernatürlichen Gunstbezeigungen zu sprechen beginne. Denn Andacht und Rührung, Tränen und Betrachtung, was man alles mit Hilfe des Herrn sich hier selbst erwerben kann, sind Dinge, die selbstverständlich sind. Übernatürlich nenne ich das, was man durch eigenen Fleiß und eigene Anstrengung nicht zu erreichen imstande ist, wenn man auch dafür zubereiten kann und diese Zubereitung viel dazu beiträgt.
Die erste übernatürliche Gebetsweise, die ich nach meinem Dafürhalten in mir wahrnahm, ist eine innere Sammlung. Die Seele fühlt diese ganz in ihrem Innern; es kommt ihr vor, sie habe außer den äußeren körperlichen Sinnen noch andere Sinne und wolle sie aus dem Gewühle dieser äußeren Sinne in ihr Inneres zurückziehen. Manchmal nimmt sie diese gefangen; sie findet daran Gefallen, die Augen zu schließen, nichts zu sehen, nichts zu hören und wahrzunehmen als nur Gott, womit sie sich eben beschäftigt, um sind ganz mit Gott unterhalten zu können. Sie verliert aber bei dieser Gebetsweise nicht den Gebrauch der Sinne und Fähigkeiten; alle behalten ihre Kraft bei und werden nur fähiger, sich mit Gott zu befassen. Wer diese Gnade von Unserem Herrn empfangen hat, wird leicht verstehen, was ich damit sagen will; wem sie aber nicht zuteil geworden ist, der wird es nicht verstehen, wenigstens müßte man da viele Worte und Vergleiche vorbringen.
Infolge dieser Sammlung entsteht manchmal eine überaus wonnevolle Ruhe und ein süßer innerer Friede, so daß die Seele glaubt, es fehle ihr gar nichts mehr; es wird ihr sogar das Sprechen zur Last, ich meine das mündliche Gebet und die Betrachtung; sie möchte nur Liebe, und dieser Zustand dauert bald längere, bald kürzere Zeit.
Aus dieser Gebetsweise folgt gewöhnlich das, was man Schlaf der Seelenkräfte nennt; diese sind aber nicht so gefesselt und gebunden, daß man diesen Zustand Verzückung nennen könnte. Noch weniger ist dies eine gänzliche Vereinigung.
Manchmal, ja sehr oft, merkt die Seele, daß nur der Wille im Zustand der Vereinigung sich befindet; sie erkennt dies ganz deutlich, wenigstens scheint es ihr so. Sie sieht ihn ganz mit Gott beschäftigt und in die Unmöglichkeit versetzt, sich mit einer anderen Sache zu befassen. Die zwei anderen Seelenkräfte sind frei für die Angelegenheiten und Werke, die sich auf den Dienst Gottes beziehen; mit einem Worte Martha und Maria sind hier miteinander vereinigt. Da ich darüber sehr erstaunt war, so fragte ich den Pater Franziskus, ob dies nicht eine Täuschung sei, und er gab mir zur Antwort, daß dies häufig vorkomme.
Wenn alle Seelenkräfte in der Vereinigung sich befinden, so ist das etwas ganz anderes; sie können dann auf gewöhnliche Weise nicht mehr wirken. Der Verstand ist voll Staunen über das, was er sieht, der Wille liebt mehr, als die Seele versteht; die Seele weiß sich nicht einmal auszudrücken, wie er liebt und was er tut. Gedächtnis und Einbildungskraft scheinen nicht mehr zu existieren; auch die äußeren Sinne sind nicht mehr im wachen Zustand, sondern wie verloren, damit die Seele, wie mir scheint, der Freude sich hingeben kann, die ihr zuteil wird. Es ist aber dies nur von kurzer Dauer und geht bald vorüber. Da sich die Seele mit Demut, mit vielfachen Tugenden und mit Liebe zu Gott bereichert sieht, erkennt sie die kostbaren Güter, die durch diesen Gnadenerweis ihr zuteil werden; allein sie kann nicht aussprechen, was es ist. Wenn sie sich verständlich machen will, weiß sie nicht, wie sie es versteht, und ist nicht imstande, sich auszudrücken. Diese Vereinigung — ich spreche von einer wahren Vereinigung — ist meines Erachtens die größte Gnade oder wenigstens eine der größten, die uns Gott auf diesem geistlichen Wege verleiht.
Die Ekstase und die Bindung der Sinne sind nach meinem Dafürhalten ein und dasselbe, wenn ich auch gewöhnlich das Wort »Bindung der Sinne« gebrauche, um den Ausdruck »Ekstase« zu vermeiden, der mit Schrecken erfüllt. Übrigens kann man auch wirklich der eben besprochenen Vereinigung den Namen Bindung der Sinne geben.
Der Unterschied zwischen Ekstase und Vereinigung ist folgender: Die Ekstase dauert länger und macht sich mehr nach außen hin bemerkbar; sie verkürzt allmählich das Atmen, so daß man nicht mehr zu reden und die Augen zu öffnen vermag. Wenn auch diese Wirkungen in gleicher Weise bei der Vereinigung zutage treten, so geschieht es hier doch mit weit größerer Gewalt; es schwindet nämlich auf eine mir unbegreifliche Weise die natürliche Wärme, wenn die Ekstase erhaben ist. Es gibt eben in diesem Gebetszustand Stufen; und wenn die Ekstase höherer Ordnung angehört, dann erstarren die Hände und bleiben manchmal ausgespannt wie Balken. Der Leib bleibt stehend oder kniend, wie ihn die Ekstase getroffen hat. Die Seele ist so in Freude versunken über das Glück, das sie der Herr genießen lassen will, daß es den Anschein hat, als ob sie den Leib ganz verlassen und vergessen habe, ihn zu beleben. Wenn dieser Zustand länger andauert, dann werden die Nerven sehr empfindlich davon berührt. Der Herr will, wie mir scheint, daß die Seele in der Ekstase besser versteht, was sie genießt, als in der Vereinigung; und deshalb werden da der Seele fast gewöhnlich bestimmte Geheimnisse der göttlichen Majestät enthüllt, und die in ihr hervorgerufenen Wirkungen sind sehr erhaben. Sie vergißt sich selbst, und ihr einziges Verlangen ist, daß der so große Gott und Herr erkannt und gepriesen wird. Kommt die Ekstase von Gott, so muß die Seele nach meiner Ansicht ihr gänzliches Unvermögen, ihre Armseligkeit und Undankbarkeit klar erkennen, da sie dem nicht gedient hat, der aus reiner Güte ihr so große Gnaden erwiesen. Denn dieses Wonnegefühl und diese Süßigkeit ist so sehr über alle Dinge dieser Erde erhaben, daß die Seele, wenn die Erinnerung daran sich nicht wieder verlieren würde, ohne Unterlaß Ekel an allen irdischen Freuden haben müßte. Daher kommt es auch, daß sie alle Dinge dieser Welt gering achtet.
Der Unterschied zwischen Ekstase und Entzückung ist der, daß die Seele in der Ekstase allmählich den äußeren Dingen abstirbt und den Gebrauch der Sinne verliert, um ganz für Gott zu leben; die Entzückung dagegen entsteht durch eine einfache Erkenntnis, die Seine Majestät im Innersten der Seele verleiht, und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß es scheint, als entführe sie die Seele in ihren oberen Teil und als löse sich diese vom Leibe los. Darum ist bei Beginn dieser Gunstbezeigung Mut notwendig, damit sie die Seele in die Arme des Herrn werfe, der sie hinführt, wohin er will; denn bis der Herr sie in den Zustand des Friedens versetzt, in den er sie durch Mitteilung erhabener Kenntnisse erheben will, muß sie von Anfang an fest entschlossen sein, für ihn zu sterben; denn die arme Seele weiß da nicht, was das sein soll.
Die Tugenden, die daraus hervorgehen, gewinnen nach meinem Dafürhalten größere Kraft als in der Ekstase. Man verlangt, die Macht des großen Gottes immer mehr kennenzulernen, und erkennt sie auch immer tiefer; man fürchtet und liebt ihn auch mehr, und ohne im geringsten widerstehen zu können, erbebt er die Seele zu sich. Die Seele wird von tiefem Schmerz ergriffen, daß sie ihn beleidigt hat, und entsetzt sich über die Verwegenheit, eine so erhabene Majestät betrübt zu haben; sie wird von glühendem Verlangen verzehrt, es möchte doch niemand sie beleidigen, sondern jeder Mensch sie verherrlichen.
Daraus entsteht dann auch, wie ich meine, jenes innige Verlangen nach dem Heile der Seelen; sie möchte ihrerseits dazu beitragen und sich zum Opfer bringen, daß dieser große Gott gepriesen werde, wie er es verdient.
Geistesflug ist etwas, das sich — ich weiß nicht, wie man es nennt — aus dem Innersten der Seele erhebt. Ich erinnere mich nur, daß ich mich, wie Sie wissen, in dem Buche, in dem all diese Gebetsweisen und noch andere Dinge erklärt sind, einmal eines Vergleiches bedient habe; aber mein Gedächtnis ist so schwach, daß ich ihn schnell vergessen habe. Die Seele und der Geist müssen, wie mir scheint, ein und dasselbe sein und gleichen einem großen Feuer, das, wenn die nötigen Vorbereitungen getroffen sind, aufbrennt. Die Seele gleicht also in dieser Vorbereitung Gott gegenüber einem Feuer, das plötzlich aufbrennt, Flammen sprüht und aufsteigt; aber diese Flamme ist ebenso Feuer wie jenes, das auf dem Boden brennt; es bleibt noch immer Feuer, obwohl es in die Höhe sich erhebt. Auf gleiche Weise bringt die Seele, wie mir scheint, in ihrem Innersten so schnell und auf so erhabene Weise etwas hervor, das sich in ihren oberen Teil erhebt und dahin geht, wo der Herr es haben will; ich vermag das nicht besser zu erklären. Es scheint mir das ein Flug des Geistes zu sein, für den ich keinen besseren Vergleich finde. Ich weiß, daß man dies in diesem Zustande sehr deutlich wahrnimmt und man keinen Widerstand leisten kann.
Es scheint, daß der Geist, der sie so leicht erhebt wie ein Vögelein, sich frei macht von der Sklaverei des Fleisches und dem Gefängnis des Leibes entschlüpft; so in Freiheit gesetzt, ist er fähiger, die Gnaden zu genießen, womit der Herr ihn bereichert. Dieser Flug des Geistes ist etwas sehr Erhabenes und Kostbares; die Seele erkennt dies so gut, daß sie hierin an die Möglichkeit einer Täuschung nicht glauben kann. Dies gilt auch von den anderen Gunstbezeigungen, wenigstens in dem Augenblicke, wo sie damit begnadigt wird; erst nachher kommt die Furcht. Die Person, die diese Gnaden empfangen hat, glaubte, da sie sehr unvollkommen war, mit gutem Grund über alles Furcht zu hegen, obwohl sie im Innersten ihrer Seele eine Sicherheit und Gewißheit hatte, die ihr das Leben erträglich machten; allein trotzdem war sie stets darauf bedacht, nicht das Opfer einer Täuschung zu werden.
Antrieb nenne ich ein Verlangen, von dem die Seele erfüllt wird, ohne daß ein Gebet vorausgegangen ist. Es kommt ihr manchmal oder selbst sehr oft die Erinnerung, daß sie ferne von Gott ist, oder sie vernimmt ein diesbezügliches Wort. Diese Erinnerung ist manchmal so lebendig und mächtig, daß sie für den Augenblick von Sinnen zu sein glaubt. Wie eine Person, die, wenn man ihr plötzlich eine unvorhergesehene, recht betrübende Nachricht mitteilt oder ihr großen Schrecken einjagt, jeden geeigneten Gedanken des Trostes verliert und in vollständige Bestürzung gerät; so ähnlich geschieht es auch hier; nur wird der Schmerz in der Seele durch eine derartige Ursache hervorgebracht, daß sie benommen einsieht, wie gut es für sie wäre, zu sterben. Alles, wovon die Seele Erkenntnis hat, scheint nur dazu zu dienen, um ihre Pein zu vermehren, so daß ihr ganzes Sein nach dem Willen Gottes keinen anderen Zweck hat. Daß er sie auf Erden zurückhalten will, daran denkt sie nicht einmal. Sie glaubt sich in einer so entsetzlichen Vereinsamung und Verlassenheit von allen Dingen zu befinden, daß sie es nicht beschreiben kann. Die ganze Welt und all ihre Freuden verursachen ihr Pein; und kein Geschöpf ist imstande, mit ihr in gesellschaftlichen Verkehr zu treten; ihr einziges Verlangen ist, den Schöpfer zu sehen. Aber sie erkennt, daß dies ohne Sterben nicht möglich ist, und da sie sich selbst den Tod nicht geben kann, so stirbt sie vor Verlangen zu sterben. Deshalb ist sie auch wirklich in Todesgefahr; sie sieht sich gewissermaßen hängend zwischen Himmel und Erde und weiß nicht, was aus ihr werden soll. Um ihr zu zeigen, was ihr noch versagt ist, verleiht ihr der Herr von Zeit in Zeit eine so erhabene Erkenntnis von seiner Gottheit, daß sie es nicht beschreiben kann. Von allen Leiden dieser Verbannung, wenigstens von allen jenen, die ich erduldet habe, kommt keines dieser Pein gleich und es reicht schon eine halbe Stunde hin, um den Leib so zu zerschlagen und die Arme in einer Weise zu verrenken, daß man sich vor übergroßem Schmerz, nicht einmal der Hände zum Schreiben bedienen kann.
Von all diesen Schmerzen des Körpers fühlt die Seele nichts mehr, wenn einmal dieser Antrieb vorüber ist; sie hat schon genug an innerer Pein zu tragen und würde nach meinem Dafürhalten selbst die größten Martern des Leibes nicht fühlen. Sie ist im Gebrauch all ihrer Sinne; sie kann reden und auch sehen, aber nicht gehen; denn der starke Stoß der Liebe wirft sie nieder. Würde sie auch vor Verlangen nach dieser Gnade sterben, sie könnte sich nicht in deren Besitz setzen, da sie ein ganz freies Geschenk Gottes ist, das in der Seele die wunderbarsten Wirkungen und überreichen Gewinn hervorbringt. Einige Gelehrte bezeichnen diese so, die anderen anders; keiner aber verurteilt sie. Pater Magister de Ávila schrieb mir, es sei dies etwas Gutes, und das sagen alle. Die Seele erkennt klar, daß dies eine erhabene Gnade Gottes ist; allein ihr Leben würde nicht lange dauern, wenn ihr diese öfters zuteil würde.
Der gewöhnliche Antrieb ist das Verlangen, Gott zu dienen in Verbindung mit großer Rührung und Tränen, die zeigen, wie sehr die Seele darnach Verlangen trägt, diese Verbannung verlassen zu dürfen; hat aber die Seele wieder soviel Freiheit, um zu erkennen, daß ihr Verbleiben auf dieser Welt der Wille Gottes ist, so tröstet sie sich damit; sie opfert dem Herrn ihr Leben auf und bittet ihn, es nur zu seiner Ehre verwenden zu können. Damit erträgt sie ihr Dasein.
Eine andere sehr häufig vorkommende Gebetsweise ist eine Art Verwundung, wobei es der Seele vorkommt, als wenn man ihr einen Pfeil durchs Herz, ja durch sie selber bohrte. Diese Verwundung verursacht den größten Schmerz, so daß die Seele laut aufjammern muß; aber er ist so wonnevoll, daß man nicht mehr ohne ihn sein möchte. Dieser Schmerz berührt aber nicht die körperlichen Sinne, da es keine materielle Verwundung ist; man fühlt ihn vielmehr nur in der Seele, und es zeigt sich davon nichts am Körper. Man kann diesen Zustand nur durch Vergleiche veranschaulichen, die aber überaus plump, ja sogar für diesen Zweck sehr plump sind; auf andere Weise kann ich mich nicht ausdrücken. Diese Vorgänge kann man weder beschreiben noch auch durch Worte anschaulich machen. Wer davon keine Erfahrung besitzt, kann sie nicht begreifen, ich will sagen, er versteht nicht, wie weit sich dieser Schmerz erstreckt; denn die Peinen des Geistes sind ganz verschieden von jenen, die wir hier erdulden. Daraus nehme ich ab, daß die Seelen in der Hölle und im Fegfeuer weit mehr leiden, als wir und hier mittels der körperlichen Schmerzen vorstellen können.
Manchmal nimmt die Seele, die diese Verwundung der Liebe empfangen hat, in ihrem Innersten erhabene Liebesseufzer wahr, deren Wirkungen in der Tat wunderbar sind. Es ist ihr auch trotz aller Bemühung nicht möglich, sich diese Gnaden zu verschaffen, wenn sie ihr der Herr nicht verleiht, noch auch, sie von sich zu weisen, wenn er sich würdigt, sie ihr zu schenken. Es ist dies ein so lebendiges und erhabenes Verlangen nach Gott, daß man es nicht beschreiben kann. Die Seele fühlt sich wie gefesselt und kann sich nicht so in Gott erfreuen, wie sie wünsch; und darum erfaßt sie ein heftiger Widerwille vor dem Leibe; er kommt ihr vor wie eine dicke Wand, die sie hindert, den Gegenstand, den sie zu besitzen vermeint, nach ihrem Wunsche zu genießen, da sie von den Banden des Körpers zurückgehalten wird. Sie erkennt das große Unheil, das Adams Sünde über uns gebracht hat, da sie uns dieser Freiheit beraubt hat.
Diese Gebetsweise geht der Zeit nach den Verzückungen und den erwähnten Antrieben voran. Ich habe vergessen zu sagen, daß diese heftigen Antriebe fast immer mit einer Verzückung oder mit einer außerordentlichen Wonne endigen, wodurch der Herr die Seele tröstet und ermutigt, aus Liebe zu ihm zu leben.
Alles, was ich bisher gesagt habe, kann kein Blendwerk sein; ich habe dafür mehrere Gründe, deren Aufzählung aber zu weit führen würde. Ob ich mich nun recht ausgedrückt habe oder nicht, das weiß der Herr. Die Wirkungen kann man nach meinem Dafürhalten nur in den erhabenen Gütern erkennen, womit die Seele bereichert wird.
Ich erkenne klar, daß die drei göttlichen Personen voneinander verschieden sind, wie ich sie gestern sah, als Sie mit dem Pater Provinzial sprachen. Auch habe ich Ihnen gesagt, daß ich mit den leiblichen Augen nichts sehe und auch mit leiblichen Ohren nichts vernehme; ebenso nehmen auch die Augen der Seele nichts wahr. Ich habe nur eine übernatürliche Gewißheit, daß die drei göttlichen Personen da sind; und ich erkenne es sogleich, wenn ihre Gegenwart nicht mehr vorhanden ist. Wie dies geschieht, weiß ich nicht, aber daß weiß ich, daß es kein Blendwerk ist. So sehr ich mich auch nachher bemühen würde, um mir diese ihre Anwesenheit zu vergegenwärtigen, ich könnte es nicht zustande bringen. Ich habe das oft versucht; und so ist es auch, soweit ich es zu erkennen vermag, bei all dem, was ich hier gesagt habe; denn während der vielen Jahre, in denen ich diese Gunstbezeigungen empfange, hatte ich Gelegenheit, diese Beobachtung zu machen, und so kann ich auch mit solcher Bestimmtheit mich darüber aussprechen.
Ich kann in der Tat behaupten — und ich bitte Sie, dies hier zu beachten — , daß ich sehe, wer die Person ist, die immer zu mir spricht; bezüglich der anderen zwei könnte ich dies nicht auf dieselbe Weise behaupten. Die eine von ihnen hat meines Wissens noch nicht zu mir gesprochen; den Grund davon habe ich aber nicht erfahren; übrigens bemühe ich mich auch nicht, Gott um mehr zu bitten, als er mir mitteilen will. Denn ich würde sogleich meinen, der böse Feind könnte mich täuschen; da ich mich vor ihm fürchte, werde ich auch jetzt nicht um mehr bitten.
Die erste Person hat, wie es mir scheint, mehrere Male zu mir gesprochen. Da ich mich aber jetzt nicht mehr genau daran erinnere und ich vergessen habe, was es war, so wage ich dies nicht zu behaupten. Dies alles, und was ich hier gesagt habe, ist ausführlich beschrieben in dem Berichte, den Sie kennen. Ich weiß jedoch nicht, ob mit denselben Worten.
Die Seele sieht auf ganz erhabene Weise, daß die drei Personen voneinander verschieden sind; aber sie erkennt, daß sie nur ein Gott sind. Ich glaube mich zu erinnern, daß Unser Herr nur als menschliche Person zu mir gesprochen hat. Ich wiederhole es und ich kann auch versichern, daß dieses alles keine Täuschung ist.
Was Sie mir über das Wasser sagten, weiß ich nicht. Ich habe auch nie etwas darüber erfahren, wo sich das irdische Paradies befindet. Ich habe Ihnen gegenüber schon bemerkt, daß ich das nie zurückweisen kann, was mir der Herr zu verstehen geben will. Ich verstehe es, weil ich nicht anders kann. Ich habe es aber nie gewagt, Seine Majestät zu bitten, mir das Verständnis gewisser Dinge zu verleihen; denn ich würde das für ein Werk meiner Einbildung halten und glauben, daß der Teufel mich täuschen werde. Ich war, Gott sei Dank, nie so wißbegierig, derartige Bitten an Gott zu richten, und habe mich auch nicht bemüht, mehreres zu erfahren. Es hat mir Mühe genug gekostet, wider meinen Willen das zu erfassen, was man mir zu verstehen gegeben hat. Es war dies aber nach meinem Dafürhalten ein Mittel, dessen sich der Herr zu meiner Rettung bediente, da er meine Treulosigkeiten gesehen; denn die Guten bedürfen nicht so vieler Gnaden, um Seiner Majestät zu dienen.
Ich erinnere mich noch an eine anbete Gebetsweife, die der zuerst bezeichneten vorangeht, und diese besteht in einer bestimmten Gegenwart Gottes. Dies ist aber keineswegs eine Vision; diese Gegenwart wird meines Erachtens jedem zuteil, der sich Unserem Herrn empfehlen will, selbst wenn er mündlich betet, und zwar wenn er will und so oft er will, außer er befindet sich im Zustand großer Trockenheit. Möge es dem Herrn gefallen, daß ich so große Gnaden nicht verscherze, und möge er seine Barmherzigkeit an mir erweisen!
