Der Anfang und die Vollendung in der Gerechtigkeit
S. 51„Sie (die Salbung) ist wahr, und keine Lüge ist dabei. Wie sie euch belehrt hat, bleibt in ihr! Und jetzt, Kinder, bleibet in ihm, damit wir, wenn er erscheint, Zuversicht haben bei seinem Anblick und bei seiner Ankunft von ihm nicht beschämt werden“ (2, 27f.). Wir glauben an Jesus, den wir nicht sehen, und erwarten seine Ankunft. Alle, die ihn gläubig erwarten, werden sich über sein Kommen freuen; die Ungläubigen aber werden beim Kommen dessen, was sie jetzt nicht sehen, zuschanden werden. Und jene Beschämung wird nicht nur einen Tag währen und dann vorübergehen wie bei denen, die in irgendeiner Schuld erfunden und darum von den Menschen geschmäht werden. Jene Beschämung wird die Beschämten auf die Linke führen, so daß sie die Worte hören: „Weichet ins ewige Feuer, das dem Teufel und seinem Anhang bereitet ist“ (Matth. 25, 31). Bleiben wir also in seinen Worten, damit wir bei seiner Ankunft nicht beschämt werden! Er selbst sagt ja im Evangelium zu denen, die an ihn geglaubt hatten: „Wenn ihr in meinem Worte bleibt, so seid ihr wahrhaft meine S. 52Jünger“. Und als ob sie fragen würden: Zu welchem Ende? fuhr er fort: „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh. 8, 31 f.). Denn jetzt ist unser Heil nur Hoffnung, noch nicht volle Wirklichkeit: Wir besitzen ja noch nicht, was uns verheißen wurde, sondern hoffen, daß es kommen wird. Getreu aber ist, der die Verheißung gab; er täuscht dich nicht; nur laß du nicht ab, sondern erwarte die Verheißung! Denn die Wahrheit kann nicht trügen. Sei du kein Lügner dadurch, daß du ein anderes bekennst, ein anderes tust: halte du die Treue fest, und es hält jener fest an seiner Verheißung. Wenn du aber nicht treu bleibst, dann hast du dich selber betrogen, nicht jener, der die Verheißung gab (Tr. 4, 2).
„Wenn ihr wißt, daß er gerecht ist, so erkennt, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm gezeugt ist!“ (2, 29.) Unsere Gerechtigkeit ist jetzt aus dem Glauben. Die vollkommene Gerechtigkeit besitzen nur die Engel; und kaum die Engel, wo man sie mit Gott vergleicht; wenn es jedoch eine vollkommene Gerechtigkeit von Seelen und Geistern, die Gott geschaffen hat, gibt, so haben sie die heiligen, gerechten, guten Engel, die sich durch keinen Fall von Gott abgekehrt haben, die nicht in Hochmut fielen, sondern immer in der schauenden Betrachtung des Wortes Gottes bleiben und alle Kostbarkeit allein in ihrem Schöpfer finden; sie haben die vollkommene Gerechtigkeit; wir dagegen besitzen sie nur anfangsweise aus dem Glauben gemäß dem Geiste. Ihr habt das Psalmwort gehört: „Macht einen Anfang vor dem Herrn im Bekenntnis“ S. 53(Ps. 146, 7). „Macht einen Anfang“ heißt: Der Anfang unserer Gerechtigkeit ist das Bekenntnis der Sünden. Unterfängst du dich erst einmal nicht mehr, deine Sünden zu verteidigen, so hast du schon den Anfang der Gerechtigkeit gemacht; vollendet aber wird sie in dir werden, wenn sie deine einzige Freude sein wird, wenn der Tod in den Sieg verschlungen sein wird (1 Kor. 15, 54), wenn keine Begehrlichkeit dich mehr reizen wird, wenn es keinen Kampf mit Fleisch und Blut mehr geben wird, wenn die Krone des Sieges, der Triumph über den Feind errungen sein wird; dann wird die vollkommene Gerechtigkeit sein. Jetzt aber stehen wir noch im Kampfe: wenn wir kämpfen, sind wir in der Rennbahn, schlagen und werden geschlagen; aber wer siegt, ist noch ungewiß. Jener aber siegt, der auch den Schlag, den er versetzt, nicht von seiner Kraft, sondern von dem Antrieb Gottes erwartet. Einzig der Teufel kämpft wider uns. Wenn wir mit Gott sind, besiegen wir den Teufel; wenn du allein mit dem Teufel kämpfst, wirst du unterliegen. Ein wohlgeübter Feind ist er, mit gar vielen Siegespalmen. Erwägt nur, in welchen Abgrund er uns gestürzt hat! Daß wir sterblich geboren werden, dazu hat er zuerst unsern Ursprung aus dem Paradies geworfen. Was sollen wir also tun, da er so geübt ist? Rufen wir den Allmächtigen wider die Kunst des Teufels an! Es nehme Wohnung in dir, der nicht besiegt werden kann, und sicher wirst du ihn, den Sieggewohnten, besiegen. Darum seht, Brüder, den folgenden Satz unseres Briefes! Denn er mahnt uns dazu, den Teufel zwar zu besiegen, aber nicht aus uns: „Wenn ihr S. 54wißt, daß er gerecht ist, so erkennt, daß jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm gezeugt ist“: aus Gott, aus Christus. Mit dem Wort „Er ist aus ihm gezeugt“, gibt er uns eine Mahnung. Weil wir aus ihm gezeugt sind, darum also sind wir vollkommen (Tr. 4, 3).
