Cap. XI.
S. 129 Wir sagten also, daß die Wittwen ihres Unterhaltes nicht entbehren würden, wenn sie selbst nur zum Almosengeben bereit sind. Wie wollte ihnen ferner die nöthige Hülfe fehlen, wenn oft genug in den höchsten Gefahren das Eigenthum der Männer von ihnen vertheidigt ist?! Wir sind auch der Meinung, daß die Sorgen, welche sonst dem Gatten oblagen, ohne Schwierigkeit von Schwiegersöhnen oder sonstigen Verwandten übernommen werden; daß ferner die göttliche Barmherzigkeit gerade gegen sie besonders bereitwillig zum Helfen ist. Wenn also ein besonderer Grund zur Wiedervermählung sich nicht zu bieten scheint, so sollte auch das Streben darnach fehlen.
Sprechen wir übrigens das als Rath aus, so wollen wir damit selbstverständlich keinen Befehl ertheilen, wodurch wir die Wittwe viel mehr reizen, als binden würden. Wir verbieten ja nicht die zweite Vermählung, aber wir rathen auch nicht dazu. Etwas Anderes ist die Rücksicht auf die menschliche Schwäche, und wiederum etwas Anderes die Gnadengabe der Keuschheit. Wir sagen noch mehr: wir verbieten die Wiedervermählung nicht, aber wir billigen auch nicht die öfter wiederholte Hochzeitsfeier. Es ziemt sich ja auch in der That nicht Alles, was erlaubt ist. „Alles ist mir erlaubt,“ sagt der Apostel,1 „aber nicht Alles frommt.“ Auch Wein zu trinken ist erlaubt, aber oft genug frommt das nicht.
Es ist also immerhin erlaubt, sich wieder zu vermählen; aber schöner ist es, der Enthaltsamkeit zu folgen. Fesseln bleiben die Ehebande ja doch! Und wollt ihr wissen, welche? „Ein Weib, das unter dem Manne steht, ist an das Gesetz gebunden, so lange der Mann lebt: wenn aber ihr Mann stirbt, so ist sie frei vom Gesetze des Mannes.“2 Die Ehe ist darnach also ein Band, durch welches das Weib gefesselt, von dem es gelöst wird. Schön ist die Huld gegenseitiger Liebe, aber die Knechtschaft tritt noch mehr hervor. „Das Weib hat keine Macht über ihren Leib, sondern der Mann.“ S. 130 Damit es aber nicht scheine, als handle es sich um eine Unterwerfung bloß des einen Geschlechtes, so nimm die folgenden Worte des Apostels hinzu: „In gleicher Weise hat auch der Mann keine Macht über seinen Leib, sondern das Weib.“3 Wie arg also ist die gegenseitige Bedrängniß im Ehestande, daß der eine dem anderen, daß sogar der stärkere Theil dem schwächeren unterworfen ist! Mit wechseitiger Bedrängniß ruht also auf beiden die Dienstbarkeit, und selbst da, wo das Verlangen nach Enthaltsamkeit im Herzen weilt, ist die Unterwerfung geboten. Und doch sagt der Apostel:4 „Ihr seid theuer erkauft, werdet nicht Knechte der Menschen.“ Ihr sehet also, wie genau die eheliche Knechtschaft abgegränzt ist. Nicht ich sage euch dieses, sondern der Apostel sagt es; ja auch er eigentlich nicht, sondern Christus redet durch ihn. Und hier ist noch immer von guten Ehegatten die Rede. Vorher aber hat der Apostel gesagt:5 „Der ungläubige Mann wird geheiligt durch das gläubige Weib, und das ungläubige Weib wird geheiligt durch den gläubigen Mann. — Will aber der Ungläubige sich scheiden, so mag er sich scheiden; denn nicht gebunden ist der Bruder oder die Schwester in solchem Falle.“ Wenn demnach die gute Ehe eine Knechtschaft ist, was ist dann eine schlechte Ehe, in der die Gatten sich nicht gegenseitig heiligen, sondern zu Grunde richten?
Wie wir aber die Wittwen mahnen, das Gnadengeschenk der Tugend sich zu bewahren, so fordern wir alle Frauen auf, der kirchlichen Lehre zu folgen: die Kirche umfaßt alle Menschen. Ein Theil der Heerde Christi wird freilich mit stärkerer Speise genährt; ein anderer aber nach den Worten des Apostels wird noch mit Milch gespeiset. Von diesen gerade müßen die Wölfe ferne gehalten werden, welche in Schafspelze sich hüllen und unter dem Scheine der Enthaltsamkeit zu den Lastern der Unkeuschheit verführen. Sie wissen, wie schwer die Bewahrung der Keuschheit ist. Während sie nun selbst die Bürde, welche die Tugend auflegt, kaum mit einem Finger berühren, während sie selbst nicht S. 131 das nothwendige Maß der Tugend innehalten, vielmehr unter der tyrannischen Herrschaft der Sünde stehen, da stellen sie an Andere Forderungen über alles billige Maß hinaus. Die Schwere der Last muß sich ja immer richten nach der Kraft des Trägers, oder es bricht unter dessen Schwäche Mann und Last zusammen, wie rauhe Manneskost der Brust des Kindes zum Ersticken paßt.
Bei einer Menge Träger ist die Kraft einiger Weniger nicht maßgebend; es wird aber auch nicht den Stärkeren nach dem Grade der Schwäche bei Anderen aufgelegt, sondern einem jeden wird nach seinem Wunsche die Last zugemessen, wobei dann der Verdienst wächst mit der zunehmenden Kraft. In gleicher Weise dürfen auch die Frauen nicht über ihre Kräfte mit Vorschriften höherer Enthaltsamkeit gefesselt werden: vielmehr muß jeder Einzelnen überlassen bleiben, sich zu binden, und zwar nicht gezwungen durch das Gewicht eines Gebotes, sondern gerufen durch die Macht der wachsenden Gnade. Deßhalb ist auch für verschiedene Tugenden ein verschiedener Lohn ausgesetzt: und keineswegs wird das Eine getadelt, während das Andere gepriesen wird, sondern Alles wird verkündet, damit das Bessere den Vorzug erlange.
