Die vollkommene Liebe
S. 63Es liegt keine geringe Schwierigkeit darin, wieso Johannes in diesem Briefe einerseits sagen kann: „Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht“ (3, 9), und wie er anderseits in demselben Briefe etwas früher sagen konnte: „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so täuschen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1, 8). Was soll der tun, den die beiden Verse aus dem nämlichen Brief in die Zange genommen haben? Bekennt er sich als Sünder, so muß er fürchten, man möchte ihm entgegenhalten: Also bist du nicht aus Gott geboren, weil ja geschrieben ist: „Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht“; bekennt er sich aber als gerecht und behauptet, er habe keine Sünde, so versetzt der nämliche Brief ihm von der andern Seite her einen Schlag: „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so täuschen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ Zwischen die beiden Möglichkeiten gesetzt, weiß also der Mensch nicht, was er sagen und was er bekennen soll. War nun etwa Johannes selber nicht aus Gott geboren? Wenn Johannes nicht aus Gott geboren war, von dem ihr hörtet, daß er an der Brust des Herrn lag, wagt es da einer, sich der Hoffnung hinzugeben, daß an ihm die S. 64Wiedergeburt geschehen sei, die der nicht zu haben verdiente, der doch an der Brust des Herrn zu ruhen verdiente? Den der Herr mehr als die übrigen liebte, sollte er ihn allein nicht im Geiste gezeugt haben? (Tr. 5, 1.)
Was nützt es uns, daß Christus ohne Sünde kam (wenn der, der aus Gott geboren ist, keine Sünde tut, und wenn doch jeder ein Lügner ist, der behauptet, ohne Sünde zu sein)? Vielleicht bezog sich sein Wort: „Er sündigt nicht“, nur auf eine gewisse Sünde, nicht auf jede Sünde überhaupt, so daß du also seinen Ausspruch: „Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht“, von einer bestimmten Sünde verstehen sollst, die ein Mensch, der aus Gott geboren ist, nicht zulassen kann. Diese Sünde ist dann derart, daß einer, wenn er sie begeht, die andern Sünden noch verstärkt, wenn er sie nicht begeht, die andern löst. Welches ist diese Sünde? Gegen das Gebot handeln. Gegen welches Gebot? „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebt“ (Joh. 13,34). Gebt acht! Dieses Gebot Christi ist die Liebe: Durch diese Liebe werden die Sünden gelöst. Wenn sie nicht festgehalten wird, so ist das schwere Sünde und die Wurzel aller Sünden (Tr. 5, 2).
Merkt, Brüder! Mit dem, was wir vorgebracht haben, ist für die Verständigen die Frage gelöst. Wer gegen die Bruderliebe handelt, der wage es nicht, sich zu rühmen und zu sagen, er sei aus Gott geboren; wenn einer in der Bruderliebe steht, so gibt es Sünden, die er nicht zulassen kann, am allerwenigsten die des Bruderhasses. Und was tut er wegen der übrigen Sünden, um derentwillen es heißt: „Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde S. 65haben, so täuschen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“? Aus einer andern Stelle der Schrift höre er, daß er ohne Sorge sein darf: „Die Liebe bedeckt die Menge der Sünden“ (I Petr. 4,8) (Tr. 5, 3).
Die Liebe also empfehlen wir; die Liebe empfiehlt dieser Brief. Nur um das eine fragt der Herr nach der Auferstehung den Petrus: „Liebst du mich?“ Und es war ihm nicht genug, einmal zu fragen; ein zweites und ein drittes Mal stellt er keine andere Frage. Obgleich Petrus die dritte Frage als Kränkung empfand, als wollte er ihm nicht glauben, als wüßte er nicht, was in ihm vorging, fragte er ihn dennoch ein erstes, zweites, drittes Mal. Dreimal verleugnete die Furcht, dreimal bekannte die Liebe. Siehe, Petrus liebt den Herrn. Was wird er ihm geben? Beunruhigt nicht auch ihn jenes Psalmwort: „Was soll ich dem Herrn vergelten für alles, was er mir getan hat?“ Der Sänger des Psalmes dachte nämlich daran, wieviel Gott ihm gegeben hatte; und er fragte, wie er es Gott vergelten sollte, und fand keine Antwort. Alles, womit du ihm vergelten willst, hast du ja von ihm empfangen, um es ihm zu geben. Und was fand er zur Vergeltung? Wir sagten es schon, Brüder, was er von ihm empfangen hatte, das fand er als Gegengabe. „Den Kelch des Heiles will ich ergreifen, und den Namen des Herrn will ich anrufen“ (Ps. 115, 12f). Denn wer sonst hatte ihm den Kelch des Heiles gegeben als der, dem er vergelten wollte? Den Kelch des Heiles ergreifen und den Namen des Herrn anrufen, das heißt aber an der Liebe sich sättigen und sich in einem solchen Maße sättigen, daß du den Bruder nicht S. 66nur nicht hassest, sondern bereit bist, für den Bruder zu sterben. Das ist die vollkommene Liebe, daß du bereit bist, für den Bruder zu sterben. Diese Liebe hat der Herr für seine eigene Person getätigt, da er für alle starb und für seine Kreuziger betend die Worte sprach: „Vater, verzeihe ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Luk. 23,34). Aber er war nicht der Meister, wenn er allein dies tat, wenn er keine Schüler hatte. Es folgten ihm die Schüler und handelten ebenso. Gesteinigt wurde Stephanus und betete gebeugten Knies: „Herr, rechne es ihnen nicht zur Sünde an!“ (Apg. 7, 59.) Er liebte die, von denen er getötet wurde, weil er ja sogar für sie starb. Höre auch den Apostel Paulus: „Ich selbst will mich hingeben für euere Seelen“ (2 Kor. 12,15). Er war ja unter denen, für die Stephanus Fürbitte eingelegt hatte, als er durch ihre Hand starb. Das also ist die vollkommene Liebe. Wenn einer so große Liebe hat, daß er bereit ist, für den Bruder sogar zu sterben, dann ist die Liebe in ihm vollkommen. Ist sie aber, sobald sie entsteht, auch schon ganz vollkommen? Nein! Damit sie vollkommen werde, wird sie geboren; ist sie geboren, wird sie genährt; durch die Nahrung wird sie gekräftigt; wenn sie gestärkt ist, dann wird sie vollendet. Wie aber spricht sie, wenn sie vollkommen geworden ist? „Leben ist für mich Christus und Sterben Gewinn. Ich wünschte aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein; denn das ist bei weitem das Bessere. Das Verbleiben aber im Fleisch ist notwendig um euretwillen“ (Phil. 1, 21 23 f.). Um derentwillen, für die er bereit war zu sterben, wollte er leben (Tr. 5, 4).
