XII. Kapitel: Manche haben dieses Geheimnis nicht erkannt; sie haben es aber aus eigener Schuld nicht erkannt; große Güter warten jener, die es erkannt haben, besonders aber derer, die als Bekenner gestorben sind.
Inhaltsangabe:
1. „Christus hätte als Gott so auf die Menschen einwirken können, daß ihre Entscheidung besser und nicht so hart ausfiel.“ 2. Sein persönliches Wort war die beste Art, die Menschen zu belehren. 3. Ein Hindernis für die Annahme seiner Lehre bildete nur die Torheit der Menschen, ihre Abneigung und Gleichgültigkeit; ganz gewiß hätten sie sonst den Lohn erhalten, das ewige Leben, das denen bereitet ist, die Christi Lehren hören und befolgen. 4. So wurde die von den Toren zurückgewiesene Lehre S. 229den Weisen, den Aposteln, übergeben, daß sie auf ihr Wort hin angenommen und treu befolgt werde; denn sie verleiht in der Tat Stärke selbst zum Martyrium und damit den ewigen Siegeslohn, ohne sich indessen zu rühmen, da sie wohl weiß, daß es einzig Gottes Geschenk sei. 5. Schon auf Erden werden den Märtyrern große Ehren zuteil, die gewiß nicht für ungebührlich gehalten werden können. Doch wird einer, der gern Lästerworte spricht, sagen, als Gott hätte Christus eine bessere und gütigere Gesinnung der Menschen erzielen können1 . Welcher Weg wäre aber besser und welches Verfahren erfolgreicher gewesen, um die Schlechten zur Besonnenheit zu bringen, als sein eigenes Wort? Hat er nicht persönlich und sichtbar ein wohlgeordnetes Leben gelehrt? Wenn nun die Lehre des gegenwärtigen Gottes nichts ausgerichtet hat, was hätte sie dann genützt, wenn er nicht selber gekommen und gehört worden wäre? Was war dann also das Hindernis für die so beseligende Lehre? Der Unverstand der Menschen; denn wenn wir über das, was uns schön und entsprechend verkündet wird, nur zornig werden, dann wird die Besonnenheit unseres Geistes verdunkelt. Ja, sie haben sogar ihre Freude daran gefunden, seine Aufträge nicht zu beachten und dem gegebenen Gesetz ihr Ohr zu verschließen. Hätten sie aber dieses nicht mißachtet, dann würden sie gewiß für ihr Hören den entsprechenden Lohn nicht nur für die Gegenwart, sondern auch im zukünftigen Leben erhalten haben, das das wahre Leben ist; denn der Lohn für den Gehorsam gegen Gott ist das unvergängliche und ewige Leben, auf das alle Anspruch erheben können, die Gott kennen und ein Leben führen, das S. 230nachahmenswert und gleichsam ein ewiges Beispiel für die ist, welche sich entschlossen haben, in ihrem Leben um die Siegespalme zu ringen2 . Darum wurde also die Lehre den Weisen übergeben, damit, was jene verkünden, mit Sorgfalt und mit reinem Herzen von den Schülern beobachtet und dem Befehle Gottes wahrhaftig und bestimmt nachgekommen werde; denn aus ihr entsteht unter dem Einfluß reinen Glaubens und aufrichtiger Hingabe an Gott sogar Furchtlosigkeit vor dem Tode, und, durch den unüberwindlichen Panzer der Gotteskraft selbst zum Martyrium gerüstet, kann sie den Stürmen dieser Welt entgegentreten3 . Wenn sie dann hochherzig die größten Schrecknisse überwunden hat, wird sie von Gott, für den sie so heldenmütig ihr Zeugnis abgelegt hat, des Siegeskranzes gewürdigt. Doch rühmt sie sich dessen durchaus nicht; denn sie weiß, glaube ich, gar wohl, daß auch das von Gott verliehen ist, daß man ausharren und bereitwillig die Gebote Gottes erfüllen könne4 . Es folgt nun vollends einem solchen Leben ganz mit Recht ein unsterbliches Andenken und ewiger Ruhm, da sich ja sowohl das Leben des Märtyrers besonnen und der Gebote eingedenk, als auch sein Ende voll hochherzigen Edelmutes zeigt. Deshalb erklingen danach Hymnen und Psalmen, Preisgesänge und das Lob Gottes, des allschauenden Herrschers. Und ein solches Dankopfer wird diesen Helden zu Ehren dargebracht, rein von Blut, rein von jeder Gewalttätigkeit; nicht verlangt man da nach dem Duft des Weihrauches noch nach Feuerbrand; es findet sich nur ein reines Licht, genügend, denen zu leuchten, die ihre Gebete verrichten; S. 231voll der Mäßigkeit sind aber auch die Gastmähler, die viele halten, um mitleidig die Dürftigen zu erquicken oder den Verarmten Hilfe zu bringen. Wollte einer dies5 für unziemlich halten, der hätte nicht den Geist der göttlichen und beseligenden Lehre.
Im vorausgehenden Kapitel ist gezeigt, was Christus für die Menschen alles getan hat; daran schließt sich leicht der Einwand, er hätte es ganz anders machen können, um die Menschen sicher zu gewinnen. Es handelt sich zunächst um die Menschen, die ihn persönlich verworfen und ans Kreuz gebracht haben, dann aber auch um alle, die durch die Predigt der Apostel bekehrt werden sollten. ↩
Neben der persönlichen Unterweisung Christi hätte namentlich der in Aussicht gestellte Lohn die Menschen zur Annahme seiner Lehre veranlassen sollen, mag er selbst nur durch das Martyrium errungen werden. ↩
Es liegt wohl eine Textverderbnis vor; zum Gedanken vgl. K. 22. — Daß Gott sogar das Martyrium verlangen kann, ist gewiß eine harte Forderung, aber er selbst gibt die Kraft dazu und groß ist schon der Ruhm, der dem Märtyrer dafür auf Erden zu teil wird. ↩
Gottes Geschenk ist die furchtlose Kraft, die er eben verleiht, damit der Mensoh auszuharren vermöge ↩
Was den Märtyrern zu Ehren geschieht. ↩
