12. Auf der Religion beruht Weisheit und Gerechtigkeit.
S. 98 Nachdem wir nun auf die gottlose und verabscheuenswerte Unverständigkeit oder vielmehr Geistlosigkeit einiger Philosophen geantwortet haben, kehren wir wieder zu unserer Aufgabe zurück. Wir haben bemerkt, daß nach Wegnahme der Religion weder Weisheit noch Gerechtigkeit sich behaupten kann; die Weisheit nicht, weil wir ohne Gotteserkenntnis, die den Vorzug des Menschen bildet, uns nicht mehr von den Tieren unterscheiden; die Gerechtigkeit nicht, weil Gott, den man nicht täuschen kann, unsere Leidenschaften in Schranken halten muß, wenn wir nicht verbrecherisch und ruchlos leben sollen. So ist der Glaube, daß Gott auf unser Tun und Lassen schaut, nicht bloß wichtig für das allgemeine Beste des Lebens, sondern auch für den natürlichen Zustand des Menschen. Denn mit Aufhebung der Religion und Gerechtigkeit verlieren wir auch die Vernunft und sinken zum Unverstand der Herden oder zur Wildheit der reißenden Tiere, ja noch tiefer herab; denn auch die wilden Tiere schonen die Wesen ihrer Gattung. Was wird grimmiger sein als der Mensch, was erbarmungsloser, wenn die Furcht vor Gott hinweggenommen ist und wenn man die Kraft der Gesetze entweder umgehen oder verachten kann? Die Furcht Gottes ist es also allein, die die Gesellschaft der Menschen bewacht, die das Leben selbst aufrecht erhält, schützt und lenkt. Diese Furcht wird aber hinweggenommen, wenn dem Menschen die Überzeugung beigebracht wird, daß Gott dem Zorn nicht zugänglich ist. Daß Gott aber von Zorn und Unwillen bewegt wird, wenn Ungerechtes geschieht, davon überzeugt uns nicht bloß der allgemeine Nutzen, sondern auch die Vernunft und Wahrheit selbst.
