Die Zuversicht für den Tag des Gerichts
S. 119Kein erhabeneres Wort konnte der Apostel zur Empfehlung der Liebe sagen als dieses: „Gott ist die Liebe.“ Ein kurzes und doch so großes Lob! Kurz dem Worte, groß der Bedeutung nach. Wie rasch spricht man es aus: „Gott ist die Liebe.“ Kurz ist das; wenn du es zählst, ist es nur ein Sätzlein; wenn du es aber wägst, ist’s gar schwer: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ Gott sei deine Wohnung und du sollst Gottes Wohnung sein; bleibe in Gott, und Gott bleibe in dir! Es bleibt Gott so in dir, daß er dich hält; du bleibst in Gott so, daß du nicht fällst; denn so spricht der Apostel über die Liebe: „Die Liebe fällt niemals“ (I Kor. 13, 8). Wie soll auch der fallen, den Gott hält? (Tr. 9, 1.)
„Dadurch ist die Liebe in uns vollendet, daß wir Zuversicht am Tage des Gerichtes haben, weil wir in dieser Welt sind, wie auch er in ihr ist“ (4, 17). Johannes sagt hier, wie ein jeder sich prüfen kann, wie weit die Liebe in ihm fortgeschritten ist. Denn wenn Gott die Liebe ist, kennt diese weder Fortschritt noch Rückschritt; nur darum also kann man sagen, daß die Liebe in dir fortschreitet, weil du in ihr fort S. 120schreitest. Frage denn, wie weit du in der Liebe fortgeschritten bist und was dir dein Herz darauf antwortet, damit du das Maß deines Fortschrittes erkennst! Johannes versprach uns ja zu zeigen, woran wir diesen Fortschritt erkennen, und sagte: „Dadurch ist die Liebe in uns vollendet, daß wir Zuversicht haben für den Tag des Gerichtes.“ Wer immer Zuversicht hat für den Tag des Gerichtes, in dem ist die Liebe vollendet. Was heißt Zuversicht haben für den Tag des Gerichtes? Sich nicht davor fürchten, daß der Tag des Gerichtes kommt. Es gibt Menschen, die nicht an den Tag des Gerichtes glauben; diese können keine Zuversicht haben für den Tag, an dessen Ankunft sie nicht glauben. Solche lassen wir beiseite; der Herr möge sie zum Leben erwecken; was sollen wir von den Toten reden? Sie glauben nicht an den kommenden Tag des Gerichtes und fürchten sich nicht davor und verlangen nicht nach dem, was sie nicht glauben. Es beginnt einer an den Tag des Gerichtes zu glauben; wenn er angefangen hat zu glauben, hat er auch angefangen sich zu fürchten. Aber weil er sich noch fürchtet, hat er noch keine Zuversicht für den Tag des Gerichtes, ist die Liebe in ihm noch nicht vollendet. Soll man aber an einem solchen verzweifeln? Warum gibst du bei dem die Hoffnung aufs Ziel auf, bei dem du doch schon einen Anfang siehst? Was für einen Anfang sehe ich? fragst du. Eben die Furcht. Höre die Schrift: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn“ (Sir. 1, 16). Er fing an, sich vor dem Tag des Gerichtes zu fürchten. Durch die Furcht mag er sich bessern; er sei wachsam wider seine Feinde, S. 121d. h. wider seine Sünden; er beginne innerlich aufzuleben und seine irdischen Glieder abzutöten, wie der Apostel sagt : „Ertötet an euern Gliedern, was daran irdisch ist!“ Die Geister der Bosheit nennt er irdische Glieder; denn er fährt fort mit der Erklärung: „Habsucht, Unreinheit“ usw. (Kol. 3, 5). Je mehr aber ein solcher, der den Tag des Gerichtes zu fürchten angefangen hat, seine irdischen Glieder abtötet, desto mehr erheben und kräftigen sich die himmlischen Glieder. Die himmlischen Glieder aber sind alle guten Werke. Indem die himmlischen Glieder sich erheben, beginnt er nach dem Verlangen zu haben, wovor er sich vorher fürchtete. Denn er fürchtete, Christus möchte kommen und in ihm einen Gottlosen finden, den er verdammt; nun verlangt er danach, daß er komme, weil er einen Frommen finden wird, den er krönen kann. Denn wenn die reine Seele nach der Ankunft Christi zu verlangen anfängt, die Umarmung des Bräutigams ersehnt, dann widersteht sie dem Ehebruch. Innerlich wird sie jungfräulich durch Glaube, Hoffnung und Liebe. Nunmehr hat sie Zuversicht für den Tag des Gerichtes; kein Widerspruch meldet sich in ihr, wenn sie betend spricht: „Dein Reich komme“ (Matth. 6, 10). Denn wer sich vor der Ankunft des Gottesreiches fürchtet, der fürchtet sich davor, erhört zu werden. Wie soll der um etwas beten, der sich vor der Erhörung fürchtet? Wer aber mit der Zuversicht der Liebe betet, der wünscht bereits, daß er komme. Aus dieser Sehnsucht heraus spricht der Psalmist. „Und du, o Herr, wie lange noch? Wende dich, o Herr, zu mir und entreiß meine Seele“ (Ps. 6, 4f.). Er seufzte über den Aufschub.
S. 122Es gibt Menschen, die in Geduld sterben; aber es gibt sogar einige ganz vollkommene, die in Geduld leben. Was meine ich damit? Wer noch an diesem Leben hängt, der erträgt den Tod in geduldiger Ergebung, wenn er zu ihm kommt. Er kämpft wider sich, um dem Willen Gottes zu folgen; und er bejaht in seiner Gesinnung das, was Gott bestimmt, nicht das, was sein menschlicher Wille erwählt; aus Verlangen nach dem gegenwärtigen Leben ringt er mit dem Tode; mit Geduld und Tapferkeit gibt er sich daran, in Gleichmut zu sterben; ein solcher stirbt geduldig. Wer sich aber danach sehnt, wie der Apostel sagt, „aufgelöst zu werden, um bei Christus zu sein“, der stirbt nicht geduldig, sondern der lebt geduldig und stirbt freudig. Siehe, wie der Apostel geduldig lebt, d. h. mit Geduld das Leben hienieden nicht liebt, sondern erträgt: „Aufgelöst zu werden, um bei Christus zu sein, ist weitaus das Beste. Im Fleische zu bleiben aber ist notwendig um euretwillen“ (Phil. 1, 23 f.). Also, Brüder, gebt euch Mühe, arbeitet inwendig an euch, daß ihr den Tag des Gerichtes ersehnt! Einen andern Beweis für die vollkommene Liebe gibt es nicht als den, daß man anfängt, sich nach jenem Tag zu sehnen. Der aber sehnt sich nach ihm, der Zuversicht für ihn hat; der aber hat Zuversicht für ihn, dessen Gewissen in vollkommener und aufrichtiger Liebe keine Furcht kennt (Tr. 9, 2).
„Dadurch ist die Liebe in uns vollendet, daß wir Zuversicht haben für den Tag des Gerichtes.“ Warum werden wir Zuversicht haben? „Weil wir in der Welt sind, wie auch jener in ihr ist.“ Scheint dies nicht eine unmögliche Aussage?
S. 123Kann denn ein Mensch wie Gott sein? Ich habe euch schon einmal erklärt, daß das „wie“ nicht immer Gleichheit bedeutet, sondern nur eine gewisse Ähnlichkeit. In welchem Sinne sagst du: Wie ich Ohren habe, so hat sie auch mein Bild? Etwa ganz genau so? Und doch sagst du „wie“. Wenn wir also nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, warum sollen wir nicht sein „wie“ Gott, nicht im gleichen Sinn, sondern eben nach unserem Maße. Woher also wird uns Zuversicht für den Tag des Gerichtes gegeben? „Weil wir in dieser Welt sind, wie auch jener ist.“ Wir müssen das auf die Liebe beziehen und verstehen, was damit gesagt ist. Der Herr sagt im Evangelium: „Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn werdet ihr haben? Tun das nicht auch die Heiden?“ Wen also sollen wir nach seinem Willen lieben? „Ich aber sage euch, liebet euere Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“ Wenn er uns also befiehlt, unsere Feinde zu lieben, welches Beispiel gibt er uns dafür? Gott selber; denn er sagt: „Auf daß ihr Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist.“ Wie tut Gott das? Er liebt seine Feinde, indem er „seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte“ (Matth. 5, 44ff.). Wenn Gott uns also zu solcher Vollkommenheit einlädt, unsere Feinde zu lieben, wie er die seinen liebt, so haben wir Zuversicht für den Tag des Gerichtes, „weil wir in dieser Welt sind, wie auch jener ist“. Denn wie er seine Feinde liebt, indem er seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte, so beten und S. 124weinen wir für sie, wenn wir ihnen auch nicht Sonne und Regen geben können (Tr. 9, 3).
