II. Hauptstück. Von der Erschaffung der Tiere und des Menschen.
§ 1. Gott Vater, unser großer Schöpfer, hat uns Verstand und Vernunft gegeben, damit wir erkennen S. 229 konnten, daß wir von ihm geschaffen seien, weil er selbst die Einsicht, der Verstand und die Vernunft ist.
§ 2. Für die übrigen Lebewesen hat er, da er ihnen nun einmal jene Geisteskraft nicht verliehen hat, gleichwohl vorgesorgt, wie ihr Leben große Sicherheit habe.
§ 3. Allen hat er in ihrem eigenen Felle1 eine schützende Hülle gegeben, damit sie Frost und Kälte ertragen könnten. Den einzelnen Gattungen jedoch hat er zur Abwehr der Angriffe von auswärts entsprechende Schutzmittel gewährt, damit sie mit ihren natürlichen Waffen den Stärkeren entgegentreten, oder damit die Schwächeren durch schnelle Flucht den Gefahren sich entziehen, oder damit diejenigen, welche der Kraft und Schnelligkeit zugleich entbehren, durch List sich schützen oder Schlupfwinkel aufsuchen könnten.
§ 4. Daher schwebt ein Teil von ihnen mit leichtem Gefieder in der Luft oder geht auf Hufen einher oder ist mit Hörnern versehen; ein Teil hat seine Waffen im Munde, nämlich das Gebiß, oder an den Füßen, nämlich Krallen. Ein jedes Tier besitzt seine Schutzmittel.
§ 5. Wenn aber einige zur Nahrung für die größeren dienen, so sind sie doch auf eine Gegend angewiesen, wo die größeren nicht leben können, oder sie besitzen größere Fruchtbarkeit, damit auch für Tiere, welche vom Blute leben, durch jene der Unterhalt vorhanden sei, und auf daß deren Verluste durch die vorhandene große Anzahl wieder ausgeglichen würden.
§ 6. Dem Menschen aber, dem er die Gabe der Vernunft und das Vermögen, zu denken und zu reden gegeben hat, gewährte er keine von diesen den Tieren verliehenen Eigenschaften, weil demselben die Vernunft verschaffen konnte, was ihm etwa die Natur versagt hatte. Er setzte ihn bloß und nackt in die Welt, weil er durch seinen Geist sich bewaffnen und mit Hilfe seiner Vernunft sich kleiden konnte.
§ 7. Wie sehr aber das, was den Tieren gewährt, den Menschen jedoch versagt ist, die Schönheit hebt, läßt sich gar nicht mit Worten ausdrücken. Wenn S. 230 nämlich der Mensch die Zähne wilder Tiere bekommen hätte oder Hörner oder Krallen oder Hufe, einen Schwanz oder verschieden gefärbte Haare, wer fühlte nicht, wie häßlich ein solches Wesen wäre, gerade wie auch die Tiere häßlich sein würden, wenn sie nackt und waffenlos wären?
§ 8. Nimmst du den Tieren ihr Kleid oder ihre von der Natur ihnen verliehenen Waffen, so werden sie weder schön erscheinen, noch wird es auch um ihre Sicherheit gut bestellt sein. Wie wunderbar scheinen sie dagegen in Wirklichkeit ausgestattet, wenn du den Vorteil in Anschlag bringst, wie herrlich, wenn du auf die Schönheit achtest! So trefflich stehen Vorteil und Schönheit hier im Einklang!
§ 9. Weil aber Gott den Menschen für die Unsterblichkeit schuf, so hat er ihm keine äußerlichen Waffen gegeben wie den übrigen Lebewesen, sondern er hat ihn von innen aus geschützt, weil es nämlich, da er ihm das größte Geschenk2 gegeben, überflüssig war, ihn mit körperlichen Schutzwaffen zu versehen, zumal diese seiner Schönheit Eintrag getan hätten.
§ 10. Daher pflege ich mich über den Unverstand der Anhänger des Epikurus3 zu wundern, welche die Schöpfungen der Natur tadeln, um zu zeigen, daß die Welt ohne Vorsehung entstanden sei und ohne eine solche regiert werde. Sie führen nämlich den Ursprung der Welt auf feste, unteilbare Körperchen zurück, durch deren zufälliges Zusammentreffen alles entstehe oder entstanden sei.
§ 11. Ich übergehe, was sie an der Welt selbst zu tadeln haben, ein Unterfangen, wobei sie sich rein S. 231 lächerlich machen. Ich beschäftige mich also nur mit dem, was zu unserem Gegenstand gehört.
Ist bloß im allgemeinen gesagt und mit besonderer Beziehung auf die damals bekannten Säugetiere. ↩
Die Vernunft. ↩
Epikurus wurde 342 v. Chr. im Demos Gargettos in Attika geboren. Er bildete die Lehre des Kyrenaikers Aristippus weiter aus. In der Ethik galt ihm die Glückseligkeit als höchstes Prinzip, in der Physik lehrte er nach Leukippus und Demokritus die Entstehung aller Wesen durch das zufällige Zusammentreffen der Atome. Er starb im Jahre 270 v. Chr. Die Grundsätze seiner Physik sind uns im Lehrgedichte des Römers Lukretius De rerum natura’ in sechs Büchern erhalten. Lukretius, geb. etwa 96 v. Chr., gest. 55 v. Chr. ↩
