Die Gesinnung der Liebe
S. 103Liebe ist ein köstliches Wort, aber ein noch köstlicheres Tun. Immer können wir nicht von ihr sprechen. Denn vielerlei tun wir, und die verschiedenen Tätigkeiten zerstreuen uns, so daß es unserer Zunge nicht freisteht, immer über die Liebe zu sprechen: von nichts Besserem könnten wir ja reden. Aber mag man auch über sie nicht immer sprechen können, so kann man sie doch immer bewahren; wie wir ja auch nicht immer Alleluja singen können, wie wir es jetzt tun; nicht einmal eine volle Stunde, sondern nur wenige Augenblicke singen wir Alleluja und widmen uns dann etwas anderem. Es bedeutet aber Alleluja, wie ihr schon wißt, „Lobet Gott“. Mit der Zunge können wir Gott nicht immer loben, aber wir können es mit unserem Tun. Die Werke der Barmherzigkeit, die Stimmung der Liebe, ehrfürchtige Heiligkeit, unverletzte Keuschheit, nüchterne Besonnenheit, die müssen wir immer haben, ob wir in der Öffentlichkeit sind oder zu Hause, ob vor den Menschen oder in der einsamen Kammer, ob wir reden oder schweigen, ob wir tätig sind oder müßig, immer müssen wir die haben. Denn im Innern sind alle Tugenden, die ich genannt habe. Wer aber kann sie alle aufzählen? Sie sind gleichsam das Heer des Herrschers, der innen in deinem Geiste thront.
S. 104Wie der Herrscher durch sein Heer vollbringt, was ihm beliebt, so schaltet der Herr Jesus Christus, wenn er in unserem innern Menschen, d. h. im Geiste, durch den Glauben (Eph. 3, 17) einmal Wohnung genommen hat, mit diesen Tugenden wie mit seinen Dienern. Und diese Tugenden, die mit den Augen nicht zu sehen sind und die dennoch gepriesen werden, wenn man sie nennt, die aber nicht gepriesen würden, wenn man sie nicht liebte, und die nicht geliebt würden, wenn man sie nicht sähe, und die, wenn man sie ohne Schauen nicht lieben kann, mit einem andern Auge, nämlich mit dem innern Blick des Herzens, geschaut werden — diese unsichtbaren Tugenden bewegen sichtbar die Glieder: die Füße zum Gehen — doch wohin? Wohin der gute Wille sie bewegt, der für seinen guten Herrn streitet; die Hände zum Tun — doch was? Was die Liebe befiehlt, die innen vom Heiligen Geist eingehaucht ist. Die Glieder also sieht man, wenn sie sich bewegen; der inwendig befiehlt, bleibt unsichtbar. Und wer innen herrscht, das weiß eigentlich nur der allein, der befiehlt, und der, dem innen befohlen wird (Tr.8, 1).
Ihr habt es ja eben gehört, Brüder, als das Evangelium verlesen wurde, wenn ihr mit dem Ohr nicht nur des Leibes, sondern auch des Herzens dabei wart. Was sagt es? „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zu vollbringen, daß ihr von ihnen gesehen werdet“ (Matth. 6, 1). Wollte er damit etwa sagen, daß wir alles Gute, das wir tun, vor den Augen der Menschen verbergen und fürchten sollen, daß es gesehen werde? Fürchtest du die Zuschauer, so wirst du auch keine Nachahmer haben! Du sollst also gesehen S. 105werden. Doch darfst du es nicht zu dem Ziele tun, gesehen zu werden. Nicht dort darf das Ziel deiner Freude sein, so daß du glaubst, du habest die ganze Frucht deines guten Werkes erreicht, wenn du gesehen und gelobt wirst. Das ist nichts. Achte dich gering, wenn du gelobt wirst; jener werde in dir gelobt, der durch dich wirkt! Nicht also zu deinem Lobe tue das Gute, das du tust, sondern zum Lobe dessen, dem du es verdankst, daß du das Gute tust. Dir verdankst du das Böse, Gott das Gute, das du tust. Seht dagegen die verkehrten Menschen, wie sie alles verdrehen! Was sie Gutes tun, wollen sie sich zuschreiben; wenn sie Schlechtes tun, wollen sie Gott anklagen. Kehre dieses, wie soll ich sagen, verschrobene und verkehrte Getue um, indem du es sozusagen auf den Kopf stellst: was oben ist, nach unten, und was unten ist, nach oben kehrst. Gott willst du unten hinstellen und dich in die Höhe? Du erhebst dich nicht, sondern stürzest hinab; denn jener ist immer oben. Was also? Du handelst gut und Gott schlecht? Wenn du der Wahrheit gemäßer reden willst, so sage lieber: ich handle schlecht, er gut; und was ich Gutes tue, ist von ihm; denn aus mir tue ich das Böse. Dieses Bekenntnis festigt das Herz und begründet die Liebe. Denn wenn wir nur unsere guten Werke verbergen müssen, damit sie von den Menschen nicht gesehen werden, wo bleibt dann jener kurz vorherstehende Ausspruch des Herrn in der Bergpredigt: „Laßt eure guten Werke leuchten vor den Menschen!“ Aber er schloß damit noch nicht, sondern setzte dazu: „Und sie mögen euern Vater preisen, der im Himmel ist“ (Matth. 5,16). Und was sagt der Apostel?
S. 106„Ich war aber den Kirchen Judäas, die in Christus sind, persönlich unbekannt. Sie hatten nur gehört: Unser einstiger Verfolger verkündet jetzt den Glauben, den er früher zu vernichten trachtete; und sie priesen Gott um meinetwillen“ (Gal. 1, 22 ff.). Seht, wie auch er, da er so bekannt wurde, als Ziel nicht sein, sondern Gottes Lob anstrebte. Soweit er selbst in Betracht kommt, bekennt er sich — nicht wir lästern ihn so — als Verwüster der Kirche, als mißgünstigen, bösen Verfolger. Paulus liebt es, daß wir seine Sünden nennen, damit der verherrlicht werde, der diese Krankheit geheilt hat. Die Hand des Arztes schnitt in die tiefe Wunde und heilte sie. Jene Stimme vom Himmel streckte den Verfolger nieder und richtete den Verkünder des Glaubens auf; sie tötete Saulus und brachte Paulus zum Leben (Tr. 8, 2).
Ja, Brüder, das möchte ich gesagt haben, das sage ich, das würde ich, selbst wenn ich könnte, nicht verschweigen: bald sollt ihr diese Werke, bald jene vollbringen, wie es die Zeit, die Stunde, der Tag erfordert. Sollt ihr etwa immer reden? immer schweigen? immer den Leib erquicken? immer fasten? immer dem Darbenden Brot reichen? immer den Nackten bekleiden? immer die Kranken besuchen? immer Streitende zur Eintracht bringen? immer Tote bestatten? Ihr tut bald dies, bald jenes. Solche Werke fängt man an und hört man auf: Christus aber darf weder anfangen noch aufhören zu herrschen. Die Liebe im Innern darf keine Unterbrechung erfahren. Die einzelnen Liebespflichten mögen, wie die Zeit es erheischt, vollbracht werden. „Die Bruderliebe also bleibe“, wie geschrieben steht (Hebr. 13, 1) (Tr. 8, 3).
