22. Die Sibylla von Erythrä.
Dies sind die Gedanken, die ich über den Zorn Gottes darzulegen hatte, teuerster Donatus, damit du diejenigen zu widerlegen wüßtest, die Gott jede innere Bewegung absprechen. Es erübrigt uns noch, nach Ciceros Weise mit einem Nachwort zu schließen. Wie Cicero in den Tuskulanen in der Abhandlung über den Tod es getan hat, so müssen auch wir in unserem Werke glaubwürdige göttliche Zeugnisse anführen, um dem Irrwahn von Männern zu begegnen, die in Gott keinen Zorn annehmen und so alle Religion auflösen. Ohne Religion aber sinken wir, wie bemerkt, zur Wildheit der reißenden Tiere und zur Unvernünftigkeit der Herden herab; denn auf der Religion allein, d. h. auf der Kenntnis des höchsten Gottes beruht die Weisheit. Die Propheten, die vom Geist Gottes erfüllt waren, reden insgesamt von nichts anderem als von der Gnade Gottes gegen die Gerechten, und vom Zorn Gottes wider die Gottlosen. Ihre Zeugnisse wären zwar für uns ausreichend; aber den Propheten glauben die nicht, die ihre Weisheit in Haar und Tracht zur Schau tragen; darum mußten wir sie durch Beweise aus Vernunft und Erfahrung widerlegen. Denn so verkehrt gehen die Dinge, daß das Menschliche dem Göttlichen Glaubwürdigkeit verleihen muß, während umgekehrt das Menschliche vom Göttlichen gestützt werden sollte. Die S. 121 göttlichen Zeugnisse lassen wir jetzt füglich beiseite, um uns bei den Gegnern nicht umsonst zu bemühen und den Stoff ins Ungemessene anwachsen zu lassen. Wir wollen uns nach solchen Zeugnissen umsehen, denen die Gegner zu glauben oder wenigstens nicht zu widersprechen vermögen.
Daß es eine Mehrzahl von Sibyllen1 gegeben hat, haben viele der bedeutendsten Geschichtschreiber überliefert, so von den Griechen Aristonikus2 und Apollodorus3 aus Erythrä, von den Unsrigen Varro4 und Fenestella5; diese alle führen als die vornehmste und berühmteste von allen die Sibylla von Erythrä6 an. Apollodorus rühmt sich ihrer als seiner Mitbürgerin und Volksgenossin; Fenestella berichtet sogar von einer Gesandtschaft, die der Senat nach Erythrä schickte, um die Weissagungen dieser Sibylla nach Rom zu bringen. Dort sollten sie durch die Konsuln Curio und Octavius auf dem Kapitol, das damals von Quintus Catulus wiederhergestellt war, feierlich hinterlegt werden. Bei dieser Sibylla finden sich über den höchsten Gott und Gründer des Weltalls folgende Verse:
„Unveränderlich thront der ewige Schöpfer im Äther;
Guten erweist er Gutes und überreiche Belohnung;
Gegen die Bösen und Schlechten erfaßt ihn Zorn und Entrüstung.“
S. 122 Und wieder an anderer Stelle zählt sie die Untaten auf, die den Zorn Gottes erregen, und führt folgende an:
„Fliehe der Götter ruchlosen Dienst; dem Lebendigen diene;
Nimm dich vor Ehbruch in acht und scheue männliches Lager;
Nähre, und morde nicht der Kinder eigenen Nachwuchs.
Wer sich in solchem vergeht, dem wird der Unsterbliche grollen.“
Gott wird also unwillig über die Sünder.
Sibylla,Διὸς βουλή, Ratschluß des Zeus. Von den älteren Sibyllen sind nur mehr Bruchstücke bei den Schriftstellern vorhanden. Die sibyllinischen Aussprüche, die Laktantius benutzte, stammen teils aus der jüdisch-alexandrinischen Zeit, teils aus dem 2. Jahrh. n. Chr. ↩
Wohl Aristo aus Chios, Schüler des Zeno, Stifter der skeptischen Philosophie. ↩
Verfasser einer Chronik von Erythrä (vor Eratosthenes). ↩
M. Terentius Varro, Zeitgenosse des Cicero und Augustus, Verfasser vieler gelehrten Schriften. Sein Hauptwerk sind die Antiquitates (Altertumskunde) rerum divinarum et humanarum. ↩
Verfasser von Jahrbüchern aus der Zeit des Augustus und Tiberius. ↩
Eine der zwölf jonischen Städte von Kleinasien, Chios gegenüber. ↩
