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Gürte dich denn, Jungfrau! Und willst du, daß auch dir ein solcher Garten dufte, schließ ihn ab kraft der Weisungen des Propheten: „Stelle eine Wache an S. 335 deinen Mund und eine Türe ringsum an deine Lippen!“1 So magst auch du sprechen: „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Haines, so ist mein Bruder inmitten der Söhne. Unter seinen Schatten verlangte es mich und sitze ich, und seine Frucht mundet süß in meinem Gaumen“2. „Ich fand, den meine Seele liebte, ich faßte ihn und werde ihn nicht lassen“3. „Es stieg mein Bruder in seinen Garten hinab, um an seiner Apfelfrucht sich zu laben“4. „Komm, mein Bruder, wir wollen aufs Feld hinausgehen!“5 „Lege mich wie einen Siegelring in dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm!“6 „Mein Bruder ist blendend weiß und rot“7. Es geziemt sich nämlich, daß du, Jungfrau, ihn, den du liebst, genauer kennen lernst und das ganze Geheimnis in ihm, das seiner ungezeugten Gottheit und seiner angenommenen Menschheit erfassest. „Blendend weiß“ heißt er mit Recht als des Vaters Abglanz8, „rot“ als der Jungfrau Sohn. Der Farbenglanz beider Naturen strahlt und leuchtet in ihm. Doch bedenke, daß der Gottheit herrliche Vorzüge in ihm älter sind als der Menschheit Geheimnisse! Denn er nahm nicht von der Jungfrau seinen Anfang, sondern er, der war, kam zur Jungfrau.
