Gott ist die Liebe
S. 90Diese Welt ist für die Gläubigen, die das Vaterland suchen, das, was für die Israeliten die Wüste war. Immer noch gingen diese zwar in die Irre und suchten sie das Vaterland, aber unter der Führung Gottes konnten sie nicht auf dem Irrweg bleiben. Weg war ihnen das Gebot Gottes. Vierzig Jahre benötigten sie zu einem Weg, der bekanntlich in einigen Tagereisen zu bewältigen ist. Es dauerte so lange, weil Gott sie prüfte, nicht weil er sie verließ.
Was Gott uns verspricht, ist etwas unaussprechlich Köstliches, ein Gut, das, wie die Schrift sagt, „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und das in keines Menschen Herz gedrungen ist“ (I Kor. 2, 9). In zeitlichen Mühsalen werden wir geprüft, und durch die Versuchungen des gegenwärtigen Lebens werden wir geläutert. Wenn ihr aber in dieser Wüste nicht vor Durst sterben wollt, dann trinkt die Liebe! Sie ist der Quell, den der Herr hier reichen wollte, damit wir auf dem Wege nicht erliegen, und von dem wir noch reichlicher trinken werden, wenn wir erst ins Vaterland kommen.
S. 91Soeben haben wir das Evangelium gelesen;1 um von den Worten zu sprechen, mit denen die Lesung geendet hat, wovon sonst als von der Liebe habt ihr gehört? Im Gebete haben wir mit unserem Gott einen Vertrag geschlossen, daß wir, damit er uns nach unserem Willen unsere Sünden vergebe, auch unsererseits die Sünden vergeben, die andere wider uns begingen (vgl. Matth. 6, 12). Es vergibt aber nur die Liebe. Nimm die Liebe aus dem Herzen, und es bleibt der Haß, der unfähig ist zu verzeihen! Laß die Liebe dort sein; ohne Bedenken vergibt sie, die keine Engherzigkeit kennt. Dieser ganze Brief aber empfiehlt nichts anderes als die Liebe. Ich brauche nicht zu fürchten, daß sie, weil die Rede so oft um sie geht, euch lästig falle, denn was wird noch geliebt, wenn die Liebe selbst dem Haß verfällt. Wie muß diese Liebe geliebt werden, da sie wirkt, daß das übrige in rechter Weise geliebt wird? So weiche denn diese Wirklichkeit, die niemals aus dem Herzen weichen darf, auch nicht von unserem Munde! (Tr. 7, 1.)
„Ihr, meine Kinder, seid schon aus Gott und habt ihn besiegt“ (4, 4). Wen sonst als den Antichrist? Da er doch vorher gesagt hatte: „Jeder, der Jesus Christus auflöst und leugnet, daß er im Fleische gekommen ist, ist nicht aus Gott.“ Wir haben euch, wie ihr euch erinnert, dargetan, daß alle, die gegen die Liebe verstoßen, leugnen, daß Jesus Christus im Fleische gekommen ist.
S. 92Denn nichts nötigte Jesus zu kommen, als allein die Liebe. Wie konnte der Sohn Gottes sein Leben für uns hingeben, wenn er sich nicht mit einem Fleische umgab, in dem er sterben konnte? Wer also die Liebe verletzt, der leugnet, was immer auch seine Zunge sagen mag, durch sein Leben, daß Christus im Fleische gekommen ist; er ist ein Antichrist, wo immer er ist und wohin immer er geht. Was aber sagt Johannes von denen, die Bürger jenes Vaterlandes sind, nach dem wir seufzen? „Ihr habt ihn besiegt.“ Und warum haben sie gesiegt? „Weil der, der in euch ist, größer ist als der in der Welt“ (4, 4). Was sagt er, daß sie den Sieg nicht ihrer eigenen Kraft zusprechen und durch ihren anmaßenden Stolz besiegt werden — jeden, den der Teufel hochmütig macht, besiegt er —, in dem Willen, sie in der Demut zu erhalten? „Ihr habt ihn besiegt“; schon erhebt jeder, der das „ihr habt gesiegt“ hört, das Haupt, richtet den Nacken auf, will gelobt werden. Überhebe dich nicht, sieh zu, wer in dir gesiegt hat! Warum hast du gesiegt? „Weil der größer ist, der in euch ist, als der, der in dieser Welt ist.“ Sei demütig; ertrage deinen Herrn! Es ist dir gut, daß er leite, daß er führe (Tr. 7, 2).
„Jene sind aus der Welt.“ Wer? Die Antichristen. Wer aber zu ihnen gehört, dem mangelt die Erkenntnis: „Jene sind aus der Welt, darum reden sie aus der Welt, und die Welt hört auf sie“ (4, 5). Welche sind es, die aus der Welt reden? Achte auf die, die gegen die Liebe sprechen! Ihr habt den Herrn sagen hören: „Wenn ihr den Menschen die Sünden vergebt, S. 93so wird euch euer himmlischer Vater auch euere Sünden vergeben; wenn ihr ihnen aber nicht vergebt, wird euch euer Vater auch euere Sünden nicht vergeben“ (Matth. 6, 14 f.). Das Urteil stammt von der Wahrheit; oder wenn die Wahrheit es nicht fällt, so widersprich! Wenn du ein Christ bist und an Christus glaubst, nun denn, er selbst sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh. 14, 6). Dieser Satz ist wahr, steht fest. Nun höre die Menschen, die aus der Welt reden! „Wirst du dich nicht rächen; jener wird herumsagen, was er dir angetan hat. Laß es ihn nun fühlen, daß er’s mit einem Mann zu tun hat.“ Aus der Welt reden die, die so sprechen, und die Welt hört sie. Nur Weltlinge sagen das, und nur Weltlinge geben ihnen Gehör. Ihr habt gehört, daß, wer die Welt liebt und die wahre Liebe mißachtet, leugnet, daß Jesus im Fleische gekommen ist. Oder hat etwa der Herr selbst im Fleische so gehandelt? Als er geschlagen wurde, wollte er sich da rächen? Als er am Kreuze hing, sprach er da nicht: „Vater, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“? (Luk. 23, 34.) Wenn aber der nicht drohte, der Gewalt hatte, was drohst du, was zürnst du, der du unter fremde Macht gestellt bist? Jener starb, weil er wollte, und sprach keine Drohung aus; du weißt nicht, wann du stirbst, und drohst? (Tr. 7, 3 )
„Wir sind aus Gott.“ Sehen wir, warum! Seht, ob der Grund dafür nicht einzig die Liebe ist! „Wir sind aus Gott. Wer Gott kennt, hört auf uns; wer nicht aus Gott ist, hört nicht auf uns. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und des Irrtums“ (4, 6). Schon spannt er unsere Aufmerksamkeit:
S. 94Wer Gott kennt, der hört; wer ihn aber nicht kennt, der hört nicht; und das scheidet den Geist der Wahrheit und des Irrtums voneinander. Sehen wir, wozu er mahnen will, worin wir auf ihn hören müssen. „Geliebte, laßt uns einander lieben!“ Warum? Weil ein Mensch dazu auffordert? „Denn die Liebe stammt aus Gott.“ Eine große Empfehlung für die Liebe ist schon dies Wort: „Sie stammt aus Gott“; Größeres noch wird er sagen; hören wir aufmerksam zu! „Die Liebe stammt aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, kennt Gott nicht.“ Warum? „Denn Gott ist die Liebe“ (4, 7f). Was könnte er Größeres sagen, Brüder? Wenn der ganze Brief nur dies eine zum Preise der Liebe sagte, wenn der Geist Gottes auf allen Seiten der Schrift uns nur dies eine zu hören gäbe: „Denn Gott ist die Liebe“, so dürften wir nach nichts weiter fragen (Tr. 7, 4).
Seht nunmehr, daß gegen die Liebe handeln soviel bedeutet, wie gegen Gott handeln. Keiner sage: Gegen einen Menschen sündige ich, wenn ich meinen Bruder nicht liebe; und leicht nur ist die Sünde wider einen Menschen; gegen Gott allein möchte ich nicht sündigen. Wie? sündigst du nicht gegen Gott, wenn du gegen die Liebe sündigst? „Gott ist die Liebe.“ Sagen wir das? Wenn wir sagen würden: „Gott ist die Liebe“, so möchte vielleicht einer aus euch sich ärgern und sprechen: Was sagte er da? Was wollte er damit sagen, daß Gott die Liebe ist? Gegeben hat Gott die Liebe, geschenkt hat Gott die Liebe. „Aus Gott stammt die Liebe. Gott ist die Liebe.“ Da, S. 95Brüder, habt ihr die Schrift Gottes! Kanonisch ist dieser Brief; bei allen Völkern wird er verlesen; mit der Autorität des Erdkreises wird er festgehalten; den Erdkreis hat er selbst auferbaut. Hier hörst du vom Geiste Gottes: „Gott ist die Liebe“. Wenn du es nun noch wagst, so handle wider Gott und liebe den Bruder nicht! (Tr. 7, 5.)
Wie geht das zusammen: „Die Liebe stammt aus Gott“, und dann: „Die Liebe ist Gott“? Gott ist nämlich Vater und Sohn und Heiliger Geist: Der Sohn ist Gott von Gott, der Heilige Geist ist Gott von Gott; und diese drei sind der eine Gott, nicht drei Götter. Wenn der Sohn Gott und der Heilige Geist Gott ist und jener die Liebe hat, in dem der Heilige Geist wohnt, so ist also die Liebe Gott; sie ist aber Gott; weil sie aus Gott ist. Beides hast du in unserem Briefe: „Die Liebe ist aus Gott“ und „Gott ist die Liebe“. Vom Vater allein kann die Schrift nicht sagen, daß er aus Gott ist; wenn du hörst „aus Gott“, so ist entweder der Sohn oder der Heilige Geist gemeint. Weil aber der Apostel sagt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsern Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5, 5), müssen wir unter der Liebe den Heiligen Geist verstehen. Der Heilige Geist ist es, den die Bösen nicht empfangen können; er ist jener Quell, von dem die Schrift sagt: „Der Quell deines Wassers ist dir zu eigen, und kein anderer soll ihn mit dir teilen“ (Spr. 5, 16 f.). Alle nämlich, die Gott nicht lieben, sind Fremde, sind Antichristen. Und mögen sie auch in die Kirche kommen, sie können doch nicht unter die Kinder Gottes gezählt werden. Zu ihnen fließt jener Lebensquell nicht. Die Taufe S. 96kann auch der Böse haben, und sogar die Gabe der Weissagung kann der Böse haben — finden wir ja, daß der König Saul die Gabe der Prophetie besaß (Sam. 19) —; das Sakrament des Leibes und Blutes des Herrn kann auch der Böse empfangen; denn von solchen heißt es: „Wer unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht“ (1 Kor. 11, 29); den Namen Christi kann auch der Böse haben; darum kann er Christ genannt werden und ein Sünder sein; von solchen heißt es: „Sie befleckten den Namen ihres Gottes“ (Ez. 36, 20). Alle diese Sakramente kann auch der Böse haben; aber die Liebe haben und zugleich ein Sünder sein, das kann er nicht. Das also ist die ureigene Gabe, der einzigartige Quell. An ihm zu trinken, mahnt euch der Geist Gottes; sich zu trinken, mahnt euch der Geist Gottes (Tr. 7,6).
„Darin ist die Liebe Gottes an uns offenbar geworden“ (4, 9). Siehe, wir werden aufgefordert zur Gottesliebe! Könnten wir ihn lieben, wenn er uns nicht zuvor liebte? Wenn wir säumig waren in der Liebe, so wollen wir doch wenigstens nicht säumig sein in der Gegenliebe. Zuerst liebte er uns so, wie wir nicht lieben. Er liebte die Sünder, aber er löste die Sünden; er liebte die Sünder, aber er sammelte nicht zur Sünde. Er liebte die Kranken, aber er suchte sie auf, um sie zu heilen. „Gott ist die Liebe. Darin ist die Liebe an uns offenbar worden, daß er seinen eingeborenen Sohn in diese Welt sandte, damit wir durch ihn leben“ (4, 9). Der Herr selbst sagt: „Eine größere Liebe hat niemand, als daß er sein Leben hingibt für seine Freunde“; dadurch bewies Christus S. 97seine Liebe zu uns, daß er für uns starb. Worin erwies sich die Liebe des Vaters zu uns? Darin, daß er seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, daß er für uns sterbe; sagt doch der Apostel Paulus: „Der seines eigenen Sohnes nicht geschont hat, sondern für uns alle ihn hingegeben hat, wie hat er uns nicht mit ihm alles geschenkt?“ (Röm. 8, 32.) Siehe, der Vater gab Christus hin, Judas gab ihn hin, liegt nicht hier und dort sozusagen die gleiche Tat vor? Nun ist Judas ein Verräter. Ist also auch Gott Vater ein Verräter?2 Keineswegs, sagst du. Aber nicht ich sage es, sondern der Apostel sagt: „Der seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat“. Auch der Vater also gab ihn hin und er selbst gab sich hin; wie der nämliche Apostel sagt: „Der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“. Wenn der Vater den Sohn überliefert und der Sohn sich selbst überliefert hat, was hat dann Judas getan? Überliefert hat ihn der Vater, überliefert hat sich der Sohn, überliefert hat ihn Judas; das nämliche geschah hier und dort; was aber unterscheidet die Hingabe des Sohnes durch den Vater, die Selbsthingabe des Sohnes und die Hingabe des Meisters durch seinen Schüler Judas? Dies, daß der Vater und der Sohn das in Liebe getan haben, Judas aber es im Verrat tat. Ihr seht, daß es nicht darauf ankommt, was der Mensch tut, sondern in S. 98welcher Gesinnung und Willenshaltung er etwas tut. Bei der nämlichen Tat finden wir Gott den Vater, bei der wir Judas finden: den Vater preisen wir, Judas verabscheuen wir. Warum preisen wir den Vater, verabscheuen wir Judas? Wir preisen die Liebe, wir verabscheuen die Bosheit. Wie Großes wurde dem Menschengeschlecht durch die Hingabe Christi geschenkt! Dachte Judas, da er Jesus preisgab, etwa daran? Gott dachte an unser Heil, durch das wir Erlösung finden; Judas dachte an den Preis, um den er den Herrn verkaufte. Der Sohn selbst dachte an den Preis, den er für uns gab; Judas dachte an den Preis, den er durch den Verkauf empfing. Die verschiedene Zielsetzung wirkte also den Unterschied zwischen den Taten. Obgleich es sich um die nämliche Tat handelt, finden wir, wenn wir sie an den verschiedenen Absichten messen, sie doch das eine Mal liebenswert, das andere Mal verdammenswert, das eine Mal preiswert, das andere Mal verabscheuenswert. So viel vermag die Liebe. Seht, daß sie allein scheidet; seht, daß sie allein die Taten der Menschen unterscheidet (Tr. 7, 7).
Wir haben das an ähnlichen Taten festgestellt. Aber sogar bei gegensätzlichem Tun finden wir einen Menschen hart aus Liebe und einen andern voll zärtlicher Rücksicht aus Bosheit. Ein Vater prügelt seinen Jungen, ein Sklavenhändler tut ihm schön. Wenn du diese beiden, Strafe und Schmeichelei, zur Wahl stellst, wer würde nicht die Schmeichelei erwählen und den Schlägen aus dem Wege gehen? Wenn du auf die Personen achtest, so ist es die Liebe, die schlägt, und die Bosheit, die schmeichelt. Hört, was wir euch einschärfen S. 99wollen: daß die Taten der Menschen sich (in ihrem Wert) nur von der Wurzel der Liebe her unterscheiden. Denn gar manche Tat scheint nach außen hin gut und geht doch nicht aus der Wurzel der Liebe hervor. Auch der Dornbusch trägt Blüten; manches aber scheint hart, unfreundlich; aber es geschieht zur Zucht unter dem Gebot der Liebe. Ein für alle Mal schreibt dir darum ein kurzes Gebot vor: Liebe und tu, was du willst! Schweigst du, so schweig aus Liebe; redest du, so rede aus Liebe; rügst du, so rüge aus Liebe; schonst du, so schone aus Liebe: die Wurzel der Liebe sei in deinem Innern! Aus dieser Wurzel kann nur Gutes erblühen (Tr. 7, 8).
„Darin besteht die Liebe. Darin ist die Liebe Gottes an uns offenbar geworden, daß er seinen eingeborenen Sohn in diese Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Darin besteht die Liebe, nicht, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat“ (4, 10). Nicht wir haben ihn vorher geliebt; denn dazu hat er uns geliebt, daß wir ihn lieben. „Er sandte seinen Sohn als Sühneopfer für unsere Sünden“ (4,10): als Sühneopfer und als Opferpriester. Er opferte für unsere Sünden. Wo fand er das Opfer? Wo fand er die reine Opfergabe, die er darbringen wollte? Er fand keine andere, er opferte sich selbst. „Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben“ (4, 11) (Tr. 7, 9).
„Niemand hat Gott je geschaut“ (4, 12); er ist unsichtbar, nicht mit dem Auge, nur mit dem Herzen zu sehen. Aber wie wir, wenn wir S. 100in die Sonne schauen wollten, das Auge des Leibes reinigen müßten, damit es ins Licht sehen kann,3 so müssen wir, wenn wir Gott sehen wollen, jenes Auge reinigen, mit dem Gott geschaut wird. Wo ist dieses Auge? Höre das Evangelium: „Selig, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott anschauen“ (Matth. 5, 8). Aber niemand denke sich Gott als einen Gegenstand der Augenlust! Sonst macht er sich entweder eine ungeheuere Gestalt zurecht oder denkt sich ihn als eine meßbare Größe räumlicher Ausdehnung, wie er das Licht, das er mit seinem leiblichen Auge sieht, sich vollkommen über die Welt hin verteilt denkt, oder er stellt sich in ihm einen Greis verehrungswürdiger Gestalt vor. Nichts dergleichen sollst du denken. Was du denken sollst, wenn du Gott schauen willst, das ist: „Gott ist die Liebe.“ Welche Gestalt hat die Liebe? Welche Form hat sie, welche Figur hat sie? Welche Füße, welche Hände? Niemand kann es sagen. Sie hat jedoch Füße: denn sie führen dich zur Kirche; sie hat Hände: denn sie strecken sich erbarmend nach den Armen aus; sie hat Augen: denn sie erkennt damit den Notleidenden; sie hat Ohren, von denen der Herr sagt: „Wer Ohren hat zu hören, der höre“ (Luk. 8, 8). Es sind keine räumlich S. 101voneinander geschiedenen Glieder, sondern im Geiste sieht das Ganze, zumal wer die Liebe hat. Wohne dauernd in ihr, und sie wird in dir wohnen; bleibe in ihr, und sie wird in dir bleiben! Wer, meine Brüder, liebt, was er nicht sieht? Warum aber richtet ihr euch empor, meine Brüder, wenn die Liebe gepriesen wird, warum spendet ihr da Beifall und Lob? Was habe ich euch gezeigt? Habe ich euch irgend ein Gemälde vor Augen gehalten? Habe ich Gold und Silber vor euch ausgebreitet? Habe ich Edelsteine aus Bergwerken gegraben? Was dieser Art habe ich euch sichtbar gezeigt? Hat sich mein Antlitz verändert, indes ich spreche? Ich trage das Fleisch, bin in der Gestalt, in der ich hereingekommen bin; und auch ihr seid in der Gestalt, in der ihr gekommen seid. Ich preise die Liebe, und ihr ruft Beifall. Gewiß seht ihr nichts. Aber wie ihr jetzt ein Gefallen daran habt, da ihr eurer Stimmung Ausdruck gebt, mögt ihr auch ein Gefallen daran finden, sie im Herzen festzuhalten. Denn merkt auf, Brüder, was ich sage: Ich weise euch, so gut der Herr es gibt, auf einen großen Schatz hin. Wenn man euch ein erhaben gearbeitetes, vergoldetes, kunstvoll gefertigtes Gefäß zeigen, euern Blick anziehen und das Streben eures Herzens darauf lenken würde und wenn die Hand des Künstlers, der Wert des Silbers, der Glanz des Metalls euer Gefallen fände, würde da nicht jeder von euch sagen: Wenn ich doch dieses Gefäß haben könnte! Und doch wäre euer Reden vergebens; denn es liegt nicht in eurer Macht. Oder wenn einer es haben wollte, müßte er daran denken, es aus einem fremden Haus zu stehlen.
S. 102Man preist euch die Liebe. Wenn sie euch gefällt, gut denn, so habt sie, besitzt sie! Es ist nicht nötig, daß ihr sie einem andern nehmt; es ist nicht nötig, daß ihr sie um teures Geld kauft; sie kostet nichts. Haltet sie fest! Umfaßt sie! Köstlicher als sie ist nichts. Wenn sie beim bloßen Gedanken daran schon köstlich ist, wie köstlich ist sie erst im Besitze (Tr. 7, 10).
Vor der Predigt war offenbar ein Abschnitt aus dem sechsten Kapitel des Matthäus-Evangeliums, etwa 6, 1—15, verlesen worden. ↩
Das lateinische Wortspiel mit „tradere“ und „traditor“, die die einfache Tatsache der Hingabe, aber auch die Preisgabe durch den Verräter bezeichnen, ist im Deutschen nicht voll wiederzugeben. ↩
Nach neuplatonischer Anschauung, die Augustin hier zum Vergleich heranzieht, könnte nur ein ganz sonnenhaftes Auge unmittelbar in die Sonne schauen, ohne von ihrem Glanz geblendet zu werden; die Voraussetzung dafür wäre beim Menschen die „Reinigung“ von jenen grobmateriellen Bestandteilen, welche die Aufnahmefähigkeit seines Auges für das Licht beeinträchtigen. ↩
