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Andere Einzelheiten, die zwar nur gelegentlich erwähnt werden, aber historisches Interesse haben für den Leser, sind: Isaak kennt bereits die kleinen Horen, Prim, Terz, Sext und Non. Zu Ehren des Leidens Christi sei auch der Freitag geheiligt worden. Er tadelt diejenigen, welche die alten Gewohnheiten außer acht las- S. 112 sen. Kein Priester dürfe außerhalb der Kirche die hl. Messe lesen. Er spricht sodann von dem abergläubischen Gebrauche, Öl auf die Wogen des Meeres zu gießen, um einen Sturm zu stillen. Einmal macht er eine Anspielung auf die Siesta, die in den Klöstern in Übung war. Dann kennt er bereits das jetzt noch bei den Persern bestehende Verbot, dem jedenfalls ein religiöses Motiv zugrunde liegt, einen Toten, der außerhalb des Hauses oder der Stadt gestorben ist, dorthin zurückzubringen. Den alten Babyloniern schreibt auch er, wie die Tradition überhaupt und wie es nunmehr die moderne Assyriologie auch bestätigt hat, die Erfindung des Tierkreises zu. Die Kirche von Antiochien läßt er vom hl. Petrus erbaut sein. Die Begierdetaufe ist ihm schon bekannt. Für die Schulgeschichte ist interessant der Hinweis auf die unsanfte Art, mit der die Lehrer seiner Zeit mit ihren Schülern umzugehen pflegten. Endlich sei noch darauf aufmerksam gemacht, daß unser Autor unter deutlicher Anspielung auf Ez. 16, 4 den Brauch beschreibt, wie noch heutzutage die neugeborenen Kinder im Orient behandelt werden.
Bedjan urteilt über den Inhalt von Isaaks Homilien zusammenfassend 1: „Wir können unsere Leser versichern, daß das Werk, das wir hiermit darbieten, abgesehen von den Mängeln, die wir gewissenhaft angemerkt haben, ein wahrer Schatz ist, ebenso sehr wegen der Erhabenheit der Gedanken als wegen der Schönheit des Stiles; sie werden da außer einer Fülle von naturkundlichen, historischen und liturgischen Kenntnissen auch entzückende Stellen über alle Tugenden finden, besonders über die Liebe.“ Der Leser wird freilich bald merken, daß daneben auch noch Bickells ganz anders lautendes Urteil über die poetische Begabung unseres Dichters im allgemeinen zu Recht bestehen bleibt 2: „Abgesehen von einigen wenigen Stellen, wo die Erhabenheit des Gegenstandes und innere Begeisterung seiner Rede einen etwas höheren Schwung verrät, bleibt er matt, breit und langweilig. Er kann sich in einem Gedanken S. 113 gleichsam festfahren, so daß er ihn längere Zeit hindurch in ermüdenden Tautologien hin und her wendet. Zuweilen scheint es fast, als bemühe er sich, die ansprechende und dankbare Seite seines Themas zu vermeiden, um sonderbare und barocke Nebengedanken zu verfolgen. Aus seinen sittlichen Ermahnungen spricht der tiefe Ernst der christlichen Askese; aber man vermißt jene Salbung, welche den Bußreden des hl. Ephräm eine so ergreifende Wirkung verleiht, und findet statt dessen allzuoft eine gewisse Deklamation, die sich in einen heftigen, aber kaltlassenden Eifer hineinredet.“
Alle Homilien, die wir von Isaak von Antiochien haben, sind metrisch geschrieben. Das Wenige in ungebundener Rede, was P. Zingerle unter seinem Namen herausgegeben hat, stammt nicht von ihm. Der Form nach verwendet Isaak den siebensilbigen Vers; vier solcher Verse bilden eine Strophe, wie Bedjan erkannt hat. Auf Grund dieser Erkenntnis lassen sich in allen uns zur Verfügung stehenden Handschriften vielfach Lücken konstatieren, die auch durch Vergleichung der verschiedenen Handschriften untereinander noch nicht haben ausgefüllt werden können. Eine vollständige Handschrift haben wir eben von Isaaks Werken überhaupt nicht.
