3.
Der zweite Isaak lebte nach Jakob von Edessa unter Kaiser Zeno, also in den letzten Jahrzehnten des fünften Jahrhunderts. Ihm sind darum jedenfalls zuzuweisen einmal das Gedicht über den Papagei, das vor 477 nicht verfaßt sein kann, dann die beiden Homilien über die Eroberung von Beth-Hor 1, von welchen die erste nach Bedjan 2 34 Jahre nach dem Ereignis selbst, das nach Asseman 3 im Jahre 457 stattgefunden, gehalten worden zu sein scheint. Daß er auch für die Homilie über das Erdbeben von Antiochien zunächst als Verfasser in Betracht kommt, wurde bereits erwähnt.
Ein wenig später, in die Zeit der Bischöfe Paulus (512) und Asklepius (522), setzt Jakob von Edessa den dritten Isaak an, gleichfalls von Edessa, der sich später der katholischen Lehre zuwandte. Ihm kann von den unter Isaaks Namen überlieferten Schriften nichts Bestimmtes zugewiesen werden. In denselben spricht der Autor zwar einmal 4 in der anerkennendsten Weise von seinem katholischen Bischof, aber ohne ihn zu nennen, so daß man fast vermuten könnte, es sei Asklepius gemeint. Es kann sich aber ebensogut um Nonus handeln, der dem Konzil von Chalzedon beiwohnte und für orthodox gilt, zumal unter ihm nach dem Zeugnis des Michael Syrus 5, sowie der Chronik von Edessa 6 ein Isaak, Archimandrit und Verfasser von Homilien, gelebt hat, der ebenso wie der dritte Isaak des Jakob von Edessa seinen Glauben gewechselt hat, d. h. aus einem Monophysiten ein Nestorianer, d. h. Katholik, geworden ist. Es liegt darum die Vermutung nahe, daß beide identisch sind und Jakob mit dem Ansatz eines dritten Isaak geirrt hat.
Das ist der Nachrichtenbestand über die Autorenfrage der unter Isaaks Namen überlieferten Homilien. Sichere Schlüsse daraus zu ziehen, ist vorläufig unmög- S. 108 lich. Nur das eine wird man mit Bedjan als gewiß annehmen dürfen, daß die Schriften unter zwei Autoren gleichen Namens zu verteilen sind, von welchen der eine orthodox, der andere Monophysit war. Der erstere ist wohl der Schüler des hl. Ephräm, der ältere von beiden, und ihm werden demnach die meisten Homilien zuzuschreiben sein, welche orthodoxen Charakter tragen. Freilich, wenn wir nicht mit einem dritten Jakob rechnen wollen, wie Jakob von Edessa es nahe legt, muß er es gewesen sein, der vor der Entscheidung des Chalcedonense geschwankt hat. Denn die näher liegende Annahme, daß der zweite Isaak auf die Konzilsentscheidung hin orthodox geworden sei, wird zuschanden an der Tatsache, daß die bedeutend später anzusetzende Homilie über den Papagei durch und durch monophysitisch ist. Jedenfalls aber ist letzterer der bedeutendere und ihm wird darum der größte Teil der erhaltenen Schriften zuzuweisen sein. Eine reinliche Scheidung ist nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung noch nicht möglich, auch Bedjan wagt es noch nicht sie vorzunehmen, und wir sind darum gezwungen, unsere Auswahl aus der überlieferten und von Bedjan vorgelegten Sammlung mehr mit Rücksicht auf den Inhalt als auf den wirklichen Autor zu treffen.
Auch mit Isaak von Ninive, der im siebten Jahrhundert lebte, wurde unser Autor vielfach verwechselt, indem einerseits ihm Schriften zugeschrieben wurden, die höchstwahrscheinlich von Isaak von Ninive stammen, wie die prosaische Schrift über die Asketik 7, anderseits eine Reihe von metrischen Homilien, 24 an der Zahl, in den Handschriften von Mossul und Urmia den Namen Isaaks von Ninive tragen, die mit ziemlicher Sicherheit dem Isaak von Antiochien zuzuweisen sind 8.
