6. Bericht
An Don Alfons Velasquez, ihren früheren Beichtvater in Toledo und damaligen Bischof von Osma
Palencia, im Jahre 1581
Gegenwärtiger Zustand ihrer Seele
Jesus!
Ach wie gerne möchte ich Euer Gnaden die Ruhe und den Frieden begreiflich machen, den meine Seele genießt ...
Sie besitzt in der Tat eine so große Gewißheit, eines Tages Gott zu genießen, daß es ihr vorkommt, als sei sie schon im Besitze dieses Genusses, jedoch ohne die Freude, die damit verbunden ist. Sie gleicht einem, der durch einen rechtmäßig abgeschlossenen Vertrag von einem anderen ein herrliches Besitztum erhalten hat, dessen Früchte er nach einer bestimmten Zeit genießen und einernten darf. Bis dahin würde er nur den erhaltenen Rechtstitel besitzen und noch auf den Besitz des Guten zu warten haben. Meine Seele nun würde in ihrer Dankbarkeit nicht sogleich den Genuß des Besitzes Gottes wünschen; denn sie glaubt ihn nicht verdient zu haben; ihr Wunsch ist, ihm weiterhin zu dienen, selbst um den Preis der schwersten Leiden; und in ihren Augen wäre es noch etwas Geringes, dem bis zum Ende der Welt zu dienen, der ihr dieses Unterpfand gegeben. In Wirklichkeit ist sie dem Elend dieser Welt nicht mehr unterworfen wie früher; je mehr Leiden sie zu erdulden hat, um so weniger scheinen sie diese zu berühren. Sie befindet sich sozusagen in einer Fassung, von der aus sie ihre Herrschaft ausübt, und sie verliert in keiner Weise den Frieden. Nichtsdestoweniger ist diese Sicherheit weit davon entfernt, ihr die große Furcht zu benehmen, Gott zu beleidigen, und entbindet sie nicht davon, alle Hindernisse zu überwinden, die sich seinem Gesetze entgegenstellen wollen, im Gegenteil, ihre Besorgnis wird erhöht. Aber sie ist in keiner Weise um ihr eigenes Interesse besorgt; sie hat scheinbar ihr Wesen teilweise verloren, so sehr lebt sie in der Vergessenheit ihrer selbst. Alles in ihr ist auf den Dienst Gottes gerichtet, auf die möglichst vollkommene Erfüllung seines Willens und auf seine höchste Ehre.
Derart ist also der Zustand meiner Seele. Für meine körperliche Gesundheit sorge ich offenbar besser als früher. Ich übe weniger Abtötungen in der Nahrung und in äußerer Bußstrenge; jedoch hat mein Verlangen, sie zu üben, nicht abgenommen, sondern sogar, wenn ich mich nicht irre, zugenommen. All das hat zum Zwecke, Gott in anderen Dingen noch eifriger zu dienen. Oft bringe ich ihm als großes Opfer die Sorge dar, womit ich trotz des Kummers, der mich deshalb befällt, meine Gesundheit pflege; manchmal verrichte ich allerdings einige Bußübungen; allein ich kann dies wirklich nicht ohne Gefahr für meine Gesundheit tun, und dann erinnere ich mich an die Vorschriften meiner Obern. Dieser Gedanke und der Wunsch, gesund zu sein, sind augenscheinlich von großer Selbstliebe begleitet. Wenn ich mich jedoch körperlichen Bußübungen hingeben würde, fände ich meines Erachtens mehr Befriedigung, wie ich sie früher fühlte, als ich sie auf mich nehmen konnte. Ich meinte wenigstens etwas zu tun, ein gutes Beispiel zu geben und der Qual loszuwerden, die mir der Gedanke verursachte, Gott nicht zu dienen. Euer Gnaden mögen gütigst prüfen, was hier das beste ist!
Die Gnade der imaginären Visionen hat ein Ende. Aber es kommt mir vor, als hätte ich immer diese geistige Vision der drei göttlichen Personen und der heiligsten Menschheit Unseres Herrn; diese Gnade ist meiner Ansicht nach unvergleichlich höher. Ich glaube jetzt versichern zu können, daß die früheren Gnaden wirklich von Gott kamen. Sie bereiteten meine Seele auf den Zustand vor, in dem sie sich jetzt befindet. Mit Rücksicht auf meine Schwäche und meinen geringen Mut führte mich Gott auf dem Wege, den er für geeignet hielt; aber diese Gnadenerweise sind höchst kostbar, da sie von ihm gekommen.
Die inneren Ansprachen dauern immer fort. Wenn Unser Herr es für nötig hält, gibt er mir immer einige Ratschläge, sonst hätte man in Palencia, wo ich mich gegenwärtig befinde, eine sehr große Ungeschicklichkeit begangen, obgleich keine Beleidigung Gottes vorgekommen wäre.
Die Akte des Verlangens scheinen ihre frühere Kraft nicht mehr zu besitzen. So groß sie auch sind, so wünsche ich doch in unvergleichlich höherem Grade die Erfüllung des Willens Gottes, und was noch mehr zu seiner Ehre beitragen kann. Die Seele verlieht in der Tat, wie gut Seine Majestät weiß, was dazu notwendig ist; sie ist vollständig losgelöst von aller Eigenliebe. Die Akte des Verlangens, von denen ich rede, hören plötzlich auf und haben, wie mir scheint, keine Kraft. Daraus entsteht für mich von Zeit zu Zeit eine Furcht, ohne daß ich jedoch wie früher Unruhe und Besorgnis verspüren würde. Ich fürchte, meine Seele möchte unempfindlich sein und nichts tun; ich kann mich keinerlei körperlicher Bußübung hingeben. Dieses Verlangen zu leiden, den Martertod zu erdulden oder Gott zu schauen, ist schwach; meistens ist es mir unmöglich, es zu erwecken. Ich glaube, ich lebe einzig zu dem Zwecke, um zu essen und zu schlafen. Nichts macht mir Kummer, nicht einmal dieses. Nur bin ich, wie gesagt, von Zeit zu Zeit in Furcht, es möchten diese Dinge nur Einbildung sein, aber ich kann es nicht glauben. Denn nach der Überzeugung meines Gewissens habe ich keine größere Anhänglichkeit an die Geschöpfe, nicht einmal an die ganze Herrlichkeit des Himmels; nur die Liebe zu Gott herrscht gewaltig in mir; diese Liebe wird anstatt abzunehmen meines Erachtens immer stärker, ebenso wie das Verlangen, Gott in allen Geschöpfen verherrlicht zu sehen.
Dabei setzt mich etwas in Staunen, daß ich nämlich nicht mehr wie früher einen so lebendigen und innerlichen Schmerz verspüre, der mich erfaßte beim Anblick des Untergangs der Seelen oder beim Gedanken, irgendeine Beleidigung Unserem Herrn zugefügt zu haben. Jetzt könnte ich diesen Schmerz nicht mehr so fühlen. Nichtsdestoweniger ist, wie mir scheint, das Verlangen, Gott möge nicht mehr beleidigt werden, geblieben.
Euer Gnaden werden wissen, daß ich hierin sowie in allem, wie in mir vorgegangen ist und jetzt noch vorgeht, nichts tun kann; es liegt nicht in meiner Gewalt, Gott mit noch größerer Treue zu dienen. [Doch ja, ich könnte es, wenn ich nicht so unvollkommen wäre, wie ich wirklich bin.] Ich betone jedoch, daß es mir augenblicklich trotz aller Anstrengung unmöglich wäre, nach dem Tode zu verlangen, Akte wie früher zu erwecken und mich über die Gott zugefügten Beleidigungen zu betrüben. Ich könnte auch diese übermäßige Furcht nicht mehr haben, getäuscht zu werden, die mich so lange Jahre im Banne gehalten hat. Deshalb wäre es jetzt nicht mehr nötig, die Gelehrten zu befragen und mich jemandem gegenüber über irgend etwas auszusprechen. Zu meiner Befriedigung würde es schon genügen zu wissen, daß ich mich auf gutem Wege befinde, oder etwas Geringes zur Ehre Gottes beitragen kann. Ich habe über diesen Punkt sowie über die anderen mich schon mit Pater Dominikus, mit Pater Magister Medina und mit einigen Vätern der Gesellschaft Jesu besprochen. Was Sie mir jetzt sagen werden, wird mich bestimmen, meine Unterredungen einzustellen, da ich das größte Vertrauen auf Euer Gnaden setze. Prüfen Sie um der Liebe Gottes Willen alles genau.
Ich habe die Gnade noch nicht verloren, zu erkennen, daß gewisse Seelen, die in näherer Verbindung zu mir stehen und aus dieser Welt scheiden, schon im Himmel sind. Ich füge bei, daß ich diese Erleuchtung bezüglich der anderen nicht habe.
Ach, wie verlassen fühle ich mich, wenn ich bedenke, daß man den Sinn, von dem ich mit Ihnen bezüglich der Rückkehr aus Ägypten gesprochen habe, nicht anwenden kann auf den, der an der Brust meiner Mutter trinkt.
Ich genieße diesen inneren Frieden. Die Freuden und die Leiden haben wenig Gewalt, um mich für lange der Gegenwart der drei göttlichen Personen zu berauben, an der ich unmöglich zweifeln kann. Ich glaube wirklich, an mir selbst zu erfahren, was der heilige Johannes sagt: die drei göttlichen Personen werden Wohnung in der Seele nehmen, und das nicht nur dadurch, daß sie uns die Gnade schenkten, sondern auch dadurch, daß sie uns ihre Gegenwart fühlen lassen. Eine solche Gnade ist die Quelle der reichsten Schätze, die ich im einzelnen nicht aufzählen kann. Es ist nicht nötig, sich langen Betrachtungen hinzugeben, um die Gegenwart Gottes zu erkennen. Diese Wohltat fühle ich fast beständig, außer wenn ich von körperlichen Leiden überwältigt werde. Manchmal will mich Gott allem Anscheine nach leiden lassen, ohne mir den geringsten inneren Trost zu geben; mein Wille widersetzt sich jedoch niemals, selbst nicht durch eine anfängliche Regung, der Erfüllung des Willens Gottes. Diese Unterwürfigkeit ist so mächtig, daß ich weder Tod noch Leben wünsche, außer in den kurzen Augenblicken, in denen ich von dem Verlangen, Gott zu schauen, entflammt bin. Da ich mir sogleich sehr lebendig vorstelle, daß die drei göttlichen Personen in mir sind, zerstreue den Kummer, den mir ihre Abwesenheit verursachte; und dann wünsche ich noch weiter auf dieser Welt zu bleiben, wenn es Gottes Wille ist, um zu seiner Ehre arbeiten zu können. Könnte ich doch dazu beitragen, daß er noch mehr geliebt und gepriesen werde, wenn auch nur von einer einzigen Seele und für einen Augenblick! Ich würde das für wichtiger halten, als wenn ich schon im Besitze der himmlischen Herrlichkeit wäre.
Theresia von Jesu.
