4. Bericht
Vater Rodrigo Alvarez aus der Gesellschaft Jesu in Sevilla
Sevilla 1576.
Das innere Leben der Heiligen. Ihre Seelenführer und ihre Prüfungen. Die Theologen billigen ihren Geist. Blinder Gehorsam gegen ihre Beichtväter. Wirkungen der ihr verliehenen Gunstbezeigungen des Himmels.
Jesus!
Es sind jetzt vierzig Jahre, daß diese Nonne das Ordenskleid genommen hat. Gleich vom ersten Jahre an hat sie angefangen, die Geheimnisse Unseres Herrn zu betrachten und ihre Sünden zu beweinen. Sie war nie darauf bedacht, einen übernatürlichen Weg zu gehen, sondern gab sich damit zufrieden, öfters des Tages an die Geschöpfe und die irdischen Dinge zu denken, die ihr zeigten, wie schnell alles vorübergeht; und es ist ihr nie der Gedanke gekommen, nach Höherem zu streben. Sie achtete sich selbst so gering, daß sie sich sogar als unwürdig betrachtete, an Gott zu denken.
So brachte sie zweiundzwanzig Jahre in großer Trockenheit zu, las aber auch gute Bücher. Es mögen ungefähr achtzehn Jahre sein, daß sie wegen der Gründung des ersten Klosters der unbeschuhten Karmelitinnen in Ávila in Unterhandlungen zu treten begann. Ungefähr drei Jahre vorher glaubte sie, mehrmals innere Ansprachen zu vernehmen und Visionen und Offenbarungen zu haben. Aber sie sah nie etwas mit dem leiblichen Auge, da diese so schnell vorübergingen wie ein Blitzstrahl. Der Eindruck jedoch, den sie auf den Geist machten, und die Wirkungen waren so, wie wenn sie diese mit leiblichen Augen geschaut hätte, ja noch mächtiger.
Diese Nonne war damals so furchtsam, daß sie sich manchmal selbst bei Tage nicht allein zu sein getraute. Da sie trotz ihrer Anstrengungen diesen Visionen nicht Widerstand leisten konnte, so war sie sehr betrübt und fürchtete, sie möchte vom bösen Feinde getäuscht werden. Sie begann deshalb, sich mit einigen Vätern der Gesellschaft Jesu zu beraten, die im geistlichen Leben Erfahrung hatten. Unter diesen befand sich Pater Aroaz der damals Kommissär der Gesellschaft Jesu war und zufällig dorthin kam, wo diese Nonne sich aufhielt, sowie auch Pater Franz , der frühere Herzog von Gandia, mit dem sie sich zweimal besprach. Ferner redete sie über ihren Seelenzustand auch mit Ägidius Gonzales, dem Provinzial der Gesellschaft Jesu, und einem der vier Assessoren, der sich gegenwärtig in Rom befindet, sowie auch mit dem jetzigen Provinzial von Kastilien, mit dem sie jedoch nicht so oft sich besprach wie mit Pater Balthasar Gonzales. Dem Pater Balthasar Alvarez, dem jetzigen Rektor von Salamanka, beichtete sie sechs Jahre lang. Auch den gegenwärtigen Rektor von Cuenca namens Salazar und den von Segovia namens Santander zog sie zu Rate; mit letzterem verkehrte sie jedoch seltener. Auch dem Pater Ripalda, dem Rektor von Burgos, eröffnete sie ihr Inneres, der jedoch ein großer Gegner von ihr war, bis er mit ihr zusammenkam. Endlich besprach sie sich mit dem Doktor Paul Fernandez de Toledo, dem Konsultor der Inquisition, und mit einem anderen Pater namens Ordoñez, der Rektor von Ávila war. Da sie sich an verschiedenen Orten aufhielt, so ließ sie jene rufen, die als Gottesmänner in hohem Ansehen standen.
Mit Pater Petrus de Alcantara unterredete sie sich oft; und dieser war es auch, der entschieden für sie eintrat. Man hatte sie mehr als sechs Jahre lang streng geprüft, und sie verlebte diese Zeit in vielen Tränen und großer Betrübnis; und je mehr man sie prüfte, um so häufiger wurden die genannten Gunstbezeigungen und Verzückungen. Dies geschah oft während des Gebetes und selbst zu anderer Zeit.
Man betete viel für sie und ließ Messen lesen in der Meinung, Gott möchte sie auf einem anderen Wege führen; denn ihre Furcht war sehr heftig, wenn sie sich im Gebete befand. Man bemerkte indessen in allem, was sich auf den Dienst Gottes bezog, nicht nur einen auffallenden Fortschritt, man entdeckte in ihr auch nicht die geringste Selbstgefälligkeit und hochmütige Äußerung; sie war im Gegenteil ganz verwirrt, daß diese Zustände bekannt wurden; und es fiel ihr schwerer, diese Dinge zu offenbaren, als ihre Sünden einzugestehen. Sie glaubte, daß man sich über sie lustig machen und diese Visionen für Altweibermärchen ansehen würde.
Es sind ungefähr dreizehn Jahre, daß der jetzige Bischof von Salamanka, der, wie ich glaube, damals Inquisitor von Toledo war, dorthin kam und sich dort aufhalten mußte. Bei dieser Gelegenheit suchte jene Nonne ihn zu sprechen, um sich mehr zu beruhigen, und sie legte ihm über alles Rechenschaft ab. Dieser gab ihr zur Antwort, daß er nichts finde, was vor seinen Richterstuhl als Inquisitor gehöre, da alles, was sie sehe und vernehme, sie nur um so mehr im katholischen Glauben bestärke. Denn im Glauben war und ist sie nicht nur immer fest geblieben, sondern ihr Verlangen nach der Verherrlichung Gottes und dem Heile der Seelen ist derart, daß sie, um eine einzige Seele zu retten, bereit wäre, tausendmal den Tod zu erleiden.
Da der Bischof sie so in Verwirrung sah, gab er ihr den Auftrag, über alles, was in ihr vorging, einen langen Bericht an Pater Magister Ávila zu senden, um sich mit seiner Antwort zu beruhigen; dieser war damals noch am Leben und besaß eine große Erfahrung im Gebetsleben. Dies tat sie auch. Pater Ávila schrieb ihr zurück und beruhigte sie sehr. Dieser Bericht war derart, daß die Gelehrten, die meine Beichtväter waren, und ihn zu sehen bekamen, erklärten, er enthalte vortreffliche Winke für das innere Leben; deshalb befahl man ihr, ihn noch einmal zu schreiben und ein anderes Büchlein für ihre Töchter, deren Priorin sie war, zu verfassen, um ihnen einige Anweisungen zu geben.
Indessen fehlte es ihr zu Zeiten nicht an Beängstigungen; denn sie glaubte, daß diese Geistesmänner sich ebenso täuschen könnten wie sie selbst. Darum wollte sie sich mit einigen berühmten Theologen besprechen, selbst wenn sie keine großen Geistesmänner wären; denn ihr einziger Wunsch war, zu wissen, ob das, was in ihr vorging, mit der Heiligen Schrift im Einklang stehen würde. Manchmal tröstete sie sich beim Gedanken, der Herr lasse nicht zu, daß so viele fromme Männer, die ihr Aufklärung zu verschaffen sich bestrebten, sich täuschen könnten, wenn auch sie ihrer Sünden wegen verdienen würde, getäuscht zu werden.
Sie begann nun einige Väter aus dem Orden des heiligen Dominikus zu Rate zu ziehen, bei denen sie, bevor sie mit diesen Visionen begnadigt wurde, öfters schon gebeichtet hatte. Die Namen derer, die sie befragte, sind folgende:
In Toledo beichtete sie eineinhalb Jahre lang bei Pater Vinzenz Barrón, dem damaligen Konsultor des heiligen Offiziums, der zu einer Klostergründung dorthin kam und ein großer Gelehrter war; dieser beruhigte sie sehr und gab ihr denselben Bescheid wie alle übrigen, indem er sie versicherte, daß sie nichts zu fürchten habe, solange sie Gott nicht beleidige und als Sünderin erscheine.
Pater Dominikus Bañes, der gegenwärtig Konsultor des heiligen Offiziums ist, hörte zu Valladolid sechs Jahre lang meine Beichte, und sie stand mit ihm immer in brieflichem Verkehr, so oft sich ein neuer Anlaß dazu bot.
Ein anderer hieß Pater Magister Chaves.
Zur selben Zeit, als Pater Dominikus Bañes ihr Beichtvater war, beriet sie sich auch mit Pater Ibañez, einem großen Theologen, der damals Rektor zu Ávila war.
Ein anderer Dominikaner hieß Pater Garcia de Toledo. Durch mit Pater Magister Bartholomäus de Medina, einem Professor zu Salamanka, besprach sie sich; dieser war, wie sie wußte, ein großer Gegner von ihr, seitdem er von diesen ihren Visionen Kenntnis erhalten hatte. Sie glaubte, daß dieser ihr bestimmter als andere sagen würde, ob sie im Irrtum sei. Dies geschah vor etwas mehr als zwei Jahren; es bot sich ihr Gelegenheit, bei ihm zu beichten; und sie erstattete ihm einen langen Bericht über alles, was seit ihrem Aufenthalt in Salamanka in ihr vorgegangen war; sie ließ ihn auch Einsicht von dem nehmen, was sie über ihr Leben geschrieben hatte, damit er sich besser zurechtfand. Dieser Pater beruhigte sie sehr, ja besser als alle anderen, und blieb von da an ihr treuester Freund.
Auch bei Pater Magister Philipp de Meneses beichtete sie eine Zeitlang, als sie das Kloster zu Valladolid gründete, wo dieser Pater Prior oder Rektor des Kollegiums zum heiligen Gregor war. Dieser hatte schon früher von diesen Dingen reden hören und begab sich eigens nach Ávila, wo er sich sehr liebevoll gegen sie benahm. Er wollte sich überzeugen, ob sie sich nicht im Irrtum befinde und ob man nicht mit Recht so über sie urteile; aber auch er war sehr befriedigt über sie.
Den Pater Provinzial Salinas aus dem Dominikanerorden, einen hervorragenden Geistesmann und großen Diener Gottes, hat sie in besonderer Weise ins Vertrauen gezogen, sowie auch einen Lektor der Theologie, namens Didakus de Yanguas, der ein großes Wissen besitzt und gegenwärtig in Segovia befindet.
Diese Nonne hatte auch noch bei anderen gebeichtet, da sie viele Jahre lang in Furcht lebte und besonders wegen ihrer Gründungen an viele Orte kam. Sie wurde zahllosen Prüfungen unterworfen, da alle den Wunsch hegten, sie vollkommen aufzuklären; und diese Prüfungen haben dazu gedient, jene Nonne und auch die Beichtväter zu beruhigen. Sie lebte immer und auch jetzt noch in allem in Unterwürfigkeit unter die Lehren des katholischen Glaubens. All ihr Gebet sowie auch das der Nonnen in den von ihr gestifteten Klöstern zielte immer auf die Vermehrung dieses Glaubens. Sie sagte, daß es, wenn irgendeine dieser ihr zuteil gewordenen Gunstbezeigungen mit dem katholischen Glauben oder mit dem Gesetze Gottes, im Widerspruch gestanden wäre, nicht notwendig gewesen wäre, gelehrte Männer aufzusuchen und sich diesen Prüfungen zu unterwerfen, da sie sogleich gesehen hätte, daß der Teufel im Spiele sei.
Sie richtete sich niemals nach dem, was sie im Gebete vernommen hatte, im Gegenteil, wenn ihre Beichtväter ihr den Auftrag gaben, dem, was ihr im Gebete mitgeteilt wurde, entgegenzuhandeln, so unterwarf sie sich sogleich und machte ihnen stets Mitteilung über alles. Obwohl sie ihre geistlichen Führer versicherten, daß diese Dinge von Gott seien, so glaubte sie dies nie so fest, um es beschwören zu können, wenn auch die Wirkungen und die großen Gunstbezeigungen, die ihr manchmal zuteil wurden, den guten Geist erkennen ließen. Sie trug ein beständiges Verlangen nach Tugenden; und diese legte sie auch ihren Nonnen ans Herz mit dem Bedenken, daß jene, die am demütigsten und am meisten der Abtötung ergeben seien, auch im geistlichen Leben die größten Fortschritte machen würden.
Den von ihr geschriebenen Bericht hat sie an Pater Magister Dominikus Bañes gesendet, der gegenwärtig in Valladolid sich befindet, und mit dem sie die meisten Angelegenheiten ihrer Seele besprochen hat und noch bespricht. Dieser hat, wie sie glaubt, ihre Schriften selbst der Inquisition in Madrid übergeben, und sie unterwirft sich in allem dem Urteile des katholischen Glaubens und der Kirche. Niemand hat sie deshalb gerügt, daß diese Dinge außerordentlich sind; denn sie liegen nicht in der Gewalt eines Geschöpfes, und Unser Herr verlangt nichts Unmögliches.
Da sie infolge der großen Seelenängste so viele Personen in die Angelegenheiten ihrer Seele einweihte, so wurden diese Vorkommnisse auch sehr bekannt. Dies war für sie eine wahre Marter und das größte Kreuz zwar nicht deshalb, weil nach ihrem Dafürhalten die Demut verletzt worden wäre, sondern weil sie immer sich vor diesen Dingen entsetzte, die man als Altweibermärchen ansah.
Am schwersten fiel es ihr, dem Urteile jener sich zu unterwerfen, die nach ihrer Meinung der Ansicht waren, es kämen diese Dinge von Gott; denn sie fürchtete sogleich, der Teufel könnte jene und auch sie in gleicher Weise täuschen. Fand sie dagegen jemand, der in dieser Beziehung etwas furchtsam war, so vertraute sie ihm viel lieber ihre Seele an, obgleich es ihr auch peinlich war, wenn solche, um sie zu prüfen, alle diese Dinge verwarfen, von denen sie einige doch sicher als von Gott kommend betrachtete. Sie wollte nicht, daß man sie aufs entschiedenste verurteilte; andererseits wurde sie verwirrt, wenn man all diese Dinge Gott zuschrieb, da sie wohl erkannte, daß sie sich hierin täuschen könnte. Darum hielt sie es nie für klug, sich da sicher zu fühlen, wo noch irgendwie Gefahr vorhanden sein konnte.
Sie bemühte sich nach Kräften, Gott in keiner Weise zu beleidigen und stets gehorsam zu sein. Mit diesen zwei Vorsätzen glaubte sie glücklich aus der Prüfung hervorzugehen, selbst wenn diese Visionen vom Teufel kämen.
Seitdem sie mit diesen übernatürlichen Gunstbezeigungen begnadigt wurde, fühlte sich ihre Seele immer hingezogen, nach dem Vollkommensten zu streben, und hatte fast gewöhnlich ein großes Verlangen nach Leiden. Auch in den vielen Verfolgungen, die sie trafen, fand sie Trost; sie trug eine ganz besondere Liebe zu jenen, die ihr Verfolgungen bereiteten; mit dem glühenden Verlangen nach Armut und Vereinsamung verband sie den Wunsch, aus dieser Verbannung befreit zu werden und Gott zu schauen. Da sie diese und ähnliche Wirkungen in sich gewahrte, begann sie sich in etwa zu beruhigen; denn sie glaubte, daß ein Geist, der sich mit solchen Tugenden bereicherte, kein böser sein könne. Das war auch die Ansicht jener, mit denen sie sich besprach; allein trotzdem verließ sie die Furcht nicht ganz, wenn sie auch nicht mehr so arg davon gequält wird.
Nie hat ihr der Geist, der sie belebte, zugeredet, etwas zu verschweigen, sondern hat immer darauf gedrungen, gehorsam zu sein. Sie hat, wie schon erwähnt, nie etwas mit leiblichen Augen gesehen, sondern alles ging auf so erhabene und geistige Weise vor sich, daß sie im Anfang mehrmals meinte, es sei ein Blendwerk; manchmal aber konnte sie dies nicht glauben. Ebenso hat sie auch nie etwas mit leiblichen Ohren vernommen, außer nur zweimal; und sie versteht auch jetzt noch nichts von dem, was man ihr offenbarte, noch auch, wer es war.
Diese Zustände waren auch nicht lange andauernd; sie traten manchmal ein, wenn ihre Seele sich in Bedrängnis befand. Dies ereignete sich unter anderem einmal, als ihre Seele mehrere Tage lang von einer unerträglichen inneren Qual erfüllt und von Furcht ganz niedergeschlagen war, es möchte der Teufel sie hinters Licht führen. Dies hat sie in dem bereits genannten Bericht ausführlich beschrieben, in dem sie ihre Fehler erzählt hat, die ebenso wie die übrigen Vorkommnisse allgemein bekanntgemacht wurden; denn ihre beständige Furcht ließ sie auf ihren Ruf vergessen, dessen sie sich erfreute.
Als sie sich nun einmal in dieser unbeschreiblichen Betrübnis befand, vernahm sie in ihrem Inneren die einzigen Worte: »Ich bin es, fürchte dich nicht.« Ihre Seele ward dadurch alsogleich so beruhigt, ermutigt und mit Vertrauen erfüllt, daß sie gar nicht verstehen konnte, woher ihr ein solches Gut kam. Denn es konnte sie weder ihr Beichtvater beruhigen, noch vermochten ihr die vielen Gelehrten mit all ihrer Gelehrsamkeit jenen Frieden und jene Ruhe zu verschaffen, die ihr diese einzigen Worte verliehen. In gleicher Weise wurde sie auch bisweilen durch eine Vision gestärkt. Ohne diese Hilfe hätte sie die zahllosen Prüfungen, Widersprüche und Leiden nicht ertragen können; sie leidet daran auch jetzt noch, da sie nie ohne Leiden ist, die bald mehr, bald minder heftig sind. Für gewöhnlich aber ist sie von beständigen Schmerzen und anderen schweren Krankheiten heimgesucht, wenn sich auch ihre körperlichen Leiden, seitdem sie Nonne ist, vergrößert haben. Wenn sie zur Ehre Unseres Herrn etwas unternimmt oder ihm irgendeinen Dienst erweist, so vergißt sie sogleich darauf; und wenn sie von ihm irgendeine Gnade empfängt, so denkt sie oft daran. Trotzdem kann sie mit ihren Gedanken nie so lange dabei verweilen wie bei ihren Sünden; denn diese quälen sie unablässig und kommen ihr vor wie eine stinkende Kotlache.
Ohne Zweifel muß der Umstand, daß sie Gott so schwer beleidigt und ihm so wenig gedient hat, die Ursache sein, daß sie von der Versuchung zu eitler Ehre verschont geblieben ist. Nie hat ihr der Geist, der sie leitet, etwas vorgeführt, was nicht ganz rein und keusch war. Sie war außerdem in großer Furcht, sie möchte Gott, Unseren Herrn, beleidigen und nicht in allem seinen Willen erfüllen; sie fleht ohne Unterlaß zu ihm, davor bewahrt zu werden. Auch ist sie nach ihrer Ansicht ja fest entschlossen, diesem Grundsatz treu zu bleiben, daß sie, wenn ihre Seelenführer oder Obern ihr etwas auftragen, was nach ihrer Überzeugung zur größeren Ehre Gottes gereicht, nie unterläßt, es ins Werk zu setzen; denn sie hat das feste Vertrauen, daß der Herr jenen Seelen zu Hilfe kommt, die entschlossen sind, ihm zu dienen und ihn zu verherrlichen.
Wenn es sich um die Ehre Gottes handelt, denkt sie nicht mehr an sich und an ihre persönlichen Interessen, gleich als ob sie nicht existierte. So ist sie, wenigstens insoweit sie sich selbst kennt und ihre Beichtväter sie beurteilen.
Alles, was in diesem Berichte steht, ist volle Wahrheit, und sie können sich darüber, wenn sie wollen, bei ihren Beichtvätern und bei allen jenen Personen erkundigen, mit denen sie sich seit zwanzig Jahren über diese Angelegenheiten beraten hat.
Der Geist, der sie leitet, veranlagt sie recht häufig zum Lobpreise Gottes, und sie möchte ihn gern von der ganzen Welt gepriesen sehen, mit teuer ihr dies auch zu stehen kommen würde. Daraus entspringt auch jenes Verlangen nach dem Heile der Seelen; und wenn sie die Dinge dieser Welt so gering achtet, so kommt dies daher, daß sie zur Einsicht gelangt ist, wie wertlos die äußeren Dinge, wie kostbar dagegen die geistigen Reichtümer sind, mit denen nichts verglichen werden kann.
Und nun komme ich auf die Art und Weise der Vision zu sprechen, über die Sie Aufschluß wünschen. Man sieht nichts, weder innerlich noch äußerlich, da es nämlich keine imaginäre Vision ist; aber ohne daß die Seele etwas wahrnimmt, erkennt sie, was es ist und von welcher Seite es sich ihr darstellt, weit besser, als wenn sie es sehen würde, obgleich kein bestimmter Gegenstand vor sie tritt. Es ist, um einen Vergleich zu gebrauchen, geradeso, wie wenn ein Mensch merkt, daß ein anderer neben ihm ist, den er aber infolge der Dunkelheit nicht sieht, wenn er auch ganz gewiß weiß, daß er da ist. Dieser Vergleich ist jedoch unzureichend; denn jener, der sie im Dunkel befindet, hat doch noch ein Mittel, um zu erkennen, daß eine Person bei ihm ist. Er hört entweder ein Geräusch, oder er hat die Person schon gesehen, oder er weiß im voraus, daß sie da ist, oder er erkennt sie schon von früher her. Hier aber tritt nichts Derartiges zutage; denn die Seele vernimmt weder eine innere noch äußere Ansprache und erkennt doch, wer es ist, auf welcher Seite er steht, und manchmal selbst das, was er ihr mitteilen will. Durch welches Mittel und wie sie es erkennt, weiß sie nicht, aber es ist so; sie kann auch die Zeit nicht angeben, wie lange dies dauert. Ist aber die Vision vorüber, so kann sie sich trotz aller Bemühungen diese nicht auf gleiche Weise vergegenwärtigen: denn sie erkennt ganz deutlich, daß diese Vorstellung eine Wirkung ihrer Einbildungskraft wäre und nicht der wirklichen Vergegenwärtigung des Gegenstandes entspräche, da dies nicht in ihrer Macht liegt; so ist es mit allen übernatürlichen Gunstbezeigungen. Daher kommt es, daß die Seele, der Gott diese Gnade gewährt, auf sich kein Vertrauen setzt; sie erkennt, daß diese ein ganz freies Geschenk ist und daß sie diese weder zurückweisen noch aus sich selbst erlangen kann. Nach diesen Gunstbezeigungen findet sie sich weit demütiger und hat ein großes Verlangen, einem so mächtigen Herrn zu dienen, der zustandebringen kann, was wir hier auf Erden nicht einmal zu erfassen vermögen. Denn so weise einer auch ist, es gibt doch Dinge, die unseren Verstand übersteigen. Gepriesen sei der, der diese Gnaden verleiht, in alle Ewigkeit! Amen.
