14.
„Kommet also alle, die ihr unsere Brüder seid, lasset uns anbeten, niederfallen und wohnen vor dem Herrn, dem Schöpfer1!“ Mag auch Alter und Geschlecht uns trennen, aber im Schmerze wollen wir eins sein! Senden wir unsere flehentlichen Bitten zu ihm empor! Nicht verhaßtes Geschrei wollen wir an das Ohr des Herrn der Heerscharen richten, sondern das Gebet: „Lasset uns durch Bekenntnis seinen Zorn besänftigen2!“ Wir wollen nicht nur seinen Zorn, sondern auch seine Gnade schauen. „Wer weiß, ― wendet man ein ― ob der Herr nachgeben und einlenken wird, um uns Segen zu hinterlassen?“ Ich weiß es bestimmt, ich stehe ein für Gottes Erbarmung. Er läßt ab von seinem Zorne, der seiner Natur widerspricht, und wendet sich zur Güte, die seinem Wesen entspricht. Zum Zorne wird er von uns gezwungen; zur Güte aber treibt ihn sein eigenes Ich. Wenn er deshalb schlägt, weil er dazu gezwungen wird, sollte er nicht deshalb, weil es seiner Natur gemäß ist, wieder davon ablassen? Es ist nur notwendig, daß wir, nachdem wir der gerechten Liebe des Vaters den Weg geöffnet haben, einander uns mitleidig schenken. Wir wollen in Tränen säen, um in Freuden zu ernten3. Den Bewohnern von Ninive, nicht denen von Sodoma, wollen wir gleichen. Die Sünden wollen wir heilen, um nicht zugleich mit der Sünde zugrunde zu S. 335 gehen. Lasset uns auf die Predigt des Jonas hören, um nicht von Feuer und Schwefel überschüttet zu werden! Und wenn wir aus Sodoma ausziehen, dann wollen wir ins Gebirge gehen, nach Segor fliehen, schon bei Sonnenaufgang dort sein! Nirgend in der Umgebung wollen wir stehen bleiben, nicht wollen wir umschauen, um nicht zu einer Salzsäule zu erstarren, die tatsächlich ewig bleibt als Anklage gegen jene Seele, die in die Sünde zurückfiel4.
Ps. 94, 6 [hebr. Ps. 95, 6]. ↩
Ps. 94, 2 [hebr. Ps. 95, 2]. ↩
Vgl. Ps. 125, 5 [hebr. Ps. 126, 5]! ↩
Vgl. Gen. 19, 17 ff.; Cyrill von Jerusalem, Mystagog. Katech. 1, 8. Die Pilgerin Ätheria (Silvia) berichtet ca. 390, der Bischof von Segor habe ihr gesagt, die Lotsäule sei schon seit einigen Jahren nicht mehr zu sehen und vom Toten Meere zugedeckt (Peregrinatio Silviae, ed. Gamurrini p. 55). ↩
