25.
Was gibt es Unschuldigeres als die Lämmlein? Sie gleichen der zarten Kindheit unserer Kleinen. Oftmals irrt eines derselben in der großen Herde, getrennt vom Mutterschafe, unstet durch die ganzen S. 252 Hürdenräume und ruft, wenn es dasselbe nicht finden kann, mit häufigem Blöcken nach dem abwesenden, um es zu einem erwidernden Laut zu veranlassen und auf seinen Ruf hin aus der Irre den Pfad wieder heim zu finden. Ob es auch unter vielen Tausenden von Schafen schweift, es erkennt die Stimme der Mutter, eilt zu ihr und verlangt desgleichen nach dem ihm gewohnten Born der Muttermilch. Mag es noch so sehr nach Speise und Trank lechzen, es eilt an den übrigen vollen,noch so milchstrotzenden Eutern vorüber, begehrt allein nach dem Mutterschaf und gibt zu erkennen, daß ihm die kargen Züge an dessen Euter überreich genügen. Aber auch das Mutterschaft kennt unter vieltausend Lämmlein einzig nur das seinige. Das Blöcken mag bei vielen dasselbe, das Aussehen das gleiche sein: es kennt dennoch sein Junges von allen anderen heraus und anerkennt es mit der stummen Bezeugung seiner Mutterliebe allein als das Seinige. Der Hirte irrt in der Unterscheidung der Schafe, beim Lämmlein ist solcher Irrtum im Erkennen der Mutter ausgeschlossen. Der Hirte läßt sich täuschen von der Gestalt, doch nicht das Lämmlein in seiner Mutterliebe. Alle haben den gleichen Geruch, doch kennt die Natur noch einen besonderen, den der kleine Liebling als ihm speziell eigen auszudunsten scheint.
