3. Bericht
St. Josephskloster zu Ávila, im Jahre 1563.
Den beiliegenden Bericht, der von meiner Hand ist, habe ich vor ungefähr neun Monaten geschrieben. Seitdem habe ich mich bemüht, den Gnaden zu entsprechen, die mir Gott verliehen hat; ich glaube sogar, daß ich, soweit ich es erkenne, neue empfangen und eine weit größere innere Freiheit erlangt labe. Bisher war ich der Meinung, ich hätte andere nötig, und stützte mich zu sehr auf die Hilfe von seiten der Welt; jetzt aber erkenne ich klar, daß alle Menschen wie ein dürrer Rosmarinstengel sind und man keine Sicherheit hat, wenn man sich auf sie verläßt, da sie unter der geringsten Last des Widerspruches oder der üblen Nachrede zusammenbrechen. So habe ich aus Erfahrung gelernt, daß das beste Bewahrungsmittel vor dem Falle darin besteht, das Kreuz zu umfassen und auf den zu vertrauen, der an ihm gehangen ist. Ich finde an ihm einen wahren Freund; mich aber sehe ich mit einer solchen Herrschermacht ausgerüstet, daß ich, wie mir scheint, allen Angriffen von seiten der Welt mich widersetzen könnte, falls Gott mich nicht verließe.
Bevor ich diese Wahrheit so klar erkannte, hielt ich sehr viel darauf, in Ehren zu stehen; jetzt kümmert mich dies nicht mehr, vielmehr ist es mir lästig, aber es betrifft jene, mit denen ich die Angelegenheiten meiner Seele bespreche oder denen ich nützlich zu sein glaube. Von den ersteren wünsche ich geliebt in werden, damit sie mich ertragen, und von den letzteren, damit sie mir eher glauben, wenn ich ihnen sage, daß alle Dinge eitel seien.
Inmitten der schrecklichen Prüfungen, Verfolgungen und Anfeindungen, die ich in den letzten Monaten auszustehen hatte, hat mir Gott einen außerordentlichen Mut verliehen. Je größer die Schwierigkeiten waren, um so mehr wuchs mein Mut, ohne daß ich des Leidens überdrüssig wurde. Ich fühlte nicht nur keinen Widerwillen gegen Personen, die Übles über mich redeten, ich fand vielmehr, wie mir scheint, daran Anlaß, sie aufs neue zu lieben. Ich weiß nicht, wie dies sein konnte, jedenfalls aber war dies gewiß ein Geschenk von der Hand des Herrn.
Ich hatte, wenn ich etwas wünschte, von Natur aus ein sehr heftiges Verlangen, in dessen Besitz zu kommen; jetzt aber sind meine Wünsche mit solcher Ruhe begleitet, daß ich, wenn ich sie verwirklicht sehe, nicht einmal weiß, ob ich mich freuen soll. Der Schmerz und die Freude beherrschen mich, wenn es sich nicht um Dinge handelt, die auf das Gebetsleben Bezug haben, so wenig, daß ich mir ganz gefühllos vorkomme und manchmal mehrere Tage in diesem Zustande verbleibe.
Ich habe von Zeit zu Zeit wie auch früher ein heftiges Verlangen nach Bußwerken; und wenn ich ein solches auf mich nehme, so empfinde ich es in Anbetracht dieses heftigen Verlangens so wenig, daß es mir manchmal, ja fast immer eine besondere Freude bereitet. Ich mäßige mich indessen in diesem Punkte, da ich selbst leidend bin.
Es ist für mich oft eine wahre Qual, essen zu müssen, besonders wenn ich mich im Gebete befinde; jetzt aber ist diese Qual außerordentlich groß; sie muß sehr tief gehen, da sie mir viele Tränen ausgepreßt und mich, ohne es zu merken, zum Aussprechen von Worten voll Betrübnis veranlaßt, was ganz gegen meine Gewohnheit ist. Ich habe in der Tat während meines Lebens schon viele schmerzliche Prüfungen durchgemacht und erinnere mich nie, jemals solche Klageworte ausgesprochen zu haben; denn in diesem Punkte bin ich durchaus nicht weibisch, sondern habe ein hartes Herz.
Ich fühle in mir ein weit heftigeres Verlangen als sonst gewöhnlich, es möchten sich Menschen finden, die Gott mit vollkommener Losschälung und vollständiger Preisgabe aller irdischen Dinge dienen, da dies alles nur Blendwerk ist. Ich wünsche ihn auf diese Weise besonders von den Gelehrten verherrlicht zu sehen. Denn wenn ich die großen Bedrängnisse der Kirche betrachte, die mich so sehr schmerzen, so kommt es mir ganz ungereimt vor, sich noch über etwas anderes zu betrüben; deshalb empfehle ich die Gelehrten ohne Unterlaß Gott. Ich weiß nämlich, daß eine einzige ganz vollkommene Person, die von wahrer Liebe zu Gott erfüllt ist, weit mehr Nutzen schafft als viele lässige Seelen.
In Sachen des Glaubens finde ich mich meines Erachtens weit stärker. Ich glaube imstande zu sein, mich allen Lutheranern entgegenstellen und sie ihres Irrtums überweisen zu können.
Ich sehe, daß viele Seelen in der Tugend vorangeschritten sind, und erkenne klar, daß sich Gott meiner als eines Werkzeuges dazu bedienen wollte; auch nehme ich wahr, daß meine Seele, dank seiner Güte, mit jedem Tag in seiner Liebe zunimmt.
Ich könnte, wie mir scheint, auch wenn ich wollte, keinem eitlen Gedanken Raum geben, noch mir denken, daß eine einzige meiner Tugenden in mir ihren Ursprung habe; denn seit kurzer Zeit nehme ich wahr, daß ich viele Jahre lang keine einzige Tugend besessen habe. Jetzt empfange ich Gnaden im Überfluß, ohne Gott zu dienen, und so bin ich das nutzloseste Geschöpf der Welt. Es ist dies wirklich so, da ich gar oft sehe, wie alle anderen nur nicht ich Fortschritte machen, und wie untauglich ich zu allem bin. Das ist sicherlich keine Demut, sondern reine Wahrheit. Wenn ich mich so unnütz sehe, so befällt mich manchmal die Furcht, ich möchte ein Opfer der Täuschung sein. Ich erkenne darum klar, daß diese Visionen und Offenbarungen, die ich nicht suche und bei denen ich auch, gleich als ob ich ein Stück Brett wäre, nicht mitwirke, die Quelle diese geistigen Gewinnes sind. Dies gibt mir Sicherheit und beruhigt mich wieder in etwas; ich werfe mich in die Arme Gottes und vertraue auf mein Verlangen, daß, wie ich sicher weiß, darauf zielt, für ihn zu sterben und all meine Ruhe ihm zum Opfer zu bringen, mag denn auch kommen, was da wolle.
Es gibt Tage, an denen ich mich unzählige Male an das erinnere, was der heilige Paulus sagt, obwohl ich sicherlich das nicht fühle wie er. Es kommt mir vor, daß nicht mehr ich es bin, die lebt, redet und etwas will, sondern daß in mir einer ist, der mich regiert und stärkt. Ich bin da sozusagen ganz außer mir, und es wird mir das Leben zur größten Qual. Da es für mich so schmerzlich ist, getrennt von ihm zu sein, so besteht das größte Opfer, daß ich zu seiner Ehre bringen kann, darin, daß ich mich dareinfinden muß, aus Liebe zu ihm noch länger in dieser Welt zu leben. Ich wünschte selbst, es möchte mein Leben inmitten der größten Leiden und Verfolgungen dahinfliegen; denn da ich zu nichts tauglich bin, so möchte ich ihn doch, wenigstens durch Leiden verherrlichen. Ich würde gern alle Martern der Welt auf mich nehmen, um wenigstens ein wenig mehr Verdienste zu haben, will sagen, um vollkommener seinen Willen erfüllen zu können.
Seit zwei Jahren habe ich nichts im Gebete vernommen, dessen Erfüllung ich nicht gesehen hätte. Die Vorstellungen, die ich über die Großtaten Gottes und seine Vorsehung bekomme, sind so erhaben, daß sie mein Verstand, sobald ich daran denken will, nicht zu fassen vermag, denn ich nehme Dinge wahr, die meine Begriffe weit übersteigen, und dann trete ich in eine tiefe Sammlung.
Gott will mich mit solcher Sorgfalt vor der geringsten Beleidigung seiner Majestät behüten, daß ich oft über mich staunen muß. Ich sehe es gleichsam, mit welcher Aufmerksamkeit er mich bewacht, obwohl ich ihm in keiner Weise entspreche. Ich war nämlich ein Abgrund von Sündhaftigkeit und Elend, bevor ich diese Gunstbezeigung empfing; und ohne es zu merken, habe ich jetzt soviel Herrschaft über mich bekommen, um nicht mehr zurückzufallen. Wenn ich das Verlangen habe, die Sünden meines Lebens bekanntzumachen, so geschieht es deshalb, damit die große Macht Gottes offenbar werde. Er sei gepriesen in alle Ewigkeit! Amen.
Jesus — Der obenstehende Bericht ist nicht von meiner Hand geschrieben. Ich habe ihn meinem Beichtvater gegeben, und dieser hat ihn, ohne etwas zu ändern oder hinzuzufügen, eigenhändig abgeschrieben. Dieser war ein großer Geistesmann und hervorragender Theologe, dem ich alle Angelegenheiten meiner Seele anvertraute; er besprach sie wieder mit anderen Gelehrten, unter denen sich auch Vater Mancio befand. Alle diese haben nichts gefunden, was mit der Heiligen Schrift nicht vollständig im Einklang stand; es war dies für mich eine große Beruhigung, obwohl ich klar erkenne, daß ich, solange mich Gott auf diesem Wege führen will, in seiner Weise auf mich ein Vertrauen setzen darf. So habe ich es auf immer gehalten, obgleich ich dabei viel zu leiden habe. Betrachten sie dies alles als Beichtgeheimnis, wie ich Sie darum gebeten habe.
