5.
Zur allgemeinen Charakteristik des Inhalts unserer Homiliensammlung sei folgendes bemerkt 1: Unser Autor scheint sich in erster Linie zur Aufgabe gestellt zu haben, die moralischen Gebrechen seiner Zeit zu geißeln und dadurch die allgemeine Sittlichkeit zu heben. Seine Homilien bewegen sich darum fast ausschließlich in dieser Richtung. Dogmatische Erörterungen finden sich, wenn man von den Homilien über die Heiligste Dreifaltigkeit und die Menschwerdung absieht, nur gelegentlich. In seinem Eifer, mit dem er gegen die Mißbräuche seiner Zeit ankämpft, verfällt er nicht selten in den Fehler, daß er übertreibt, sei es, daß er zu sehr verallgemeinert, sei es, daß er die religiösen Ideale nicht hoch genug einschätzen kann, nur deshalb, um die entgegengesetzten Laster desto mehr an den Pranger stellen zu können, sei es endlich, daß er bei Bekämpfung wirklicher Mißbräuche die Grenzen zwischen Recht und Unrecht zuweilen übersieht und auch berechtigte Interessen mit ihnen in einen Topf wirft. Man muß darum mit einer gewissen Vorsicht zu Werke gehen, wenn man das Zeitalter auf Grund der Äußerungen unseres Autors gerecht beurteilen will. Besonders häufig wendet sich Isaak an seine Ordensbrüder, bald die Erhabenheit ihres Berufes schildernd, bald die wirklichen oder vermeintlichen Mißbräuche mit Eifer geißelnd. Überhaupt liebt er es sehr, in langen Strafpredigten Bischöfen, Priestern, Mönchen, Nonnen und Laien der Reihe nach ihre Fehler vorzuhalten. Häufig geht er von der Betrachtung eines S. 111 Naturobjektes oder eines Kunstproduktes, mitunter auch von der Erzählung eines ihm zugestoßenen Erlebnisses aus, um daran religiöse Nutzanwendungen zu knüpfen. Wenn er beschreibt, wie Gott die Sünden der Christen durch Überfälle heidnischer Feinde, Erdbeben und andere Züchtigungen bestraft, bietet er oft wichtige geschichtliche Nachrichten, besonders für die damaligen Kämpfe mit den Hunnen, Arabern und Persern.
Von eigentümlichen Theorien und Anschauungen, die Isaak vertritt, seien folgende erwähnt 2: Nach ihm hat das Fasten erst Geltung von dem Augenblick an, wo man zu hungern beginnt, wenn er auch zugibt, daß jegliches Fasten verdienstlich sei. Bezüglich des Erwerbs von Verdiensten bezw. von Mißverdiensten nach dem Tode scheint er der Ansicht zu sein, daß dies recht wohl möglich sei, wenn man nämlich im Leben noch den Anlaß dazu gesetzt habe und die Wirkung erst nach dem Tode eintrete. Ferner behauptet er, daß die Juden das jüngste Gericht nicht gekannt hätten, während doch das Gegenteil aus dem Alten und Neuen Testament ziemlich klar hervorgeht. Von einem persönlichen Gericht des einzelnen unmittelbar nach dem Tode scheint er nichts zu wissen; er will den Guten ihre Belohnung und den Bösen ihre Betrafung erst nach dem allgemeinen Gerichte zuteil werden lassen, obwohl er ausdrücklich nur von der Seele spricht und nicht auch vom Leibe. Bezüglich der Verleugnung des Herrn durch Petrus behauptet unser Schriftsteller, Petrus habe den Herrn nicht gekannt. Daß sich in historischer Beziehung manche Verstöße finden, ist nach dem im Vorausgehenden Gesagten erklärlich. Auch Isaaks Lehre von Gott streift einmal stark an den Pantheismus.
