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S. 132 „Lernet also, meine Lieblinge, aus der Prüfung eurer Züchtigung und lasset euch durch die weise Rute eurer Eltern belehren, daß auch jener Vater uns zu unserem Besten züchtigt, um uns zur Einsicht zu bringen. Seine Rute ist im Zorne erhoben, um uns Schrecken einzuflößen und uns dadurch zur Einsicht zu bringen. Wie nämlich wir Eltern euch unter Schelten bestrafen, um euch durch die Züchtigung zu gewinnen und euch durch die schmerzlichen Schläge zu nützen, ebenso straft uns jener Gute und Wohlwollende durch sein Schelten, rettet uns aber in seiner Güte und schüttet über uns den Reichtum seiner Erbarmungen aus. Durch seine Rute gibt er uns seine Liebe zu erkennen, und durch seine Geißel öffnet er uns seinen Schatz. Wenn ihr euch davon überzeugt habt, daß wir euch aus Liebe schlugen, wie sollten wir dann annehmen, daß Gott uns nicht aus Liebe züchtige? Unser Züchtigen diene euch als Spiegel, um in ihm zu sehen, wie die [göttliche] Barmherzigkeit und Güte züchtigt. O unsere Lieblinge, alle unsere Liebe ist nicht imstande, euch so zu lieben, wie Gott in seiner Barmherzigkeit die Menschenkinder liebt. Unsere Liebe zu euch steht seiner Liebe zu uns weit nach. Mag auch seine Strafe sehr groß sein, größer noch ist seine Güte; denn seine Strafe ist den Menschenkindern als Gnadengeschenk gegeben. Betrübte Kinder, tröstet euch also und trocknet ein wenig eure Tränen! Der Schrecken wird von uns ablassen und das Strafgericht uns verschonen. Binnen kurzem wird die Stadt getröstet werden, und bald werden die Einwohner gerettet sein. Dann wird sich freuen der Züchtiger, weil er sieht, daß ihr, Kinder, gebessert seid.“ Dieses und Ähnliches sprachen die Niniviten zu ihren Lieblingen. Während sie nach Trost suchten, weissagten sie den Frieden. Weil sie sofort Büßer geworden waren, daher weissagten sie als Wahrhafte. Die Buße ward zur Tatsache, und daher die Weissagung zur Wahrheit. Trotzdem sie so redeten, hörten sie doch nicht zu weinen auf; trotz dieser Trostesworte ließen sie doch nicht von der Trauer ab. Die Angst trieb zu strengerem Fasten an, die Furcht zu eifrigerem Gebete, Sie erkannten eben mit Recht, um wieviel mehr die Sünder trauern müßten, wenn selbst S. 133 die Gerechten davon nicht abließen; denn das Ende stand vor der Türe.
