Text.
1. Wir kommen mit einer Bitte zu euerer Milde, gottesfürchtigste und gnädigste Kaiser Honorius und Theodosius. Nach dem Hinscheiden des heil. Zosimus, des Papstes der katholischen Kirche der Stadt Rom, traten nach hergebrachter Sitte und dem Gesetze der kirchlichen Disciplin selbst gemäß wir Priester in größerer Anzahl zusammen, um über die Aufstellung eines Nachfolgers gemeinschaftlich zu verhandeln. Da jedoch die lateranensische Kirche, deren Eingänge fast gänzlich verrammelt waren, der Archidiakon Eulalius, nachdem er das Leichenbegängniß des höchsten Priesters freventlich hintangesetzt hatte,1 mit Diakonen, sehr wenigen Priestern und einer aufgeregten Volksmasse besetzt hielt, so giengen wir am nächsten Tage (28. December) in dieselbe Kirche, wo früher Alle versammelt waren, 2 nachdem wir Alle berufen S. 312 hatten, und wählten hier im Einvernehmen mit dem christlichen Volke den, welchen Gott wollte. Denn wir haben den ehrwürdigen Bonifacius, der ein alter Priester, im Gesetze sehr kundig, in guten Sitten erprobt ist und, was ihn besonders zierte, die Wahl ungern annahm, unter dem Beifall des ganzen Volkes und mit Zustimmung der Bessergesinnten der Stadt zum Empfange der göttlichen Weihe berufen. Denn es ist erwiesen, daß die Weihe unter Zustimmung von ungefähr siebenzig Priestern, in Gegenwart der Bischöfe von neun verschiedenen Provinzen zu gehöriger Zeit3 vorgenommen wurde. Vorher auch wurden alle vorgeschriebenen Förmlichkeiten eingehalten.
2. Hingegen der obengenannte Eulalius, welcher früher durch drei unserer Mitpriester im Namen Vieler angegangen wurde, er möge sich nicht ohne Mitwissen des höheren Klerus etwas anmaßen, täuschte einige wenige Priester, nahm die, welche mit Briefen zu ihm kamen, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten, übel auf und stieß sie in verschiedene Gefängnisse, schaffte sich mit noch Anderen auch den Bischof von Ostia zur Stelle, der erwiesener Maßen fast todt herbeigebracht wurde, — denn daß er gegen seinen Willen herbeigeschleppt wurde, bezeugt die Krankheit des Greises, und drängte sich auf einen ihm nicht gebührenden Posten mit Ausserachtlassung der von der Religion geforderten Ordnung aus Ehrsucht vor; hierauf begann er sein Unternehmen durch Leute, welche aller Kenntnisse der Disciplin und Religion ermangeln,4 ungeziemend zu schützen, in der S. 313 Meinung, er könne durch menschliche Leidenschaften den göttlichen Ausspruch zu nichte machen.
3. Weil es sicher ist, daß euere Milde durch einen falschen Bericht getäuscht wurde, um irgend einen ungerechten Befehl gegen ein göttliches Urtheil ergehen zu lassen (denn göttlich ist, was immer die Wahl so hoher Würdenträger bestätigt), so bitten wir euere Gottesfurcht, daß ihr die früheren Anordnungen beseitigen und den Eulalius, welcher sich auf den Posten Anderer einschlich, mit seinen Helfershelfern an das Hoflager euerer Unvergänglichkeit5 vorführen lasset. Denn wir bekennen, daß der heil. Papst Bonifacius mit unseren Priestern sich einfinden werde; mit Zurücklassung je eines Priesters aus den einzelnen Kirchen werden Alle erscheinen, um ihren Willen, d. i. Gottes Stimme, zu erklären. Euere Milde möge auch alle bei der Sache Betheiligten vorladen, die, welche sich weigern und nicht gehen wollen, aus der Stadt hinausweisen. Ihr werdet, sobald die genaue Untersuchung begonnen, finden, daß es nicht bloß den göttlichen Gesetzen zuwiderläuft, sondern auch den Beifall der menschlichen nicht erlangen kann; haben wir das erreicht, so sagen wir euerem ewigen Kaiserthume den größten und vielfältigsten Dank. S. 314
Eulalius wird hier beschuldigt, er habe das Leichenbegängniß des Zosimus verachtet, entweder weil er nach dem ersten Berichte des Symmachus sich von demselben weg von einer Volksmenge demonstrativ zur Laterankirche führen Iieß oder wahrscheinlicher, weil er dasselbe früher, als er solIte, bevor es zu Ende war, verlassen hatte, um nur der erste in der Laterankirche zu sein. ↩
Nach dem Berichte des Symmachus die Kirche der heil. Theodora, wo also ausnahmsweise Bonifacius gewählt wurde, während der gewöhnliche Ort (locus competens) die Laterankirche gewesen, die jedoch Eulalius mit Gewalt besetzt hielt. ↩
Nemlich an einem Sonntag. ↩
Hiemit ist der Präfect Symmachus gemeint, dessen Vater sich unter dem P. Damasus durch seine famose Petition an den Kaiser Valentinian ausgezeichnet hatte, vgl. Papstbriefe II. S. 405 Num. 11. ↩
Perennitas vestra, ein den Kaisern gegebener Titel. — Beide Bitten des römischen Presbyteriums gewährte der Kaiser, indem er durch ein Commonitorium sowohI die zu Gunsten des des Eulalius getroffenen Anordnungen suspendirte als auch beide Candidaten mit ihren Parteien, sowie Vertreter verschiedener Provinzen bis zum 8. ui sich nach Ravenna vorlud, wo die versammelten Bischöfe und Priester mit Ausschluß der bei der Wahl Betheiligten über die beiden Wahlen entscheiden sollten. ↩
