Cap. X.
S. 126 Wir müßen indeß zu unserem eigentlichen Gegenstande zurückkehren, damit wir nicht im Schmerze über die Seelenwunden unserer Sünden des Arztes vergessen, oder unsere eigenen Gebrechen mehren, während wir sie bei Anderen zu heilen versuchen. Fürchtet euch nicht, weil der Herr so gar erhaben ist, als ob er sich nicht herabließe, zu den Kranken zu kommen. Er kommt ja so oft zu uns von Himmels Höhen, und nicht bloß die Reichen, sondern auch die Armen und die Geringsten unter diesen pflegt er zu besuchen. Er kommt auch jetzt noch auf unsere Bitten, wie einst zur Schwiegermutter Petri, „da er sich ihr zu Häupten stellte, dem Fieber gebot und es sie verließ, während sie allsogleich aufstand und ihnen diente.“ Er verdient wohl, daß wir ihn im Gedächtniß halten, wie er es verdient, daß die Sehnsucht nach ihm uns beseelt, und daß die Liebe zu ihm, der sich zu jeder irdischen Armseligkeit herabläßt, in uns erglühe: und dann ist das Wunder alsbald gewirkt. Er scheut sich nicht, die Wittwe zu besuchen, und die engen Räume der armen Hütte zu betreten. Er gebietet in der Kraft seiner Gottheit, aber er sucht uns heim in der demüthigen Gestalt der Menschheit.
Dank sei dem Evangelium, durch welches auch uns, die wir den Erlöser mit unseren Leibesaugen nicht in die Welt haben kommen sehen, doch, während wir seine Wunderthaten lesen, ermöglicht wird, mit ihm zu verkehren. Wie Jene, denen er einstens nahte, aus ihm ihren Glauben schöpften, so nahet er jetzt uns, während wir seine Thaten glauben.
Erinnerst du dich, wie mannigfaltig die wunderbaren Heilungen von ihm gewirkt wurden? Er gebietet dem Fieber, er gebietet den unreinen Geistern, ein andermal legt er selbst die Hände auf. So pflegte er nicht bloß mit Worten, sondern auch durch Berührung die Kranken zu heilen. Wohlan denn du, die du erglühst in irdischen Begierden, gefangen genommen durch die Gestalt oder durch den S. 127 Reichthum eines Mannes, bitte Christus, rufe den Arzt herbei! Reiche ihm deine Rechte, lasse die Hand Gottes deine Seele berühren, laß die Gnade des göttlichen Wortes die tiefsten Tiefen deines Seelenlebens durchdringen, laß den Finger Gottes anpochen an deinem thörichten Herzen! Einem Blinden legte er einst die Mischung aus dem Staube der Erde und seinem Speichel auf die Augen, damit diese sehend würden. So belehrt uns der Schöpfer aller Dinge, daß wir unserer Natur eingedenk sein und die Armseligkeit unseres Körpers vor Augen halten müßen; denn Niemand kann das Himmlische schauen, als derjenige, welcher im Bewußtsein seiner Niedrigkeit sich emportragen läßt. — Wiederum wird einem Anderen befohlen, sich dem Priester zu zeigen, damit er für immer vom Aussatze geheilt werde. So kann der allein die Reinheit des Geistes und Herzens bewahren, welcher gelernt hat, sich dem Priester zu zeigen, den wir als Fürsprecher für unsere Sünden erhalten haben, von dem gesagt ist: „Du bist ein Priester ewiglich nach der Ordnung des Melchisedech.“1
Fürchte nicht, daß deine Heilung verziehen möchte. Wer von Christus geheilt wird, der weiß von keiner Schwierigkeit. Nur Eins ist nothwendig, daß du das Mittel anwendest, welches du empfangen. Sobald er dann das gebietende Wort gesprochen, sieht der Blinde, wandelt der Gichtbrüchige, redet der Stumme, hört der Taube; die, welche im Fieber lag, steht auf und bedient, und der Besessene ist befreit. Du nun, die du hinsiechst an einer schmachvollen Begierlichkeit, bitte den Herrn, komme mit wahrem Glauben und du hast keine Verzögerung zu fürchten. Wo Gebet emporsteigt, da ist alsbald auch das ewige Wort zur Hülfe bereit: dann flieht die Lust, es weicht die Begierde. Scheue auch nicht die Pein des Bekenntnisses, nein, nimm es vielmehr als ein Vorrecht in Anspruch. Du wirst es erfahren: während du noch kaum vorher darniederlagst, herabgedrückt durch die Unenthaltsamkeit einer bösen Sinnlichkeit, wirst du alsbald anfangen, Christo zu dienen.
S. 128 Es kann hier nun auch die Willensrichtung der Schwiegermutter Petri betrachtet werden, aus welcher, wie aus einem Saatkorne, das, was folgen sollte, emporkeimte. Es ist ja für einen Jeden der Wille gewissermassen der Vater seiner Zukunft; denn aus dem Willen wird jene Weisheit geboren, mit welcher der weise Mann des alten Bundes die Vermählung eingehen will, wenn er sagt: „Ihr mich zu vermählen, war meines Herzens Entschluß.“ Das ist immer noch jener Wille, der Anfangs unter den Fieberschauern der Begierden matt und krank war, der aber dann durch die Kraft apostolischer Wirksamkeit schon gestärkt sich zum Dienste Christi erhoben hat.
Gleichzeitig wird hier kund, wie Jener beschaffen sein muß, der Christo dient. Er muß vor Allem frei sein von den lockenden Lüsten der Begierlichkeit, frei von tiefinnerlicher Erkrankung Leibes und der Seele, wenn er die Geheimnisse des Leibes und Blutes Christi feiern will. Niemand, der krank ist an seinen Sünden, kann jene Geheimnisse, die unsterbliches Leben verleihen, feiern. — Siehe darum wohl zu, was du thust, o Priester, und wage nicht mit sündenbefleckter Hand den Leib des Herrn zu berühren! Zuerst sorge für deine Heilung und dann magst du des heiligen Dienstes warten. Wenn Christus befiehlt, daß die Gereinigten, welche vorher vom Aussatz befleckt waren, zu den Priestern eilen sollen, um wie viel mehr geziemt es sich, daß der Priester selbst rein sei! Wenn ich so rede, so darf jene Wittwe sich ferner nicht mehr beklagen, als schone ich ihrer zu wenig! Schone ich ja doch mich selbst nicht! „Es erhob sich — sagt die Schrift — die Schwiegermutter Petri und diente ihnen.“ Das war durchaus richtig: ihr Dienst war ein Vorbild der heiligen Verwaltung der Sakramente kraft apostolischer Gnadengabe. Es ist den Dienern Christi eigen, daß sie sich erheben jenem Worte gemäß: „Stehe auf, der du schläfst, erhebe dich von den Todten.“2
