Über die Antichristen
S. 37„Kinder, die letzte Stunde ist da“ (2, 18). An dieser Stelle wendet sich Johannes an die Kinder, daß sie sich beeilen zu wachsen, weil die letzte Stunde da ist. Das leibliche Alter steht nicht in unserem Willen. Es wächst keiner dem Fleische nach, wann er will, wie ja auch keiner geboren wird, wann er will. Wo aber das Geborenwerden in den freien Willen gestellt ist, da hängt auch das Wachstum vom Willen ab. Nun wird jeder nach seinem Willen aus dem Wasser und dem Geiste geboren. Darum nimmt er hier auch an Wachstum zu, wenn er will, und nimmt ab, wenn er will. Was heißt an Wachstum zunehmen? Voranschreiten. Was heißt abnehmen? Erlahmen. Jeder, der weiß, daß er geboren ist, höre, daß er noch ein unmündiges Kind ist! Gierig begehre er nach den Brüsten der Mutter; und er wird rasch wachsen. Die Mutter aber ist die Kirche; und ihre Brüste sind die beiden Testamente der Heiligen Schriften. Von ihr sauge er die Milch aller Geheimnisse, die in der Zeitlichkeit um unseres ewigen Heiles willen geschahen, damit er genährt und gestärkt dazu komme, die feste Speise zu genießen, die in der Wahrheit liegt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war S. 38das Wort“ (Joh. I, 1). Unsere Milch ist Christas in seiner Niedrigkeit; unsere Speise ist derselbe Christus, dem Vater gleich. Mit Milch nährt er dich erst, um dir dann Brot zu reichen. Denn Jesus geistig, mit dem Herzen, berühren, das heißt erkennen, daß er dem Vater gleich ist (Tr. 3, 1).
Daß aber keiner lässig im Fortschreiten sei, höre er: „Kinder, die letzte Stunde ist da.“ Macht voran, eilt, wachset, die letzte Stunde ist da! Diese letzte Stunde währt lange; doch es ist die letzte. „Stunde“ steht nämlich für die letzte Zeit, denn in der letzten Zeit wird unser Herr Jesus Christus wiederkommen. Doch da werden manche sagen: Wieso ist die letzte Zeit, wieso die letzte Stunde? Gewiß wird doch vorher der Antichrist und dann erst der Tag des Gerichtes kommen. Johannes sah diese Gedanken: Damit die Leser nicht gleichsam sorglos würden und glaubten, es sei nicht die letzte Stunde, weil der Antichrist erst kommen müsse, sagte er ihnen: „Und wie ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind jetzt viele Antichristen aufgestanden“ (2,18). Könnte es etwa viele Antichristen geben, wenn nicht die letzte Stunde da wäre? (Tr. 3, 3.)
Wen meinte er mit den Antichristen? Erklärend fährt er fort: „Daran erkennen wir, daß es die letzte Stunde ist“ (2, 18). Woran? „Daran, daß viele Antichristen aufgestanden sind. Von uns sind sie ausgegangen.“ Seht die Antichristen! „Von uns sind sie ausgegangen.“ Wir betrauern also einen Verlust. Vernimm den Trost: „Aber sie gehörten nicht zu uns“ (2, 19). Alle Häretiker, alle Schismatiker sind von uns ausgegangen, d. h. sie gehen aus der Kirche hinaus; S. 39aber sie würden nicht hinausgehen, wenn sie zu uns gehörten. Schon bevor sie hinausgingen gehörten sie also nicht zu uns. Viele sind drinnen, sind nicht hinausgegangen und sind doch Antichristen. Wir wagen dies Wort; warum sonst, als damit keiner ein Antichrist sei, der drinnen ist? Johannes wird ja die Antichristen schildern und kennzeichnen, und wir werden sie jetzt sehen. Da erforsche jeder sein Gewissen, ob er ein Antichrist ist! Zu deutsch nämlich heißt Antichrist soviel wie Widerchrist, Christusgegner. Nach dieser Erklärung merkt ihr, wer ein Widerchrist ist, und versteht ihr, daß nur Antichristen die Kirche verlassen können; diejenigen aber, die keine Christusgegner sind, können sie auf keinen Fall verlassen. Denn wer kein Christusgegner ist, der bleibt an seinem Leibe und wird als Glied erfunden. Glieder sind sich niemals feind. Die Unversehrtheit des Leibes steht für alle Glieder fest. Und wie äußert sich der Apostel über die Eintracht der Glieder? „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; und wenn ein Glied verherrlicht wird, freuen sich alle Glieder mit“ (I Kor. 12, 16). Wenn sich also in der Verherrlichung eines Gliedes die übrigen Glieder mitfreuen und im Leiden eines Gliedes alle Glieder mitleiden, so kann es in der Eintracht der Glieder keinen Antichristen geben. Und doch gibt es Menschen, die so (d. h. als Antichristen) zum Leibe unseres Herrn Jesus Christus gehören; da sein Leib ja immer noch der Heilung bedarf und die vollkommene Gesundheit erst bei der Auferstehung der Toten erhalten wird, gehören sie wie Krankheitsstoffe zum Leibe Christi. Werden diese ausgestoßen, so empfindet der Körper S. 40darüber eine Erleichterung. So empfindet auch die Kirche eine Erleichterung, wenn die Bösen sie verlassen. Und der Leib sagt, wenn er solche ausstößt und von sich gibt: diese Krankheitsstoffe sind zwar von mir ausgegangen, aber sie gehörten nicht zu mir. Was heißt das: sie gehörten nicht zu mir? Nicht von meinem Fleische wurden sie losgerissen, sondern wie ein Alpdruck lagen sie mir auf der Brust, solange sie drinnen waren (Tr. 3,4).
„Von uns sind sie ausgegangen, aber“ — sei nicht traurig! — „sie gehörten nicht zu uns.“ Wie beweist du das? „Denn wenn sie zu uns gehört hätten, wären sie bei uns geblieben“ (2, 19). Von da aus versteht, meine Lieben: Viele, die nicht zu uns gehören, empfangen mit uns die Sakramente, empfangen mit uns die Taufe, empfangen mit uns, was die Gläubigen kennen, die Segnung der Eucharistie, und alle andern heiligen Sakramente; selbst die Gemeinschaft des Altares empfangen sie mit uns und gehören doch nicht zu uns. Die Versuchung beweist es, daß sie nicht zu uns gehören. Wenn eine Versuchung über sie kommt, fliegen sie, wie der Wind sie trägt, davon, weil sie kein Weizen waren. Alle aber werden, man muß es immer wieder betonen, dann wegfliegen, wenn am Tage des Gerichtes auf der Tenne des Herrn das große Worfeln anheben wird. „Von uns sind sie ausgegangen, aber sie gehörten nicht zu uns; denn wenn sie zu uns gehört hätten, wären sie bei uns geblieben.“
Wollt ihr wissen, Teuerste, wie man mit voller Gewißheit sagen kann, daß die, welche vielleicht die Kirche verließen und dann zurückkehren, keine Antichristen, keine Christusgegner sind? Unmöglich S. 41ist es, daß die draußen bleiben, die keine Antichristen sind. Jeder aber ist nach seinem Willen Antichrist oder in Christus. Entweder sind wir unter den Gliedern oder unter den Krankheitsstoffen. Wer sich zum Besseren bekehrt, ist ein Glied am Leibe; wer aber in der Bosheit verharrt, ist ein Krankheitsstoff. „Von uns sind sie ausgegangen, aber sie gehörten nicht zu uns; denn wenn sie zu uns gehört hätten, wären sie bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, daß nicht alle zu uns gehören“ (2, 19). Den Zusatz „Es sollte offenbar werden“ machte er darum, weil solche, auch wenn sie drinnen sind, nicht zu uns gehören; sie sind nur nicht offenbar, sondern werden es erst, wenn sie hinausgehen. „Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen, auf daß auch ihr selbst euch offenbar seid (2, 20).1 Die geistige Salbung ist der Heilige Geist selbst, dessen Sakrament die sichtbare Salbung ist.2 Er sagt, daß alle, die diese Salbung Christi haben, die Bösen und die Guten erkennen und daß sie nicht belehrt werden brauchen, weil die Salbung selbst sie lehrt (Tr. 3, 5).
