30.
Heute magst du einen kräftigen Jüngling, strotzend in der Blüte der reifenden Jahre, von prächtiger Gestalt und reizendem Teint sehen; morgen begegnet er dir, an Aussehen und Gesichtszügen verändert1. Gestern noch im Zauber seiner Wohlgestalt eine stattliche Erscheinung, tags darauf das Bild des Jammers, geschwächt und entkräftet durch irgendeine Krankheit. So manchen macht die Arbeit gebrechlich oder zehrt die Not aus oder quält Verdauungsbeschwerde oder richtet der Wein zugrunde oder schwächt das Alter oder entnervt Genußsucht, entstellt Unzucht. Bewahrheitet sich da nicht: „Es verdorrt das Gras, und die Blume fällt ab“? Ein anderer, ein Edler, der auf Ahnen und Vorahnen zurückschaut2, den der Vorfahren Stirnbinden3 ehren, eines alten Geschlechtes4 Wappen auszeichnet, ein zahlreicher Freundeskreis umgibt, eine dichte Schar von Schutzbefohlenen umringt und zu beiden Seiten schützend geleitet, der hin und zurück eine Menge Diener mit sich führt, wird plötzlich von einem zufälligen schweren Unglücksschlag getroffen und seiner ganzen Habe beraubt, von seinen Freunden verlassen, von seinen Verwandten angefeindet. Sieh, wahr ist’s: „Wie Gras ist das Leben des Menschen; bevor man es ausrauft, verdorrt es“. Da gibt es sodann einen, der eben noch im Überflusse seines Reichtums schwimmt, S. 96 durch den Ruf der Freigebigkeit in aller Munde lebt5, wegen seiner Ehrenstellen in hohem Ansehen steht, hervorragende Ämter bekleidet, den ersten Platz bei Amtshandlungen einnimmt, auf erhabenem Throne sitzt, ein Glücklicher in den Augen der Menge, wenn er unter dem Rufe der Herolde einherzieht: da ändert sich mit einem Mal die Lage. Man schleppt ihn in den Kerker, wohin er selbst andere verstoßen hatte, und er muß inmitten derer, die als Angeklagte vor ihm gestanden, das traurige Los beweinen, das ihm bevorsteht. Wie vielen hat gestern noch der Jubel der Massen, der vielbeneidete Triumphzug einer zahlreichen Volksschar das Geleite nach Hause gegeben: und eine einzige Nacht hat diesen Glanz des Ehrengeleites zum bleichen gebracht. Ein plötzlich auftretender Schmerz in der Seite mischte in die übervollen Freudenklänge das wehmütige Nachspiel tiefer Trauer6. So denn ist „die Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume“. Auch wenn sie einem zuteil wird, mehrt sie in nichts seine Werke, wird keine Frucht an ihr erzielt. Und verliert man sie, schwindet sie dahin und zerstört mit einem Mal den ganzen Nimbus eines Menschen, dessen (= des Nimbus) äußeren Schein und inneres Sein sie ausmachte7.
‚faciem et ora mutatus‘ nach Verg., Aen. I 658. ↩
‚avis atavisque nobilis‘ nach Verg., l. c. VII 56. ↩
Die Stirnbinde (infula) ist der Kopfschmuck der Priester, in der späteren Kaiserzeit auch der Kaiser u. a. m. (Kennzeichen der relig. Weihe und Unverletzlichkeit). ↩
Die Wendung ‚prosapiae veteris‘ bei Sall., bell. Iug. 85, 10. ↩
Nach Cic., Tusc. I 34. ↩
Nach Schenkl, S. 79 vielleicht eine Anlehnung an Ennius (oder Lucilius). ↩
Der lat. Text klingt an Verg., Aen. I 164 sq an. ↩
