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S. 362 Erkennen möchte dein Verstand, daß ein vollkommener, geheiligter Mann nicht allein selber in Gott, sondern daß auch Gott in ihm sein muß, wie der Herr sagt: „Wer in mir bleibt und ich in ihm“1. Ja, „der Gottesmann“2 muß im göttlichen „Zelte wohnen“ und „auf dem heiligen Berge“ der makellosen Gottheit „weilen“3, damit er die Herrlichkeit dessen, der sich nicht von der finsteren Macht der Leidenschaften vergewaltigen läßt, nicht bloß umgebe, sondern auch von ihr umgeben werde. Denn um der Heiligung und der eigenen Freiheit von Leidenschaften willen nimmt der Erlöser Wohnung in den Würdigen, damit er, wie er selbst leidenschaftslos ist, auch die, die ihn aufnehmen, leidenschaftslos mache, auf daß sie nicht mehr „hin- und herschwanken und von jedem Winde umhergetrieben werden“4. Es gibt nämlich manche, die nicht bloß selbst den Geheimnissen Christi fernbleiben, sondern die auch den [ihnen] Nahestehenden vernichtenden und verderblichen Trank reichen und „die Wahrheit Gottes in Ungerechtigkeit niederhalten“5, obwohl, wie geschrieben steht, „das, was von Gott bekannt ist, in ihnen offenbar ist“6. Denn „eitel geworden in ihren Gedanken und verfinstert in ihrem unverständigen Herzen“7 behaupten sie, zur Natur gehörig und von Gott erschaffen seien die schmachvollen Leidenschaften, nämlich die verderbliche Lust, S. 363 die ungerechte Gesinnung, der ungeziemende, „nicht nach Gottes Willen“8 erregte Zorn und dergleichen.
