Glaube und Liebe
S. 138„Jeder, der glaubt, daß Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren“ (5, 1). Wer glaubt nicht, daß Jesus der Christus ist? Wer nicht so lebt, wie Christus es vorgeschrieben hat. Denn viele sagen: Ich glaube; aber der Glaube ohne die Werke führt nicht zum Heile. Das Werk des Glaubens aber ist die Liebe, wie der Apostel sagt: „Der Glaube, der durch die Liebe wirkt“ (Gal. 5, 6). Deine vergänglichen, vor der Annahme des Glaubens liegenden Werke zwar sind nichtig; oder wenn sie gut schienen, waren sie vergebens. Wenn sie nichtig waren, warst du wie ein Mensch ohne Füße oder wie einer mit gefesselten Füßen, der nicht gehen kann; wenn sie gut schienen, bevor du glaubtest, so liefst du zwar, aber liefst abseits vom Wege, irrtest mehr ab, statt daß du dem Ziele näher kamst. Wir müssen also laufen, und zwar auf dem Wege laufen. Wer abseits vom Wege läuft, läuft umsonst, ja er läuft sich nur wund, irrt um so mehr, je mehr er neben dem Wege läuft. Welches ist der Weg, auf dem wir laufen sollen? Christus sagt: „Ich bin der Weg“; welches ist das Vaterland, dem wir entgegeneilen? Christus sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh. 14, 6). Auf ihm läufst du, zu S. 139ihm läufst du, in ihm ruhst du. Damit wir aber auf ihm laufen, streckt er sich uns entgegen: wir waren ja weit von ihm und irrten in der Ferne; noch mehr: gelähmt konnten wir uns nicht bewegen. Als Arzt kam er zu den Kranken, als Weg reichte er sich den Irrenden dar. Lassen wir uns heilen von ihm, wandeln wir auf ihm! Das heißt glauben, daß Jesus der Christus ist: Wie die Christen glauben, die nicht nur dem Namen nach Christen sind, sondern durch Tat und Leben, nicht wie die Dämonen glauben. Denn „auch die Dämonen glauben und zittern“, wie die Schrift sagt (Jak. 2, 19). Was konnten die Dämonen mehr glauben, als daß sie sagten: „Wir wissen, wer du bist, der Sohn Gottes.“ Was die Dämonen sagten, das bekannte auch Petrus; als der Herr die Frage stellte, wer er sei und für wen die Menschen ihn hielten, antworteten ihm die Jünger: „Die einen halten dich für Johannes den Täufer, andere für Elias, andere für Jeremias oder einen aus den Propheten.“ Darauf jener: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Petrus antwortete und sprach: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Und er hörte darauf vom Herrn: „Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist.“ Seht, welches Lob diesem Glauben folgt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ (Matth. 16, 13ff.). Was heißt: „auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“? Auf diesen Glauben, auf dem, was du bekannt hast: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ „Auf diesen Felsen“, sagte er, „will ich meine S. 140Kirche gründen.“ Ein hohes Lob! Bei Petrus und den Dämonen hast du die nämlichen Worte, aber nicht die nämliche Gesinnung. Woher steht fest, daß Petri Bekenntnis in Liebe geschah? Daher, daß der Glaube des Christen mit der Liebe verbunden ist, der des Dämonen aber ohne die Liebe ist. Wieso ohne die Liebe? Petrus bekannte, um Christus zu umfangen, und die Dämonen bekannten, damit Christus von ihnen weiche. Ein anderes also ist es, Christus bekennen, um ihn festzuhalten, ein anderes, Christus bekennen, um von ihm abzustehen. Ihr seht also, daß das Wort: „wer glaubt“ hier einen ganz besonderen Glauben meint, nicht den nächstbesten. Darum, Brüder, soll kein Häretiker sagen: Auch wir glauben. Denn ich habe das Beispiel der Dämonen vorgebracht, damit ihr euch nicht schon über die bloße Versicherung des Glaubens im Worte freut, sondern nach den Taten der Lebenden fragt (Tr. 10, 1).
