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„Hab acht auf dich“, Armer, denn deine Seele ist kostbar! Mag der Leib sterblich sein, die Seele ist unsterblich. Mag es dir an Geld mangeln, nicht mangelt es an Gnade. Mag dein Haus auch nicht geräumig, dein Besitz nicht ausgedehnt sein: weit wölbt sich der Himmel, frei dehnt sich die Erde. Als gemeinsamer Besitz sind allen die Elemente verliehen worden, gleicherweise stehen Reichen und Armen die Herrlichkeiten der Welt offen. Ist etwa die vergoldete Deckentäfelung der Prunkbauten schöner als die von funkelnden Sternen besäte Himmelsflur? Dehnen die Ländereien der Reichen sich weiter aus als die Strecken der Erde? Darum der Vorwurf gegen jene, die Haus an Haus und Hof an Hof reihen: „Wollt ihr denn allein wohnen auf der Erde?“ Größer ist das Haus, das du, Armer, besitzest, worin du rufst und Erhörung findest. „O Israel, ruft der Prophet aus, wie groß ist das Haus Gottes und endlos die Stätte seines Besitztums! Groß und ohne Grenzen, hoch und unermeßlich!“ Dem Reichen wie dem Armen gehört gemeinsam das Haus Gottes; „schwer doch ist's, daß ein Reicher in das Himmelreich eingeht“. Aber es fällt dir vielleicht hart, daß dir kein Licht von goldenen Leuchtern schimmert? Doch viel heller funkelt dir, rings Licht ausstrahlend, der Mond. Über den Winter S. 276 vielleicht klagst du, weil kein Hypokaustum mit dampfender Hitze dir Wärme haucht? Doch du erfreust dich der Sonnenhitze, die dir den Erdkreis erwärmt und dich vor Winterkälte schützt. Oder dünken dir jene glücklich, die von dichten Sklavenscharen gefolgt und umringt sind? Doch wer fremder Füße sich bedient, kennnt nicht die Wohltat der eigenen; so läßt er denn etliche Sklaven vor sich herziehen, von der großen Mehrzahl sich tragen. Du müßtest denn seinen Überfluß an Gold, Silber und Geld bewundern? Was er alles in Fülle besitzt, siehst du, was er alles entbehrt, siehst du nicht. Auf Betten von Elfenbein ruhen dünkt dir kostbar und denkst nicht daran, daß die Erde kostbarer ist, die dem Armen den Teppich grüner Matten breitet, worauf ihn süße Ruhe, erquickender Schlaf umfängt, den der auf goldenes Lager gebettete Reiche die ganze Nacht durchwachend herbeisehnt und nicht kostet. O wie unendlich glücklicher schätzt er dich, der Wache den Ruhenden! Dazu kommt, und das besagt noch viel mehr, daß der Gerechte, der hier darbte, dort Überfluß, der hier Mühseligkeit erduldete, dort Tröstung finden wird, daß aber der, welcher hier schon das Gute empfangen, dort keinen Lohn hierfür gewärtigen kann; denn die Armut legt sich ihren Lohn zurück, der Reichtum zehrt ihn auf.
