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S. 16 „Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken,“ 1 sagt die Stimme Gottes. Überdieß nun fordert sie uns auf, einerseits die Last des Reichthums durch Vertheilung an die Dürftigen abzuwerfen, anderseits aber die aus demselben hervorgegangene Menge von Sünden durch Wohlthun und Bekenntniß abzulegen und zum kreuztragenden Leben der Mönche hinzueilen. Wer sich nun vorgesetzt hat, Christus zu gehorchen, und zu dem armen und gesammelten Leben hineilt, der ist in Wahrheit bewundernswerth und glücklich. Allein ich möchte ihn ermahnen, Dieses nicht ohne Überlegung zu thun, und sich kein Leben ohne Anstrengung und keine Rettung ohne Kampf vorzumalen; im Gegentheile muß er sich vorher üben und bemühen in Ertragung leiblicher und geistiger Drangsale, damit er sich nicht in ungeahnte Kämpfe stürze und alsdann nicht im Stande, den auf ihn eindringenden Versuchungen zu widerstehen, wieder dahin laufe, woher er ge- S. 17 kommen, mit Schande und Gelächter und zum Schaden seiner Seele zu dem frühern Leben zurückkehre. Vielen Ärgerniß gebe und bei Allen die Verstellung veranlasse, der Wandel in Christus sei unmöglich. Die Gefahr kennt ihr alle, die ihr die Evangelien leset, in denen die Stimme Gottes sagt: „Es wäre besser für ihn, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in das Meer geworfen würde, als daß er eines dieser Kleinen ärgerte.“ 2 Denn nicht allein wird er als Fahnenflüchtiger, sondern auch wegen des Verderbens der von ihm Verführten dem Gerichte verfallen, obwohl er sich in seinen thörichten Gedanken einreden möchte, wenn er in der Welt lebe, könne er die Gottheit durch gute Werke versöhnen. Das ist aber für ihn eine Unmöglichkeit. Denn war er nicht im Stande in einem Leben, zu dem wegen der geistigen Sammlung die Sünde nicht leicht Zutritt hat, die Kämpfe mit dem Feinde zu bestehen, wie wird er dann in einem der Sünde vielfach ausgesetzten und von ihm selbst eingerichteten Leben etwas Tugendhaftes vollbringen können? Aber auch zugegeben, er richtete sein Leben gut ein, so wird er doch dem Vorwurfe, Christus verlassen zu haben, nicht entgehen, wie jene im Evangelium bezeichneten Schüler, von denen der göttliche Evangelist sagt: „Viele aber von den Jüngern traten zurück und wandelten fürder nicht mehr mit Jesus, indem sie sagten: Hart ist diese Rede, wer kann sie hören?“ 3 Denn deßhalb hat auch der gütige, für unser Heil besorgte Gott das Leben der Menschen in zwei Lebensweisen geschieden: in den Ehestand und jungfräulichen Stand, damit, wer den Kampf der Jungfräulichkeit nicht zu bestehen vermag, sich mit einer Frau verbinde, wohl wissend, daß er werde Rechenschaft geben müssen über seine Enthaltsamkeit und Heiligkeit, sowie über die Ähnlichkeit mit jenen Heiligen, die im Ehestande gelebt und Kinder erzeugt haben. Ein Solcher war im alten Testamente Abraham, der aus Ehrfurcht gegen Gott ohne Be- S. 18 trübniß seinen eingebornen Sohn opferte und sich dessen rühmte, der auch die Thüre seines Zeltes offen hielt, um die Fremden aufzunehmen und zu beherbergen. Denn er hatte nicht gehört: „Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen.“ 4 Größeres noch als Dieses thaten Job und Andere, wie David und Samuel. In dem neuen Testamente war Petrus ein Solcher und die übrigen Apostel. Überhaupt werden von jedem Menschen die Früchte der Gottes- und Nächstenliebe gefordert und wird er für die Übertretung dieser wie aller Gebote büßen; wie da der Herr in den Evangelien mit klaren Worten sagt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht werth;“ und: „Wer nicht haßt seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder, ja auch selbst seine eigene Seele, der kann mein Jünger nicht sein.“ 5
