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Und nach kurzer Pause griff er den Faden der Rede wiederum auf und fuhr S. 197 fort: Entgangen war uns, geliebteste Brüder, die notwendige Besprechung über die Natur der Vögel und die bezügliche Rede mit den Vögeln selbst entflogen. Es liegt ja gleichsam in der Natur der Sache, daß die, welche etwas genau sich ansehen und mit Worten beschreiben wollen, die Eigenart jener Dinge, die man sich betrachtet oder bespricht, sich aneignen: bei langsameren Dingen verweilen wir länger, mit schnellen zieht es uns mit raschem Blick mit fort, und so fließt auch unsere Rede bald langsamer bald rascher. Bei meinem sorglichen Streben also, die in der Meerestiefe ruhenden Dinge nicht zu übersehen, ist mir die ganze Vogelwelt entflogen. Denn während ich mich hinabbückte und die untersten Wasserschlünde durchspähte, merkte ich des Vogelfluges in den Lüften nicht, und nicht einmal der Schatten des raschen Fittichs, der im Wasser sich widerspiegeln mochte, lenkte mich ab. Doch da ich bereits die ganze Aufgabe für erledigt erachtete und mich am Ende glaubte und den fünften Schöpfungstag für vorübergegangen hielt, da fuhren mir die Vögel durch den Sinn, die beim Schlafengehen noch „die Luft mit süßem Sang erfüllen“, als freuten sie sich des vollbrachten Tagewerkes. Und sie erneuen ihn regelmäßig wie zu Tagesanbruch so zu Tagesende, um nach Ablauf und zu Beginn der Nachtzeit ebenso wie der Tagzeit ihrem Schöpfer Lob und Preis darzubringen, So habe ich mir denn einen mächtigen Ansporn für uns zur Frömmigkeit entgehen lassen. Denn welcher menschlich Fühlende würde sich nicht schämen, ohne feierlichen Psalmengesang den Tag zu beschließen, nachdem sogar die kleinen Vögelchen in gewohnter Andacht und mit süßem Lied den Anbruch der Tage und Nächte begehen?
