2.
Es ist nun schon bedenklich, daß das 55 Jahre später verfaßte Gedicht über die Zerstörung Antiochias dem gleichen Autor zugeschrieben wird wie das Gedicht über die Säkularspiele im Jahre 404. Dazu kommen die unvereinbaren Widersprüche über das Dogma der Menschwerdung, die sich in den unter dem Namen Isaaks von Antiochien überlieferten Homilien finden: bald spricht er als Monophysit, bald als orthodoxer Katholik. Die durch diese Tatsachen von selbst nahe gelegte Vermutung, daß dieser Schriftenkomplex unter mehrere Autoren zu verteilen sei, wird bestätigt durch einen Brief des Jakob von Edessa an Johannes den Styliten 1. Dieser Brief stellt die Antwort auf eine Anfrage gerade bezüglich unseres Problemes dar. Danach sind drei Träger dieses Namens zu unterscheiden: nämlich Isaak von Amida, Isaak von Antiochia und Isaak von Edessa. Zwei davon seien orthodox, d. h. monophysitisch; einer, nämlich der letztgenannte, chalzedonensicher Häretiker, d. h. Katholik, gewesen. Der erste habe den hl. Ephräm zum Lehrer gehabt, sei dann unter Arkadius nach Rom gereist, um das Kapitol zu sehen, und nach seiner Rückkehr in seiner Heimatstadt Priester geworden. Der zweite Isaak sei ebenfalls Priester seiner Vaterstadt Edessa gewesen unter der Regierung des Kaisers Zeno; zur Zeit als Peter Fullo auftrat, sei er nach Antiochien gekommen und habe dort in die religiösen Streitigkeiten eingegriffen, indem er eine Homilie dichtete auf den Vogel, der von seinem Herrn abgerichtet worden war, auf dem Markte beständig den monophysitischen Zusatz zum Trisagion herzusagen: „Qui crucifixus es pro nobis“. Der dritte Jakob, der gleichfalls der Kirche von Edessa angehört habe, sei anfangs orthodox d. h. monophysitisch gewesen und habe auch schriftstellerisch in diesem Sinne gewirkt. Als aber die Katholiken den Asklepios als Bischof der Stadt durchsetzten, habe er sich gleichfalls dem Nestorianismus, d. h. der katholischen Lehre, zugewandt und sei S. 106 auch schriftstellerisch für dieselbe eingetreten. Soweit Jakob von Edessa in seinem Briefe.
Dieser Überlieferung zufolge wäre also Jakob von Amida, der Schüler des hl. Ephräm, als der Verfasser des Gedichtes über die Säkularspiele und auf die Einnahme Roms anzusehen. Die Beschreibung des Erdbebens, durch welches Antiochia zerstört wurde, müßten wir wohl dem zweiten Isaak zuschreiben. Letzteren scheint darum auch Gennadius im Auge gehabt zu haben, da er von den erstgenannten Gedichten nichts erwähnt 2. Daß ein Isaak — und dafür kommt nach dem Briefe Jakobs von Edessa nur Isaak von Amida in Betracht — Schüler des hl. Ephräm gewesen ist 3, wird einerseits auch wahrscheinlich durch den Umstand, daß mehrere von den Homilien, die in einer Handschrift unter Isaaks von Antiochien Namen gehen, in anderen dem heiligen Ephräm selbst zugeschrieben werden 4, was sich am einfachsten erklärt, wenn beide im Verhältnis von Lehrer und Schüler zueinander standen, anderseits wird diese Annahme direkt bestätigt durch die Acta S. Ephraemi 5, die ausdrücklich einen Isaak unter seinen Schülern erwähnen. Daß das Testamentum S. Ephraemi, das nur einige Schüler des Heiligen aufzählt, ihn nicht nennt, besagt weiter nichts. Auf Isaak von Amida beziehen sich auch die bereits angeführten Angaben des Zacharias Rhetor und Dionysios von Tellmahar.
Manuskript im Brit. Mus. Add. 12172, fol. 123; veröffentlicht bei Martin, Gramm. Syr. S. 69, Lamy, S. Ephr. Syri Hymni et sermones IV S. 362, ebenso bei Bedjan a. a. O. S. IV, Anm. 1 mit französischer Uebersetzung im Text. ↩
a. a. O., wenn nicht für ihn die beiden Gestalten schon in eine zusammengeflossen waren. ↩
Ob er nun ein direkter oder indirekter Schüler des heiligen Kirchenlehrers gewesen ist, läßt sich nicht bestimmt sagen. Die im vorausgehenden namhaft gemachte Quelle scheint ersteres zu behaupten; Johannes Bar Susan, der im 11. Jahrh. eine Sammlung von Isaaks Gedichten veranstaltet hat, berichtet, er habe in Edessa den Unterricht des Zenobius, des berühmten Schülers des hl. Ephräm, genossen, sei also nur ein mittelbarer Schüler dos letzteren gewesen. Wahrscheinlich bezieht sich diese Angabe eben auf unseren zweiten Isaak, der mit Recht Isaak von Antiochien heißt, während Isaak von Amida den direkten Unterricht des Heiligen genossen hat, und zwar, wie Jakob von Edessa berichtet, bei dessen Aufenthalt in Amida. ↩
Lamy, S. Ephraemi Syri Hymni et sermones, IV. S. 363. ↩
Bedjan, Acta martyrum et sanctorum, III S. 621. ↩
