XVIII. Kapitel: Über die erythräische Sibylle, die in einem aus prophetischen Versen bestehenden Akrostichon den Herrn und sein Leiden vorherverkündet hat; es lautet aber das Akrostichon: Ἱησοῦς Χρειστός θεοῦ υἱός σωτήρ σταυρός [Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland, Kreuz].
S. 246Inhaltsangabe:
1. Ich will auch ein heidnisches Zeugnis über die Gottheit Christi anführen, vor dem die Lästerung verstummen muß. 2. Die erythräische Sibylle, Priesterin des Apollo, wurde einmal wirklich vom Geiste Gottes erfüllt und hat in einem Akrostichon vorhergesagt, was Christus bevorsteht. 3. Das Akrostichon. 4. Die Sibylle ist glücklich zu preisen, daß sie auserwählt wurde, Gottes Fürsorge für das Menschengeschlecht zu verkünden.
Es drängt mich aber auch, von den nichtchristlichen Zeugnissen über die Gottheit Christi etwas anzuführen; denn daraus erkennen doch offenbar auch die Lästerer in ihrem Herzen, daß er Gott und Gottes Sohn ist1 , wenn anders sie ihren eigenen Schriften Glauben beimessen. Die erythräische Sibylle also, die, wie sie selbst sagt, im sechsten Zeitalter nach der Sintflut gelebt hat2 , war eine Priesterin des Apollo und trug gerade so wie S. 247der von ihr verehrte Gott eine Binde3 ; den Dreifuß hütend, um den sich die Schlange wand4 , wahrsagte sie denen, die sich an sie wandten; denn in ihrer Einfalt hatten ihre Eltern sie einem solchen Dienste geweiht bei dem sich häßliche Erregung und nichts Heiliges findet, gerade so wie es von Daphne erzählt wird5 . Als diese also einmal in das innerste Heiligtum der sinnlosen Götzenverehrung vordrang und wirklich von göttlicher Begeisterung erfüllt war, weissagte sie in Versen über Gott, was geschehen sollte, indem sie klar durch die Anfangsbuchstaben ihrer Verse, also durch ein Akrostichon6 , die Geschichte von der Herabkunft Jesu offenbarte7 .
Ι „ Ja, es wird Angstschweiß die Welt beim Dräu'n des Gerichts überkommen: Η Er wird von himmlischen Höh'n, der König der Zukunft, erscheinen, Σ Selbst in Person allem Fleisch, aller Welt, das Urteil zu sprechen. Ο Ob sie geglaubt oder nicht, es werden die Menschen den Gott schau'n Υ Und auch die Heil'gen mit ihm, mit dem Höchsten, am Ende der Zeiten. Σ Seelen ruft er vors Gericht, die mit ihren Leibern erstanden.
S. 248 Χ Kahl dann und starrend von Disteln und Dornen wird alle Erde, Ρ Rückwärts wird werfen der Mensch die Götzen und jeglichen Reichtum. Ε Erde und Himmel und Meer wird das Feuer völlig versengen, Ι In des Hades Verließ wird's finden und sprengen die Pforten. Σ So zum befreienden Licht wird jeder der Toten dann kommen, Τ Trennen, was gut und was bös, wird das Feuer durch Prüfung für immer. Ο Ob auch geheim war die Tat, da wird man alles gestehen, Σ So sich ein Herz auch verschließt, wird Gott es durchleuchtend eröffnen.
Θ Trostloses Klagen wird sein und Knirschen der Zähne bei allen, Ε Es wird verlieren den Glanz die Sonne, der Reigen der Sterne. Ο Oben den Himmel durchbebt's, der Mond will den Schein nicht mehr geben, Υ Unten türmt sich die Schlucht, es senkt sich die Höhe der Berge;
Υ Und so wird's schaurige Höh'n auf Erden nicht weiterhin geben, Ι Ist ja ein jeder Berg gleich dem Tal, nicht wird noch ein Meer sein Ο Offen und frei zur Fahrt, denn verbrannt wird durch Blitzstrahl die Erde. Σ Samt dem springenden Quell versiegen die rauschenden Flüsse.
Σ Schallen vom Himmel wird jammerverkündender Klang der Posaune, Ω Offenbar machend das Los, das Leid und den Jammer des Weltalls. Τ Tartarustiefen legt bloß auseinanderklaffend die Erde, S. 249 Η Es werden treten zugleich all die Herrscher zum Richterstuhl Gottes Ρ Regnen vom Himmel wird’s dann einen Strom von Feuer und Schwefel
Σ So wird ein Zeichen dann sein, den Sterblichen allen verständlich, Τ Trägt eines Kreuzes Gestalt, ersehntes Panier für die Treuen, Α Anker des Lebens für sie, für die Frommen, ein Anstoß der Welt ist’s, Υ Und einen Lichtstrom ergießt's aus zwölffachem Quell den Erwählten. Ρ Reichlich gibt Weide der Hirt und herrschet mit eisernem Stabe. Ο O unser Gott, den wir jetzt akrostichisch soeben besungen, Σ Selber gestorben für uns, unser Heil und unsterblicher König.
Dieses zu verkünden wurde der Jungfrau8 offenbar von Gott auferlegt. Glücklich aber preise ich sie, weil der Heiland sie auserwählt hat, als Prophetin seine liebende Vorsehung uns zu verkünden.
Nach Kap. 11 will Konstantin in die christliche Lehre einführen, also namentlich zeigen, daß Christus Gott und Gottes Sohn ist. Dort ist sofort von der Lästerung eingewendet worden, daß er nicht Gott und Gottes Sohn sein könne. Begreiflich, daß Konstantin ein heidnisches Zeugnis bringt, das die Gottheit und Gottessohnschaft Christi zeigt, zugleich auch noch seinen Kreuzestod vorherverkündet, an dem sich eben jene Lästernden gestoßen haben. ↩
Da sich an dieser Stelle verschiedene Angaben finden, die sich sicher nicht auf die uns erhaltenen Oracula Sibyllina zurückführen lassen, ist es wohl geraten, auoh in der Angabe, daß die Sibylle im sechsten Zeitalter nach der Sintflut gelebt habe, nicht an eine flüchtige Benützung von Orac. Sib. 1, 283 ff. zu denken, wonach sie zur Zeit der Sintflut, im sechsten Geschlecht seit Adam gelebt hat. ↩
Gedacht ist wohl an einen mit weißer Binde umwundenen Lorbeerkranz; Apollo hatte auch den Beinamen dafnhforoj. ↩
Der Dreifuß, den die Griechen nach der Schlacht bei Plataä geweiht hatten, kann hier kaum vorschweben, weil sich bei ihm sicher nicht die Schlangen um den Dreifuß herumwanden. Vielleicht ist an eine lebendige Schlange zu denken. ↩
In der Vorstadt Daphne von Antiochien war ein ebenso berühmter wie in sittlicher Beziehung verrufener heiliger Hain mit einem Apolloheiligtum; auch ein Orakel befand sich dort. ↩
Damit ist deutlich angegeben, daß die Geschichte von der Herabkunft Jesu nicht durch die Verse an sich, sondern durch die Akrostichonform geoffenbart ist. ↩
Orac. Sib. 8, 217 ff. ↩
Nach Orac. Sib. I 289 war die Sibylle einem Sohn Noes vermählt. ↩
